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In this Sunday, May 3, 2020 photo, the iconic Christ the Redeemer statue is lit up as if wearing a protective mask and with a hashtag that reads in Portuguese:

Selbst Cristo Redentor trägt Maske. Aber alle sehen die Notwendigkeit dafür in Brasilien nicht. Bild: AP

9 Punkte, die zeigen, warum du aktuell nicht in Brasilien sein willst

In Brasilien ist das Coronavirus auf dem Vormarsch. Im mit Abstand grössten südamerikanischen Land spitzt sich die Lage für die Menschen und die Natur täglich zu – und dies bei einer riesigen Dunkelziffer.



Brasilien weist im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl eine kleine Anzahl Corona-Fälle aus – laut den offiziellen Zahlen. Die Realität sieht jedoch weniger rosig aus. Die Dunkelziffer ist hoch und die Fallzahlen steigen rasant.

Dazu sorgt die lapidare Haltung von Präsident Jair Bolsonaro für Ärger in der Bevölkerung. Er redet die Gefahr klein und sorgt gar selber für Massenansammlungen.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Anzahl Fälle

Beginnen wir mit den gemeldeten Corona-Fällen insgesamt, ohne Rücksicht auf Ländergrössen oder Testkapazitäten zu nehmen.

Steiler als die brasilianische Kurve der Fallzahlen steigt nur diejenige in Russland. Doch es gibt einen wichtigen Unterschied: In Russland wurde in den letzten Tagen massiv mehr getestet als in Brasilien. Mehr dazu weiter unten bei Punkt 4.

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Neuansteckungen pro Tag

Auch bei den Neuansteckungen pro Tag ist vor allem eines festzustellen: Die Kurve zeigt rasant nach oben. In den letzten 5 Tagen ist sie förmlich explodiert. Waren es gestern noch rund 7000 neue Fälle, wurden heute schon erstmals über 10'000 gemeldet.

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Corona-Fälle pro Einwohner

Die beiden oberen Kurven zeichnen ein dramatisches Bild der Lage in Brasilien. Setzen wir die Zahlen ins Verhältnis zu den Einwohnern, sieht es für den Rund-200-Millionen-Staat aber vorerst noch deutlich besser aus. Die Zunahme ist geringer als in Russland. In den nächsten Tagen ist allerdings eine deutliche Verschlechterung zu erwarten.

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Anzahl Tests und Tote

Die Anzahl Tests ist in Brasilien sehr gering. Rund 340'000 wurden gemäss Worldometer bis am Donnerstag durchgeführt. Gerechnet auf eine Million Einwohner sind das rund 1600.

Damit befindet man sich zwar in ähnlichen Dimensionen wie andere südamerikanische Länder, europäische Länder hingegen führten 30'000 bis 40'000 Tests pro Million Einwohner durch, in Russland sind es aktuell 34'000. Die Dunkelziffer dürfte also massiv höher sein.

A health professional holds up the Portuguese phrase:

Medizinische Mitarbeiter demonstrieren, dass ihnen wichtiges Schutzmaterial zum Arbeiten fehlt. Bild: AP

Das zeigen auch die Todeszahlen aus Brasilien – aktuell rund 600 Tote pro Tag. Das Portal G1 schreibt vom «schlimmsten Tag» – doch dieser dürfte kaum schon erreicht sein. Mit total 9188 Toten liegt Brasilien weltweit bereits an sechster Stelle.

Das macht Bolsonaro

Präsident Jair Bolsonaro nahm das Virus zu Beginn überhaupt nicht ernst. Er verspottete es als «kleine Grippe», Erfindung der Medien und «Hysterie». Zwischenzeitlich wurde er zweimal auf das Coronavirus getestet, beide Tests fielen negativ aus – allerdings zeigte er das Testresultat nicht öffentlich, was ihm Kritik einbrachte. Am Mittwoch wurde entschieden, dass er dieses zeigen müsse. Das ist bisher noch nicht passiert.

Brazil's President Jair Bolsonaro speaks during the inauguration ceremony of the newly appointed justice minister, at the Planalto presidential palace, in Brasilia, Brazil, Wednesday, April 29, 2020. (AP Photo / Eraldo Peres)
Jair Bolsonaro

Jair Bolsonaro nimmt das Coronavirus noch immer nicht ernst. Bild: AP

Auch jetzt will Bolsonaro nichts von Massnahmen wissen, sondern fordert eine Rückkehr zur Normalität. «Brasilien darf nicht stillstehen!», fordert der rechtspopulistische Präsident. An Abstandsregeln mag er sich nicht halten.

Für Aufsehen sorgte auch Bolsonaros Reaktion auf die Frage eines Journalisten, der ihn vor einer Woche zu den dramatischen Fallzahlen in Brasilien fragte: «Und? Es tut mir leid. Was soll ich tun? Ich bin Messias, aber ich vollbringe keine Wunder.» Messias ist Bolsonaros zweiter Vorname.

Seinen Gesundheitsminister entliess Bolsonaro am 16. März aufgrund Meinungsverschiedenheiten.

Massnahmen

Staatliche Massnahmen gibt es wenige. Ausländer dürfen bis Ende Mai nicht einreisen. Ansonsten handelten vor allem die Bundesstaaten oder einzelne Städte. Schulen wurden geschlossen, teilweise gilt Maskenpflicht. Einige Staaten wollen den kompletten Lockdown ausrufen.

People walk in an empty street during a lockdown imposed by the government to help stop the spread of the new coronavirus in the historic district of downtown Sao Luis, in the northeastern state of Maranhao, Brazil, Tuesday, May 5, 2020. The capital of tropical Maranhão state ground largely to a halt Tuesday, becoming the first major Brazilian city to enter a lockdown in the hopes of preventing the coronavirus pandemic from overwhelming the health care system of one of the country's poorest states. (Douglas Junior/Futura Press via AP)

Leere Strassen gehören auch in Brasilien teilweise zum aktuellen Bild. Bild: AP

Auf die Ausgangsbeschränkungen in einigen Teilen protestierten Anhänger Bolsonaros auf den Strassen. Für viele Einwohner sind Quarantäne-Massnahmen heftig, da sie oft von der Hand in den Mund leben.

Gesundheitssystem

Das Gesundheitssystem in Brasilien war vielerorts schon vor der Pandemie nicht im besten Zustand – jetzt werden die Mängel täglich offensichtlicher. Dazu trägt auch die Misswirtschaft dieser Institutionen in den letzten Jahren bei.

Workers carry a coffin into a common pit at the Nossa Senhora Aparecida cemetery, amid the new coronavirus pandemic in Manaus, Amazonas state, Brazil, Wednesday, April 22, 2020. (AP Photo/Emerson Cardoso)

Friedhöfe kommen in Brasilien kaum nach mit Beerdigungen. Bild: AP

Diverse Krankenhäuser und Friedhöfe agieren in diversen Städten und Bundesstaaten an ihren Grenzen oder sind schon kollabiert. Teilweise werden Massengräber geschaufelt.

epa08380977 People attend a funeral at a mass grave at the Nossa Senhora Aparecida cemetery in Manaus, Brazil, 23 April 2020. The new section of the cemetery was opened amid a sharp rise in COVID-19 victims.  EPA/RAPHAEL ALVES  ATTENTION: This Image is part of a PHOTO SET

Massenbeerdigung in Brasilien. Bild: EPA

Der neue Gesundheitsminister Nelson Teich erklärte allerdings am Montag, dass Forderungen nach Notspitälern in der Region Manaus im Regenwald übertrieben seien. Die Stadt ist aktuell wohl die am schlimmsten betroffene des Landes. Teich versprach der Region immerhin 267 medizinische Mitarbeiter zur Unterstützung, sowie Schutzmaterial.

Waldbrände

Die Abholzung und (gelegten) Waldbrände im Regenwald Brasiliens nahmen durch die Coronakrise massiv zu. Im Vergleich zu den ersten drei Monaten 2019 um satte 50 Prozent. Von der Fläche her entspricht dies ungefähr eineinhalb Mal dem Bodensee.

Wie das «Diário Oficial», eine Art Amtsblatt, am Donnerstag schreibt, sei dies drei Monate früher der Fall als noch im letzten Jahr, der Einsatz ist von 11. Mai bis 10. Juni in den neun Bundesstaaten des Amazonasgebiets vorgesehen und kann wie im vergangenen Jahr auf bis zu 60 Tage ausgeweitet werden. Umweltschützern zufolge kann die Anwesenheit der Streitkräfte die illegale Zerstörung des Waldes kurzfristig eindämmen. Aber sie warnen auch, dass die Armee nicht die Arbeit der Umweltbehörden ersetzen könne.

epa07787034 A handout picture provided by Porto Velho's Firefighters shows a fire at the Brazilian Amazonia, in Porto Velho, capital of Rondonia, Brazil, 18 August 2019 (issued 22 August 2019). The Brazilian region of the Amazonia has registered ove half of the 71,497 fires detected this year between January and August, an 83 percent increase over the the same period last year according to Brazil's National Institute for Space Research (INPE).  EPA/Porto Velho Firefighters HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES/NO ARCHIVES

Im Regenwald wüten aktuell sehr viele Waldbrände. Das Militär soll jetzt helfen. Bild vom August 2019. Bild: EPA

Bolsonaro steht in der Kritik, weil ihm vorgeworfen wird, er habe das politische Klima geschaffen, in dem sich Holzfäller, Goldsucher, Bauern und andere Eindringlinge in geschützte Gebiete zu immer mehr Abholzung und Brandrodung ermutigt sehen. Der Staatschef hat immer wieder klargemacht, dass er die Amazonasregion vor allem mit ungenutztem wirtschaftlichem Potenzial verbindet. Seit seinem Amtsantritt im Januar 2019 hat er deshalb die Umweltbehörde wie auch die Indigenen-Behörde gezielt geschwächt, das Personal und die Kontrollen sind weniger geworden. Durch die Covid-19-Pandemie hat sich diese Entwicklung noch verstärkt.

Besonders betroffen sind davon auch Ureinwohner, in deren Gebiete immer mehr eingedrungen wird und die meist weniger oder andere Abwehrsysteme als unsere («zivilisierten») Körper haben.

Favelas

Besonders prekär ist die Lage zudem in Favelas. In den Armensiedlungen grosser Städte ist Social Distancing ein Ding der Unmöglichkeit. Zudem gab es Berichte von unsauberem Wasser in verschiedenen Orten.

epa08353979 People walk in the Rocinha favela in Rio de Janeiro, Brazil, 09 April 2020. The elderly who live in the favelas of the Brazilian city of Rio de Janeiro, one of the groups most at risk in the current health crisis caused by COVID-19, have been reluctant to accept the mayor's invitation to temporarily shelter in hotels with all expenses paid.  EPA/Antonio Lacerda

Social Distancing ist in den kleinen Häuschen und engen Gassen der Favelas ummöglich. Bild: EPA

Wie auch in anderen Ländern gilt in Brasilien: Die Ärmsten trifft diese Krise deutlich härter als andere Gesellschaftsschichten.

(Mit Material der sda)

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