Die Schlüsselfigur des Epstein-Skandals hofft auf Trumps Gnade
Am 10. August 2019 beging der Investmentbanker Jeffrey Epstein in einer Gefängniszelle in New York Suizid, zumindest nach offiziellen Angaben. Der 2008 schon einmal verurteilte Sexualstraftäter wartete dort auf seinen Prozess wegen Kinderhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung und wegen Verschwörung. Im Zentrum des Skandals, der sich daraus entwickelte, steht Epsteins langjährige Gehilfin Ghislaine Maxwell.
Die britisch-amerikanisch-französische Geschäftsfrau sitzt seit 2022 eine 20-jährige Freiheitsstrafe ab. Nach Epsteins Tod ist sie damit die einzige Person aus dessen Netzwerk, die sich derzeit in Haft befindet. Nachdem das US-Justizministerium erklärt hat, in der Affäre Epstein seien keine weiteren Anklagen geplant, dürfte sich daran vorerst nichts ändern.
Wer ist Ghislaine Maxwell eigentlich, wie sehen ihre Haftbedingungen aus – und welche Chancen hat sie, das Gefängnis vorzeitig verlassen zu können?
Wer ist Ghislaine Maxwell?
Maxwell wurde 1961 als neuntes Kind der französischen Holocaustforscherin Elisabeth Maxwell, geborene Meynard (1921–2013), und des britischen Verlegers und Politikers Robert Maxwell (1923–1991) geboren. Ihr Vater, geboren als Ján Ludvík Hoch in der damaligen Tschechoslowakei, kam 1940 als jüdischer Flüchtling nach Grossbritannien und baute nach dem Krieg ein Medienimperium auf. Zudem war er zeitweise Unterhausabgeordneter der Labour Party. Nach seinem mysteriösen Tod – er verschwand 1991 von seiner Jacht und sein nackter Leichnam wurde im Meer vor Teneriffa treibend gefunden – wurde bekannt, dass er Bilanzen gefälscht und Gelder veruntreut hatte.
Ghislaine Maxwell studierte in Oxford und arbeitete zunächst in einem Medienunternehmen ihres Vaters. Als dessen Medienimperium nach seinem Tod 1991 zusammenbrach, übersiedelte sie in die USA, nach New York. Dort arbeitete sie in einem Immobilienbüro in der Madison Avenue und führte einige Jahre eine Beziehung mit Jeffrey Epstein, den sie vermutlich bereits seit Ende der Achtzigerjahre kannte. Auch danach blieb sie eine enge Vertraute Epsteins, für den sie beim Aufbau und Betrieb eines Rings zum sexuellen Missbrauch von Mädchen eine zentrale Rolle spielte.
Maxwell kannte eine Reihe von Prominenten, die durch sie Bekanntschaft mit Epstein machten, so Bill Clinton und vor allem Andrew Mountbatten-Windsor, früher gut bekannt als Prince Andrew. Mit ihm hatte sie ein enges freundschaftliches Verhältnis, wie aus Mails hervorgeht, die nun im Zuge der Herausgabe der Epstein-Files veröffentlicht wurden. Nachdem Epstein 2009 13 Monate einer 18-monatigen Haftstrafe wegen Anstiftung einer Minderjährigen zur Prostitution verbüsst hatte, nahm Maxwell zwar noch an gesellschaftlichen Anlässen teil, wurde aber nicht mehr öffentlich mit Epstein zusammen gesehen. Zwischen 1999 und 2007 erhielt sie von Epstein insgesamt mindestens 30,7 Millionen Dollar.
2015 wurde sie vom Epstein-Opfer Virginia Giuffre – Giuffre war Hauptklägerin gegen Epstein und starb 2025 durch Suzizid – verklagt. Giuffre gab an, Maxwell habe sie 1999 für Epstein rekrutiert und danach mehrmals zu sexuellen Handlungen veranlasst, nachdem sie sich in Donald Trumps Privatclub Mar-a-Lago getroffen hatten. Der Prozess endete 2017 mit einem Vergleich, bei dem Maxwell Giuffre mehrere Millionen Dollar bezahlte.
Nach Epsteins Verhaftung und seinem Suizid im Gefängnis 2019 blieb Maxwell vorerst unauffindbar. Am 2. Juli 2020 wurde sie aber vom FBI auf einem abgelegenen Anwesen in New Hampshire verhaftet, wo sie sich versteckt hatte. Die Anklage warf ihr unter anderem sexuellen Missbrauch von Minderjährigen und Menschenhandel mit Kindern zwischen 1994 und 2004 vor. Im Juni 2022 wurde sie zu 20 Jahren Gefängnis und einer Busse von 750'000 Dollar verurteilt. Sie verbüsst ihre Haftstrafe derzeit im Federal Prison Camp in Bryan im US-Staat Texas.
Welche Rolle spielte sie in Epsteins System?
Ghislaine Maxwell war laut Anklage Epsteins «rechte Hand», die den Sexualstraftäter beim systematischen sexuellen Missbrauch, insbesondere von minderjährigen Mädchen, unterstützte. Als enge Vertraute von Epstein organisierte sie für ihn den «Nachschub» an jungen Mädchen. Sie freundete sich zu diesem Zweck mit potenziellen Opfern an, gewann deren Vertrauen und brachte sie in Epsteins Umfeld. Oft versprach sie ihnen dabei Jobs, luxuriöse Freizeitaktivitäten, Reisen oder Partys mit Prominenten. Sie überredete sie zu «Massagen» und stellte sexuellen Missbrauch als etwas «Normales» dar.
Laut Aussagen von Zeugen befand sich Maxwell bei manchen sexuellen Übergriffen im Raum. Manchmal soll sie sich selbst an sexuellen Handlungen mit den Minderjährigen beteiligt haben. Die Mädchen wurden von ihr zur Verschwiegenheit angehalten und durch Geschenke, Geld oder Versprechungen an Epstein gebunden. Durch ihre Hilfe beim Aufbau und Betrieb dieses Missbrauch-Netzwerks erhielt sie Zugang zu Epsteins Vermögen, konnte an seinem Luxusleben teilnehmen und Kontakte mit Prominenten knüpfen.
Wie sind ihre Haftbedingungen?
Maxwell sass zuerst in der Federal Correctional Institution in Tallahassee im US-Staat Florida ein. Dies ist ein Bundesgefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe. Im August 2025 wurde sie dann in das Federal Prison Camp in Bryan, Texas, verlegt, wo sie immer noch inhaftiert ist. Diese Einrichtung für weibliche Gefangene weist die niedrigste von fünf Sicherheitsstufen auf und Maxwell ist dort deutlich leichteren Haftbedingungen unterworfen. Die Anstalt bietet laut Medienberichten eine Reihe von Freizeiteinrichtungen, darunter einen Sportplatz, eine Bibliothek und Berufsausbildungsprogramme. Die Justizbehörden kommentierten die Verlegung nicht.
Bald nach der Verlegung nach Texas berichteten die Medien über Gerüchte, Maxwell erhalte im FPC Bryan eine Vorzugsbehandlung. So hiess es, sie bekomme spezielle Mahlzeiten, erweiterten Computerzugang, so viel Toilettenpapier, wie sie möchte, und Zugang zu einem Hundewelpen. Ein Insasse, der Welpen zu Assistenzhunden ausbildet, sei angewiesen worden, Maxwell für eine gewisse Zeit einen Welpen zur Verfügung zu stellen, damit sie mit ihm spielen konnte. Die in Ausbildung befindlichen Assistenzhunde dürften sonst weder von Insassen noch von Mitarbeitern gestreichelt werden. Der demokratische Abgeordnete Jamie Raskin forderte in einem Brief an Präsident Donald Trump Aufklärung über diese Vergünstigungen, die ihm von Whistleblowern zugetragen worden waren.
Weitere Vergünstigungen, die Maxwell angeblich gewährt wurden, umfassen einen speziellen Bereich, in dem sie Besucher empfangen und mit Snacks und Erfrischungen bewirten kann. Ausserdem soll ihr der Gefängnisdirektor quasi als «persönlicher Sekretär und Verwaltungsassistent» zur Verfügung stehen, wie der Guardian berichtet. Laut Raskin hat die «Ehrerbietung und Unterwürfigkeit gegenüber Frau Maxwell ein solch absurdes Ausmass» erreicht, dass sich ein Spitzenbeamter der Anstalt darüber beschwerte: Er habe es satt, «Maxwells Lakai» sein zu müssen.
Solche Vergünstigungen erscheinen als ungewöhnlich, und dies umso mehr, als Sexualstraftaten als Gewaltverbrechen gelten. Häftlinge, die wie Maxwell wegen solcher Delikte einsitzen, werden in der Regel von der restlichen Gefängnispopulation isoliert, da sie zum einen als gefährlich gelten und zum andern ein erhöhtes Risiko besteht, dass sie von anderen Gefangenen angegriffen oder gar getötet werden.
Wenn eine prominente Gefangene wie Maxwell eine Vorzugsbehandlung erfährt, weckt dies den Verdacht, dass es sich um eine Gegenleistung handelt für etwas, das die massgeblichen Stellen erhalten haben, nützliche Informationen zum Beispiel. Genau dies nimmt Eric Faddis an, ein ehemaliger Staatsanwalt aus Colorado. Dem «Guardian» sagte er: «Die Regierung wird einem inhaftierten Gefangenen nicht all diese Vergünstigungen ohne Gegenleistung gewähren. Das sagt mir, dass die Regierung glaubt, von Ghislaine etwas Wertvolles erhalten zu haben, und dass dies eine Art Belohnung für sie ist.»
Er habe schon gesehen, führte Faddis weiter aus, wie Insassen ihre Lage durch Zusammenarbeit mit der Regierung und die Bereitstellung von Informationen, die als «nützlich» angesehen wurden, verbessert hätten. Dies sei jedoch nicht in dem Ausmass der Fall gewesen, wie es von Maxwell berichtet werde. Sollten die Gerüchte über ihre Vorzugsbehandlung wahr sein, könnte es sich um eine Gegenleistung handeln, im Sinne von: «Wir geben dir Vorteile, weil du den Mund hältst und keine Personen mit Macht oder Geld belastest.»
Allerdings handelt es sich dabei um Vermutungen und Spekulationen. Möglich ist auch, dass Maxwell einfach deswegen im FPC Bryan landete, weil es schlicht nicht viele Unterbringungsmöglichkeiten für weibliche Insassen im Bundesgefängnissystem gibt.
Hat sie Chancen auf frühzeitige Entlassung?
Derzeit ist die Freilassung von Maxwell auf den 17. Juli 2037 angesetzt. Sie wäre dann 75. Vielleicht wird sie jedoch nicht so lange in Haft bleiben – es besteht die Möglichkeit, dass sie durch Präsident Donald Trump begnadigt wird. Im vergangenen August hatte Trump auf die Frage nach der Begnadigung Maxwells erklärt, er dürfte das tun, aber niemand habe ihn darum gebeten; er wisse nichts über den Fall. Im Oktober sagte er, er habe den Namen lange nicht gehört, werde sich die Sache aber ansehen. Maxwells Anwälte dementierten indes, dass sie um Gnade ersucht habe.
Im November sagte die Sprecherin des Weissen Hauses, Karoline Leavitt, über eine mögliche Begnadigung von Maxwell durch Trump: «Er hat diese Frage schon mehrfach beantwortet. Das ist nichts, worüber er derzeit spricht oder worüber er überhaupt nachdenkt.»
Eine Begnadigung von Maxwell dürfte allerdings zurzeit und auch in der nächsten Zukunft eine erhebliche negative Reaktion auslösen. So hat etwa der kalifornische demokratische Kongressabgeordnete Robert Garcia eine Erklärung veröffentlicht, in der er den Sprecher des Repräsentantenhauses Mike Johnson und den Vorsitzenden des Aufsichtsausschusses James Comer dazu aufforderte, sich öffentlich gegen eine Strafmilderung oder Begnadigung von Maxwell durch Trump auszusprechen.
Trump ist freilich notorisch unberechenbar. Möglicherweise wartet er mit der Begnadigung auch bis zum Ende seiner Amtszeit.
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