«Melania» und die verschwundenen 75 Millionen Dollar
Um «Melania» fast zwei Stunden lang ungeduldig zu ertragen, ohne in die Tischkante beissen zu müssen, muss man die eigenen politischen Ansichten und auch die Filmleidenschaft beiseitelegen können. Wie wahre Profis haben wir das an diesem Montagmorgen getan, wenige Minuten nachdem die Doku über die First Lady auf Prime Video erschienen ist.
Glitzernde Ablenkung
Wir müssen auch die Kontroversen ausser Acht lassen, die die Veröffentlichung am 30. Januar überschatteten. Eine mit Glanz und Glamour durchzogene Selbstinszenierung, während die Regierung ihres Ehemannes mit ICE gewaltsam durch die Strassen Amerikas zog, Jeff Bezos' Bestreben, sich in erster Linie einen goldenen Weg zur Macht zu sichern, und die zahlreichen Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe gegen den Regisseur des Films, Brett Ratner.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Was bleibt, ist ein Film, der einen beispiellosen Einblick in den Alltag von Melania Trump versprach, genauer in die zwanzig Tage vor der zweiten Amtseinführung des Maga-Gurus.
Und die Spannung ist auf ihrem Höhepunkt:
Hier noch das vollständige Zitat in Originalsprache, da keine Übersetzung der schwammig-oberflächlichen Bedeutungslosigkeit Mehrdeutigkeit gerecht wird:
Zunächst zur Wortwahl. Da eine «Journey» eine lange, abenteuerliche Reise voller Wendungen und aussergewöhnlicher Ereignisse ist – eine Odyssee, könnte man sagen –, erhofft man sich (voller Naivität), den Schleier über dieser berühmten «Komplexität» der Rolle der amerikanischen First Lady an der Seite einer so umstrittenen Persönlichkeit wie Donald Trump zu lüften. (Und eine Autopsie des genial gewählten Verbs «orchestrieren» sparen wir uns mal.)
Spoiler? Wärme schon mal deine Lachmuskeln auf.Und deinen Kiefer fürs In-die-Tischkante-Beissen.
Ein Einblick, den niemand wollte
Nach einer Drohnenaufnahme ihres Anwesens Mar-a-Lago werden wir acht endlos lange, grössenwahnsinnige Minuten lang gequält, in denen wir Melania bei ihrer Reise von Palm Beach zum Trump Tower in New York beobachten. Zeitlupenaufnahmen, Haarwirbel, Nahaufnahmen von Absätzen, Verbeugungen und Schmeicheleien des Personals, ein Übermass an Gold und ein Schauspiel, das an Parodie grenzt. Untermalt wird das Ganze mit den Klängen von «Gimme Shelter» der Rolling Stones und «Billie Jean» von Michael Jackson, ihrem «Lieblingskünstler».
Sogar die Werbeleiter von Kosmetikprodukten haben inzwischen erkannt, dass diese Art von künstlicher Übertreibung einfach nur lächerlich ist.
Diese Einleitung hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Von Anfang an ist klar, dass sie nicht viel tiefer gehen wird. Und das macht sie ziemlich amüsant. Melania Trump interessiert sich kein bisschen für den Alltag ihres Ehemannes oder für Politik im Allgemeinen. Selbst ihre Rolle als First Lady scheint in erster Linie ihrer alles verzehrenden Leidenschaft für Servietten, teure Kleidung und ihr eigenes Spiegelbild im Weg zu stehen.
Ein Grosteil des Films konzentriert sich auf die Vorbereitungen für die Amtseinführung und besteht hauptsächlich aus langen Debatten über die Anfertigung des Mantels mit dem zuständigen Stylisten, dem Franzosen Hervé Pierre.
Donald Trump ist nur sehr selten auf dem Bildschirm zu sehen, abgesehen von inszenierten Momenten zu seinen Ehren und einer Szene am Kühlschrank um 2 Uhr morgens. Die beste Szene, die leider schon im Trailer verraten wird, ist der Moment, in dem Melania ihr völliges Desinteresse an der Wiederwahl ihres Ehemannes zugibt und ihm am Telefon gesteht, dass sie am Wahltag nichts verfolgt hat.
«Melania» kommt als Werbespot einer abgründigen Leere daher, da uns die wahre Alltagsrealität der First Lady vorenthalten wird.
Das Rätsel um die Millionen
Wir erfahren nichts Neues, und vor allem fragen wir uns, wo das gigantische Budget von 75 Millionen Dollar geblieben ist. Das Bild ist makellos bis zur Besessenheit; Frau Trump erhielt 40 Millionen Dollar, und man kann sich denken, dass die Lizenzgebühren für die Musik der Rolling Stones nicht gerade ein Schnäppchen waren. Und der Rest?
Ein Schauspiel, das man sich mit Freundinnen und Freunden ansehen kann, um sich auf leise und laute Art über diese unglaubliche Kluft zwischen Palm Beach und dem Weissen Haus lustig zu machen.
(Ergänzungen von jul)
