Wenn es nach Michelle Hanlon, der Leiterin des Zentrums für Luft- und Weltraumrecht an der Universität von Mississippi, geht, muss die internationale Staatengemeinschaft endlich den neuen Status quo anerkennen. Im Gespräch mit dem Onlineportal «Meduza» erklärt sie: «Das Konzept der 'Militarisierung des Weltraums' ist längst überholt. Der Weltraum ist militarisiert.»
Zahlen aus einer Recherche der «Financial Times» bestätigen diese Aussage: Anfang des vergangenen Jahres verfügten die USA über 247 militärische Satelliten, China über 157 und Russland über 110. Aber auch kleinere Staaten versuchen, mitzumischen: Frankreich betreibt laut der Recherche im All 15 Militärsatelliten.
Auch wenn die meisten von ihnen für Frühwarnung und Kommunikation genutzt werden, hat auch das Wettrennen um Satellitenwaffen längst begonnen. Die Juristin Hanlon fordert im Interview deswegen einen neuen Fokus: «Ich denke, wir müssen die Diskussion wirklich mehr darauf ausrichten, wie wir das Risiko von Konflikten im Weltraum verhindern, mindern oder verringern können.»
Obwohl Staaten wie die USA, Russland und China längst ein Wettrüsten betreiben, ist die rechtliche Situation noch relativ dünn. Hanlon erklärt, das einzige wirkliche internationale Gesetz für das Weltall stamme aus der Zeit des Kalten Krieges: der «Outer Space Treaty» von 1967, in Kraft getreten zwei Jahre vor der ersten Mondlandung.
In ihm ist festgelegt, dass keine Atom- oder Massenvernichtungswaffen im All stationiert werden dürfen. Weiter ist geregelt, dass der Mond nur friedlich genutzt werden darf. Gleichzeitig betont Hanlon: «Das ist natürlich alles sehr offen formuliert.»
Den militärischen Wettlauf im Weltall konnte das Gesetz so nicht zurückhalten. Erst im April dieses Jahres hat die US-amerikanische Space Force das Ziel ausgegeben, die Vorherrschaft im Weltall verteidigen zu wollen. US-General Chance Saltzman wurde in einem Statement deutlich: Es gehe darum, «Aggressoren, die unsere vitalen nationalen Interessen bedrohen, abzuschrecken und, falls nötig, zu besiegen.»
Auch wenn die USA noch eine Vorreiterposition innehaben, schliessen andere Staaten schnell auf. Russland hat schon 2021 bei Tests einen seiner eigenen Satelliten zerstört – und so demonstriert, was die eigenen Waffen können.
Im Februar 2022 schoss Russland schliesslich den Cosmos 2553-Satelliten in die Umlaufbahn, laut US-Seite ein Schritt Richtung nuklearer Waffen im All, Russland stritt alles ab. 2024 erhoben die USA schliesslich bei den Vereinten Nationen Vorwürfe, dass Russland Waffen ins Weltall geschickt habe. So soll Russland in der Lage sein, fremde Satelliten zu zerstören.
Der wirkliche Rivale der USA im Kampf um die Vorherrschaft im Weltall ist allerdings China. Technisch scheinen die USA zu befürchten, dass die Volksrepublik sie schon bald abhängen könnte. Schon 2021 soll China Hyperschallwaffen getestet haben, die die fünffache Schallgeschwindigkeit erreichen.
Wie die Internetseite «Modern Diplomacy» schreibt, sollen chinesische Satelliten auch zu Luftkämpfen in der Lage sein. Der Vizechef der US-Space Operations, General Michael Guetlein, betonte dem Bericht zufolge auf einer Konferenz in Washington die Beweglichkeit und Präzision der chinesischen Satelliten.
Stephen Whiting, ein Kommandeur des United States Space Command, erklärte im Fachportal «Breaking Defence», dass China über eine Reihe von Waffen verfüge. Er spricht von einer «atemberaubend schnellen» Entwicklung. China würde etwa über Laserwaffen verfügen. Mit diesen sogenannten «Hard Kill»-Waffen können feindliche Satelliten direkt durch Beschuss zerstört werden. Gleichzeitig besitzt China wohl auch «Soft Kill»-Waffen. Damit sei die Volksrepublik in der Lage, Satelliten etwa durch Cyberattacken zu zerstören, erklärt Whiting.
Ein offensichtliches Muster, dass leider oft ignoriert wird.