Metalhead aus Kiew: «Wir müssen irgendwie weitermachen»
Pasha, was ist dein Traum?
Seit ich als kleiner Junge bei einem Rock-Konzert war, möchte ich Musiker werden. Der Krieg erschwert diesen Plan natürlich. Viele Menschen in der Ukraine haben resigniert und ihre Träume aufgegeben. Oder sie sind gestorben. Mein Traum lebt noch. Ich möchte irgendwann auf einer grossen Bühne stehen. Ich bin schon heute Teil einer Death-Metal-Band namens «Shpak», in der ich hauptsächlich Gitarre spiele.
Bevor wir über Musik reden: Wie sieht dein Alltag momentan aus?
Ich stehe früh auf und gehe direkt ins Geschäft. Ich arbeite in einem Laden, der unter anderem E-Zigaretten vertreibt. Dort bleibe ich rund zwölf Stunden am Tag. Wegen neuer Regelungen nach Kriegsbeginn kann die Wochenarbeitszeit in der Ukraine sehr hoch sein. Nach Feierabend widme ich mich manchmal der Musik. Ich lebe mit Freunden in einer Wohnung. Wir stützen uns gegenseitig.
Du bist vor kurzem 25 geworden und hast darum ein Aufgebot zur Musterung erhalten. Musst du bald in den Krieg?
Ich werde mindestens bis nächstes Jahr nicht eingezogen. Bestimmte Firmen, die für die Wirtschaft wichtig sind, können potenzielle Soldaten als Arbeitskräfte reservieren. Das hat mein Arbeitgeber gemacht. Darum habe ich ein Dokument, das ich den Rekrutierungsbehörden vorweisen kann. Aber ich sorge mich trotzdem, nicht nur um mich, sondern auch um andere.
Warum?
Wegen der Art und Weise, wie die Rekrutierungsbehörde arbeitet. Vor dem Geschäft beobachte ich manchmal Uniformierte und ihre geparkten Minivans. Sie halten junge Männer an und prüfen, ob sie schon 25 Jahre alt sind und die obligatorische Registrierung bei der Armee abgeschlossen haben. Es gibt viele Berichte davon, wie sie junge Männer in die Fahrzeuge zerren und in ein Rekrutierungszentrum bringen. Ich traue diesen Leuten nicht, auch weil sie teils korrupt sind.
Hast du Angst, an die Front zu müssen?
Das ist eine schwierige Frage. Die Russen kommen, um uns Ukrainer zu töten. Es ist logisch, dass wir kämpfen. Doch ich traue den Zuständigen im Militär nicht. Für die bist du nur eine Zahl. Vor drei Jahren lancierte Selenskyj eine grosse Gegenoffensive. Dabei sind viele Soldaten unnötig gestorben. Ich will das nicht. Wenn mein Vertrauen grösser wäre, würde ich vielleicht eher kämpfen wollen.
Du darfst das Land nicht verlassen. Hast du je ans Fliehen gedacht?
Ich habe es versucht.
Was ist passiert?
Ich und ein paar andere haben Schlepper bezahlt, um uns bei der Flucht zu helfen. Wir versuchten, illegal nach Rumänien zu gelangen. Doch die Grenzbehörden wussten scheinbar, dass wir kommen. 20 Kilometer vor der Grenze tauchten plötzlich Spezialkräfte auf, die Waffen auf uns gerichtet. Ich habe mich sofort ergeben. Manche von uns wurden direkt eingezogen. Ich war damals noch keine 25 Jahre alt. Darum liessen sie mich gehen.
War der Militärdienst der Hauptgrund für den Fluchtversuch?
Verschiedene Faktoren haben eine Rolle gespielt. Natürlich möchte ich nicht in diesem blutigen Krieg kämpfen, wenn die Überlebenschancen sehr gering sind und dich Drohnen jagen. Ich frage mich auch, wofür ich kämpfen sollte. Für Land, das nachher unter US-Aufsicht abgetauscht wird? Für korrupte Politiker? Und ich wollte ein besseres Leben führen.
Derzeit kommt es in Kiew zu Ausfällen in der Strom- und Wasserversorgung. Auch Heizungen gehen nicht an, weil Russland die ukrainische Energieinfrastruktur angreift. All das bei Minustemperaturen. Wie bist du davon betroffen?
Manchmal ist mein Block sehr lange ohne Strom, einmal waren es mehrere Tage. Ich bin aber privilegiert, weil meine Wohnung ohne Heizung nicht allzu kalt wird und das Wasser meistens fliesst. Ich weiss von Leuten im neunten Stock, die sich bei Stromausfall weder zuhause waschen noch die Toilette benutzen können, weil die Wasserpumpe ausfällt. Das ist wirklich schlimm. Die Russen verstärken die Angriffe auf die Energieinfrastruktur jeden Winter. Davon sind alle betroffen.
Regelmässig sind auch Wohngebäude das Ziel von Drohnenangriffen. Wie musst du dich vor ihnen schützen?
Dort wo ich wohne, hat es keine militärischen Anlagen oder Energieinfrastruktur, die Russland vor allem angreift. In den vergangenen vier Jahren sind nur vier Drohnen in der Nähe eingeschlagen. Daher versuche ich einfach, von den Fenstern wegzubleiben. Anders ist es, wenn die Warn-App auf einen Raketeneinschlag hinweist.
ErzähI.
Wenn eine Rakete mein Zuhause trifft, ist mindestens der halbe Block weg. Bei einem Raktenangriff suche ich darum Schutz in einem Keller unter einer Schule, unweit von meinem Zuhause. Vor einem Jahr haben die Russen eine Nacht lang einen grossangelegten Raketenangriff gefahren. Der Lärm war furchteinflössend.
Hilft dir die Musik, den Krieg und solche Erlebnisse zu verarbeiten?
Ja, auf jeden Fall. Musik ist eine Möglichkeit, der Realität zu entfliehen. Wenn ich auf der Bühne stehe, Vollgas gebe und das Adrenalin fliesst, vergesse ich alles. Selbst, wenn die Dinge nicht allzu gut aussehen.
Du bist in den letzten Jahren wiederholt mit deiner Band aufgetreten. Für uns, die wir in Frieden leben, sind Konzerte in Kriegszeiten schwer vorstellbar. Wie funktioniert das?
Grosse Konzerte wären zu gefährlich. Doch kleine Konzerte in Nachtclubs sind möglich und finden in ganz Kiew statt. Bei Drohnenalarm unterbrechen die Bands die Vorstellung kurz und die Leute rennen in den Keller. Danach geht die Show weiter.
Was sagst du einer Person, die ein Konzert im Krieg als Luxus bezeichnet?
Wir müssen irgendwie weitermachen. Wir hören wegen des Kriegs nicht auf, unser Leben zu leben. Der Krieg kann noch Jahre dauern. Aber mir ist sehr bewusst, dass Konzerte nur wegen unserer Streitkräfte möglich sind. Auch darum haben wir bei einem Auftritt für sie gesammelt. Es kamen rund 5000 US-Dollar zusammen.
Pasha, was gibt dir Hoffnung?
Ich habe eine Mutter und Freunde, die mich lieben. Und ich habe dieses Leben, nur dieses Leben, in dem ich etwas erreichen kann.
- Alle Artikel zum Thema International
- USA setzen Ukraine und Russland Frist für Kriegsende
- «Land steht vor dem Kollaps»: Andrij Melnyk fordert dringend mehr Waffen für Ukraine
