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Ohne Maske, ohne Abstand, ohne Corona-Regeln: So bewegen sich die Briten – wie hier beim Leicester Square in London – seit dem 19. Juli wieder.
Ohne Maske, ohne Abstand, ohne Corona-Regeln: So bewegen sich die Briten – wie hier beim Leicester Square in London – seit dem 19. Juli wieder.
Bild: keystone

Fallzahlen im Sturzflug: Was ist eigentlich in Grossbritannien los?

Grossbritannien freut sich: Zum ersten Mal seit Februar sanken die Corona-Neuinfektionen an sechs Tagen in Serie. Die Auswirkungen des «Freedom Day» vor einer Woche sehen wir erst in den nächsten Tagen. Doch was sind die Gründe für den massiven Rückgang?
27.07.2021, 08:5428.07.2021, 14:49
Reto Fehr
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In Grossbritannien sausten die Corona-Neuinfektionen Anfang Juni steil nach oben. Die Kurve stieg ähnlich steil an wie in der zweiten Welle im Winter. Trotzdem hielt Premierminister Boris Johnson am schon einmal verschobenen «Freedom Day» am 19. Juli fest. Die hochansteckende Delta-Variante beeindruckte ihn nicht.

So viel sei gesagt: Die Auswirkungen des Freedom Day zeichnen sich sieben Tage später noch nicht in den Fallzahlen ab. Es dauert noch bis mindestens Ende Woche, um dessen Auswirkungen zu sehen. Für alle, die jetzt schreien: «Aber es geht doch um die Hospitalisationen» – dazu kommen wir weiter unten.

Zuerst zu den Fallzahlen: Am Sonntag wurden für Grossbritannien 29'173 Neuinfektionen gezählt. Das sind 40 Prozent weniger als eine Woche zuvor (48'161 Neuinfektionen). Im 7-Tagesschnitt nahmen die Infektionen immerhin um 15,4 Prozent ab, trotz der Delta-Variante, die praktisch 100 Prozent der Neuinfektionen ausmacht. Auch am Montag ging die Talfahrt weiter: 24'950 Neuinfektionen wurden gemeldet (39'995 sieben Tage zuvor).

Warum brechen diese erstmals während dieser Pandemie in Grossbritannien ein, ohne dass irgendwelche Massnahmen verschärft wurden? Warum nahmen diese genau jetzt erstmals seit Februar an sechs aufeinanderfolgenden Tagen ab?

An härteren Massnahmen kann es nicht liegen. Die Regelungen wurden auf der Insel vor dem «Freedom Day» letztmals am 17. Mai gelockert. Da wurden viele Beschränkungen von Kontakten im Freien gelockert und auch drinnen durften sich wieder mehr Leute treffen. Mit zum Anstieg im Juni/Juli beigetragen dürfte die Europameisterschaft haben.

Blicken wir erst auf die Entwicklung in Grossbritannien:

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Mögliche Gründe für den Rückgang der Fallzahlen

Europameisterschaft

Wie schon erwähnt: Die Europameisterschaft wird vielerorts für die steigenden Fallzahlen in Grossbritannien als Grund herbeigezogen. Bis zu 60'000 Fans fieberten in Glasgow und London im Stadion mit, von den unzähligen Public Viewings ganz zu schweigen.

Bei den Schotten kursierte bald eine Meldung von rund 2000 Infizierten EM-Fans, die aus London zurückkehrten. In England kannte die Euphorie noch einige Tage mehr praktisch keine Grenzen, weil «es» fast heimgekommen wäre.

Tatsächlich kann der Anstieg teilweise mit dem Fussballfest belegt werden. Mark Woolhouse, Professor für Epidemiologie von Infektionskrankheiten an der Universität in Edinburgh, sagte dazu der BBC: «Wir haben keine Anzeichen für ein Ansteigen der Fälle seit dem Ende der EM gesehen.»

Tatsächlich schieden die Schotten am 22. Juni aus, zwei Wochen später, ab dem 3. Juli, sanken die Infektionen rapide. England dagegen stand am 11. Juli noch im Endspiel, die Fallzahlen sanken dann erst ab dem 21. Juli stark:

Antikörper

Aber Fussball alleine dürfte nicht der Grund für die Entwicklungen sein. Das nationale Statistikbüro Grossbritanniens gab seine neusten Zahlen kürzlich bekannt. 92 Prozent der Erwachsenen hätten demnach in Grossbritannien Antikörper gegen das Coronavirus entwickelt. Dies kann durch Impfung oder Ansteckung der Fall sein. Mit anderen Worten: Dem Virus gingen in den letzten Tagen die Wirte aus.

Wetter

Was auch als Mitgrund für die sinkenden Fallzahlen vermutet wird: Das Wetter war in den letzten zwei Wochen auf der Insel ziemlich freundlich. Dadurch hielten sich die Menschen mehr draussen auf, wo angenommen wird, dass sich das Virus langsamer verbreitet. «Die aktuellen Daten für den Sommer zeigen ein gutes Bild», fasste Epidemiologe Paul Hunter von der University of East Anglia in der BBC zusammen.

Ferien

Mit dem Sommer spielt noch ein Faktor den Bemühungen, das Virus einzudämmen, in die Hände: Schulferien. Zum einen gibt es so deutlich weniger Kontakte unter Schülern, zum anderen verbringen viele Briten die Ferien im Ausland. So gab es Rückläufe bei Coronatests, welche die Behörden auch im Zusammenhang mit Urlaubsreisenden sehen.

Was sind die Auswirkungen des Freedom Day?

Grundsätzlich sieht es für Grossbritannien aktuell also deutlich besser aus als noch vor ein paar Tagen. Trotzdem zögern die meisten Experten noch in Bezug auf die Frage, ob die dritte Welle überstanden sei. Paul Hunter gehört da schon zu den offensiven Stimmen: «Würde ich wetten, ich würde jetzt sagen, dass die Auswirkungen des Freedom Day nicht gross genug sein werden, um die Fallzahlen wieder deutlich ansteigen zu lassen. Aber sicher bin ich mir natürlich nicht.»

Auch Hunter gibt gegenüber der Daily Mail zu bedenken, dass seit dem 19. Juli erst sieben Tage vergangen sind: «Es ist zu früh, um irgendwelche Auswirkungen des Freedom Day in den Daten zu sehen. Aber die Chancen stehen gut, dass Anstiege höchstens klein wären und nur für wenige Tage andauern würden.»

Und was ist mit den Hospitalisationen?

Tatsächlich bleibt die Entwicklung abzuwarten. Spanien und die Niederlande haben leider gezeigt, dass insbesondere das Öffnen der Clubs zu Anstiegen führte und in jenen Ländern griff man kurz darauf wieder zu Massnahmen. Ob und wie das in Grossbritannien geschieht, werden die nächsten Tage zeigen.

Doch bleiben wir noch kurz bei erfreulicheren Nachrichten. Wie eingangs erwähnt: Viele lassen sich aktuell nicht aus der Ruhe bringen, solange die Zahlen der Hospitalisationen nicht steigen. Diese zogen in Grossbritannien in den letzten Tagen zwar an, aber deutlich weniger ausgeprägt als im Winter, wie die Grafik zeigt:

Die Gründe dafür wurden in den letzten Tagen auch in anderen Ländern immer wieder genannt: Viele der Risikopersonen sind mittlerweile geimpft und aktuell stecken sich eher jüngere Mitmenschen an, welche oft von einem milderen Verlauf profitieren. Dr. Samantha Batt-Rawden, Präsidentin der britischen Ärztevereinigung, sagte dem Guardian, dass die Corona-Patienten zwar immer «jünger und jünger» werden. Und noch etwas hat sie festgestellt: «Die grosse Mehrheit der Patienten, welche auf die Intensivstation kommen, sind nicht geimpft.»

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