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«Wen lügt ihr an?» Situation in Shanghai bleibt trotz Lockerungs-Ankündigung angespannt

18.05.2022, 04:4018.05.2022, 13:42
Dario Bulleri
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Die Lockerungs-Meldung

Am Montag hat die Stadtverwaltung von Shanghai bekannt gegeben, dass der strickte Lockdown nach mehreren Wochen gelockert wird. Die Zahlen der Neuinfektionen sanken zuletzt in der Metropole im Osten des Landes. Nachdem beim Peak Mitte April noch über 3000 Menschen pro Tag neu positiv getestet worden waren, waren es am Mittwoch nur noch 96.

Die strikten Massnahmen sollen in Shanghai langsam gelockert werden.
Die strikten Massnahmen sollen in Shanghai langsam gelockert werden.Bild: keystone

«Die Epidemie in unserer Stadt ist unter wirksamer Kontrolle», erklärte Vize-Bürgermeisterin Zong Ming. Sie berichtet, die Zero-Covid-Vorgaben seien in den meisten Stadtteilen erfüllt – in 15 von 16 sei es ausserhalb der Quarantänegebiete zu keinen Infektionen mehr gekommen. Damit könne der Lockdown beendet werden.

Der Plan für die nächsten Wochen

Trotz der tiefen Anzahl Neuinfektionen wird die Rückkehr zur Normalität in Shanghai allerdings andauern. Zong kündigte an, man wolle die Lockerungen Schritt für Schritt durchführen. In einem ersten Schritt sollen Läden und Supermärkte wieder öffnen und ein «geordnetes» Einkaufen ermöglichen, zudem sollen auch Restaurants wieder eine begrenzte Anzahl Gäste begrüssen dürfen. Auch Schulen sollen den Präsenzunterricht schrittweise wieder aufnehmen. Danach sollen auch Coiffeurs und weitere Geschäfte wieder öffnen.

Die Bewegungsfreiheit bleibt hingegen zunächst eingeschränkt – so werden U-Bahnen vorerst weiterhin nicht fahren. Um die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, braucht es zudem noch einen negativen Test, der nicht älter als 48 Stunden ist. Ziel sei es gemäss der Regierung, bis im Juni wieder zur Normalität zurückzukehren.

Um die Infektionszahlen weiterhin unter Kontrolle zu haben, kündigte die Regierung an, weitere Testmöglichkeiten einrichten zu wollen. Ziel soll es sein, dass jede Person innerhalb von 15 Minuten eine Teststelle erreichen kann. Bisher gibt es in der Millionenstadt 5700 Testcenter, gemäss staatlichen Medien soll die Anzahl auf fast 10'000 erhöht werden.

Die Testkapazitäten sollen in Shanghai weiter ausgebaut werden.
Die Testkapazitäten sollen in Shanghai weiter ausgebaut werden.Bild: keystone

Die Skepsis

Trotz den verhältnismässig positiven Neuigkeiten hält sich die Euphorie bei den Bewohnerinnen und Bewohnern Shanghais in Grenzen. So waren auf mehreren Social-Media-Plattformen skeptische Kommentare zu lesen, ehe am Dienstag ein Grossteil gelöscht wurde. Auf Weibo machte etwa ein Post die Runde, der besagt:

«Ihr könnt mich beschwindeln, aber tut es bitte nicht zu oft.»

Die Skepsis entstand dadurch, dass die Regierung ihre Ansagen zuletzt immer wieder nicht umgesetzt hatte. Kurz bevor der Lockdown ausgerufen wurde, hatten die Behörden immer wieder bestritten, dass es zu einem solchen kommen würde. Im März waren sogar zwei Leute festgenommen worden, da sie angeblich Gerüchte über einen solchen verbreitet hatten. Und als er schliesslich doch ausgerufen wurde, hiess es zunächst, er würde nur vier Tage dauern.

Ebenfalls skeptisch stimmte, dass die Regierung weitere Massnahmen nicht ausschliessen wollte. So knüpfte man die Lockerungen an die Bedingung, dass man die «Risiken einer Rückkehr der Infektionen» unter Kontrolle habe, so Zong Ming. An der Zero-Covid-Strategie soll weiter festgehalten werden.

Tatsächlich berichteten einige Bürgerinnen und Bürger bereits, entgegen den Berichten nach wie vor im Lockdown zu sein. «Wen lügt ihr an? Wir können nicht einmal unser Grundstück verlassen», so ein Bewohner der Stadt auf Weibo gemäss ARD. Ein anderer kritisierte laut CNN die staatlichen Medien wie folgt:

«Obwohl ich nicht raus darf, fühle ich ein richtiges Gefühl der Wärme dank euren Fake News. Vielen Dank!»

Die Folgen des Lockdowns

Wie Daten zuletzt zeigten, hat die chinesische Wirtschaft unter den Lockdowns wie denjenigen in Shanghai stark gelitten – die Folgen waren noch stärker als erwartet. Die Industrieproduktion fiel im April überraschend um 2.9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, wie das Statistikamt am Montag in Peking berichtete.

Auch die Umsätze im Detailhandel brachen deutlicher als von Analysten vorhergesagt sogar um gut 11 Prozent ein. Die Zahlen deuten nach Ansicht von Experten darauf hin, dass der Abschwung in diesem Jahr stärker als erwartet ausfällt. «Die Daten für die Aktivitäten im April haben den Schaden durch die Lockdowns in Shanghai und anderen Teilen des Landes offengelegt», schrieben Chang Shu und Eric Zhu in einer Analyse der Finanzagentur Bloomberg. «Die Auswirkungen sind viel breiter und tiefer als erwartet.»

Gemäss einem Bericht der BBC ist zudem auch die Arbeitslosenquote in China zuletzt wieder angestiegen. 6,1 Prozent der Bevölkerung sollen demnach ohne Job sein. Dies ist die höchste Quote seit der ersten Phase der Pandemie im Februar 2020.

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Das bunte Treiben der Coronasünder

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Das bunte Treiben der Coronasünder
quelle: keystone / andy rain
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Menschen schreien von ihren Balkonen in Shanghai

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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18.05.2022 08:32registriert Dezember 2019
Wer glaubt, dass deswegen die grosse chinesische, demokratische Revolution beginnt, der ist leider zu optimistisch. Xi ist fest im Sattel und hat die Partei im Griff, die Chinesen sind sich unnahbare Eliten für tausende von Jahren gewohnt und haben keine Verwurzelung für Werte wie individuelle Freiheit und Selbstbestimmung. Vielleicht wird es irgendwann als der Anfang des Endes gelten, oder der Kieselstein der alles ins Rollen brachte, aber erwartet nicht zu viel zu schnell. Ich persönlich glaube nicht, dass ich das Ende der CCP noch erleben werde. Aber ich hoffe es.
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