Die Ukraine testet eine neue Form der Luftverteidigung
Firmen mit Maschinengewehren: Angesichts Hunderter russischer Drohnen, die täglich auf die Ukraine abgefeuert werden, öffnet Kiew seine Luftverteidigung für private Unternehmen. Sie sollen für ihre eigene Sicherheit sorgen und damit die Armee entlasten. Das sagt ein hochrangiger ukrainischer Militär gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.
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Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
«Die Idee ist, dass Unternehmen (…) sich mit eigenen Mitteln und eigenem Personal selbst vor Luftangriffen schützen können», sagt Jurij Myronenko (48). Er ist Generalinspektor im Verteidigungsministerium und der Kopf hinter dem Projekt, mit dem bereits russische Drohnen abgeschossen wurden.
Seit der Invasion der Ukraine im Jahr 2022 setzt Russland massiv auf sogenannte Shahed-Drohnen mit grosser Reichweite. Die Technik stammt ursprünglich aus dem Iran. Inzwischen werden die Drohnen aber in Russland selbst in Serie produziert.
Billig, aber verheerend, nehmen diese Drohnen gezielt Wohngebiete und kritische Infrastruktur ins Visier, teilweise Hunderte Kilometer von der Front entfernt.
Der bisher grösste Angriff seit 2022 fand Ende März statt: Neben Raketen setzte Russland dabei innerhalb von 24 Stunden fast 1000 Drohnen ein.
Die ukrainische Luftverteidigung ist mit ihren tausenden mobilen Anti-Drohnen-Teams ziemlich effektiv. Jedoch reicht das System nicht für das ganze Land aus.
Daher sieht das Verteidigungsministerium in der Unterstützung von Privaten eine Lösung. Die Armee wird unterstützt durch Energieunternehmen (die selbst oft Ziel russischer Angriffe sind), Logistikfirmen oder Sicherheitsdienste.
Stand jetzt haben 16 Firmen die nötigen Bewilligungen erhalten und «mehrere» von ihnen seien bereits im Einsatz, sagt Oberstleutnant Myronenko. Er selbst war früher Kommandant einer Drohneneinheit.
Abfangjäger
«Wir sind die Ersten weltweit, die ein System aufgebaut haben», sagt er. Eines, das es privaten Akteuren erlaubt, «sehr schwer zu treffende Luftziele» abzuschiessen.
Er sagt:
In der Region Charkiw im Nordosten – nahe der Frontlinie – hat ein privates Unternehmen bereits mehrere russische Drohnen abgeschossen. Der Name der Firma bleibt geheim. Zum Einsatz kamen schwere Maschinengewehre, montiert auf ferngesteuerten Geschütztürmen.
Nach der entsprechenden Mitteilung des Verteidigungsministeriums meldeten sich «Dutzende» weitere Gruppen bei den Behörden, um sich zu erkundigen, versichert Myronenko.
Er räumt ein:
Aber: «Wenn ein, zwei oder fünf Shahed-Drohnen abgeschossen werden, ist das bereits eine Hilfe.»
In einem Trainingszentrum, das von einer privaten Firma im Rahmen dieses Projekts betrieben wird, hat die AFP angehende Drohnen-Operatoren beobachtet. Sie lernen dort am Computer und an Simulatoren, wie man die Geräte steuert.
Firmen, die mitmachen wollen, müssen erst durch spezielle Sicherheitschecks, um sicherzustellen, dass es keinerlei Verbindungen zu Russland gibt. Erst danach dürfen sie Waffen kaufen und ihr Personal ausbilden.
Vor allem müssen sie sich eng mit der Luftwaffe abstimmen. Das ist der entscheidende Punkt in diesem komplexen System, das tausende Flugabwehr-Teams in Echtzeit koordiniert.
Eine spezielle Software zeigt in Echtzeit, «wer wo im Einsatz ist, wer was abgeschossen hat und wo neue Ziele auftauchen», erklärt Jurij Myronenko.
Für ihn ist klar, dass die Zukunft dieser privaten Luftverteidigung bei sogenannten Drohnen-Abfangjägern liegt – also bei Geräten, die andere Drohnen direkt in der Luft ausschalten sollen.
Unter dem Druck der ständigen Angriffe hat die Ukraine bereits rund 50 verschiedene Modelle solcher Abfangdrohnen entwickelt. Ein Bereich, der vor einem Jahr noch praktisch nicht existierte.
«95% der Ziele treffen»
Der harte Wettbewerb zwingt die Hersteller dazu, ihre Systeme schnell besser und gleichzeitig günstiger zu machen. Teilweise kosten sie weniger als 1000 Dollar pro Stück – und gelten damit als «erschwinglich», sagt Myronenko.
Langfristig könnten private Gruppen sogar Waffen erhalten, mit denen sich auch Marschflugkörper abschiessen lassen. Zum Beispiel tragbare Boden-Luft-Systeme – genau jene Waffen, die Russland regelmässig gegen die Ukraine einsetzt, sagt er.
«Wir setzen ihnen keine Grenzen bei den Verteidigungsmitteln, die sie sich anschaffen können», sagt er. Der Grund: maximale Flexibilität in einem Krieg, der sich «alle drei bis sechs Monate» verändert.
Im Fokus steht ein klares Ziel des neuen Verteidigungsministers Mykhaïlo Fedorov: Bis Ende Jahr sollen 100 % aller Luftziele erkannt werden – also Drohnen und Raketen. Und: 95 % davon sollen abgeschossen werden. Zum Vergleich: Aktuell liegt die Abschussquote bei rund 80 %.
Ein Ziel, das «absolut realistisch» sei, sagt Jurij Myronenko. Grund dafür ist die massive Produktionssteigerung: Abfangdrohnen werden inzwischen in «Zehntausenden» Stück pro Monat an die Armee geliefert.
