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Neukaledonien brennt: Tote bei Unruhen in französischem Überseegebiet

Neukaledonien brennt: Tote bei Unruhen in französischem Überseegebiet

Seit Tagen sorgen gewalttätige Unruhen im französischen Überseegebiet Neukaledonien für grosse Beunruhigung in Paris.
15.05.2024, 14:4015.05.2024, 15:19
Smoke rises in the distance in Noumea on May 14, 2024, amid protests linked to a debate on a constitutional bill aimed at enlarging the electorate for upcoming elections of the overseas French territo ...
Neukaledoniens Hauptstadt Nouméa. Bild: screenshot x/liberation/AFP

Nun sind mindestens drei Menschen in der Nacht zum Mittwoch bei den Krawallen von Unabhängigkeitsbefürwortern ums Leben gekommen, wie örtliche Medien den Hochkommissar des Archipels, Louis Le Franc, zitierten. «Es ist ein Wunder, dass es letzte Nacht nicht noch mehr Opfer gab», sagte der diplomatische Vertreter und warnte vor einem möglichen Bürgerkrieg in der Inselgruppe im Südpazifik.

Eines der Opfer sei durch eine Kugel getötet worden. Diese stamme aber nicht aus der Waffe eines Polizisten, betonte Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin. Er sprach von Angriffen auf Sicherheitskräfte mit Äxten und scharfer Munition. Mehrere hundert Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt. «Gewalt in einer Demokratie darf es nicht geben. Es muss absolute Ruhe einkehren», mahnte der Minister. Hochkommissar Le Franc sagte, wenn dieser Aufruf nicht befolgt werde, dann sehe er «dunkle Stunden auf Neukaledonien zukommen». Er werde notfalls das Militär zu Hilfe rufen.

Aufstand Neukaledonien (15. mai 2024)
Rauch bei Nouméa. Bild: screenshot x/livre noir

Darum geht's: Tropenparadies in Flammen

Die Bilder, die derzeit um die Welt gehen, wollen so gar nicht zu einem Südseeparadies passen. Seit Montag werden immer wieder Gebäude und Autos in Brand gesetzt. Über der Hauptstadt Nouméa liegt Medienberichten zufolge beissender Qualm in der Luft. Es kommt zu Plünderungen und Zusammenstössen mit der Polizei, Barrikaden werden errichtet und Ausgangssperren verhängt - die aber von vielen Demonstranten nicht beachtet werden. Vor Geschäften bilden sich bereits lange Schlangen, weil viele Angst vor Versorgungsengpässen haben. Zahlreiche Tankstellen sind schon geschlossen.

Worum geht es? Die Separatisten sind wütend über eine geplante Verfassungsreform der Regierung in Paris, die Tausenden französisch-stämmigen Wählerinnen und Wählern, die seit über zehn Jahren ununterbrochen in Neukaledonien gelebt haben, das Wahlrecht einräumen würde. Sie würden somit mehr politischen Einfluss bekommen – speziell bei wichtigen Provinzwahlen. Bisher waren die Stimmen aller Einwohner, die nicht schon vor 1998 in Neukaledonien lebten, «eingefroren».

Neukaledonien (15. Mai 2024)
Sicherheitskräfte in Nouméa. Bild: screenshot x/la plume libre

Nach dem Senat hatte in der Nacht zum Mittwoch auch die Nationalversammlung in Paris den umstrittenen Text angenommen. Jetzt muss noch der Congrès du Parlement zustimmen, der für besondere Anlässe im Schloss Versailles einberufen wird. Ein Datum für das Votum steht aber noch nicht fest.

Aufstände Neukaledonien (15. Mai 2024)
Seit Montag werden immer wieder Gebäude und Autos in Brand gesetzt.Bild: screenshot x

So reagiert Macron: Krisensitzung

Die Ausgangssperre, die seit Montag in dem Inselstaat gilt, wurde derweil bis Donnerstagmorgen verlängert. Der Hauptflughafen La Tontouta, Schulen und öffentliche Einrichtungen bleiben bis auf Weiteres geschlossen.

Präsident Emmanuel Macron rief eine Krisensitzung des Nationalen Verteidigungs- und Sicherheitsrates ein. Mehrere Abgeordnete forderten die Ausrufung des Ausnahmezustands.

«Herr Präsident, es ist ein kritischer Moment, und nur Sie können Neukaledonien retten.»

Zwei neukaledonische Parlamentarier bezeichneten die Situation als «dramatisch» und wandten sich direkt an Macron: «Herr Präsident, es ist ein kritischer Moment, und nur Sie können Neukaledonien retten.» Viele Einwohner hätten bereits alles verloren, und eine weitere Nacht voller Gefahren stehe bevor.

Customary Ceremony In Honour Of President Macron - New Caledonia People in traditional costumes shake hand of French President Emmanuel Macron, French Interior Minister Gerald Darmanin, Minister Deleg ...
Emmanuel Macron war zuletzt im Sommer 2023 in Neukaledonien. Bild: www.imago-images.de

Neukaledonien liegt etwa 1500 Kilometer östlich von Australien und gehört geografisch zu Melanesien. Die Hauptinsel Grande Terre ist die bei Weitem grösste Insel des Archipels. Von 1853 bis 1946 war «Nouvelle-Calédonie» französische Kolonie. Für Paris ist das Territorium vor allem geopolitisch, militärisch und wegen der dortigen Nickelvorkommen von Bedeutung.

Hintergrund: Indigene Bevölkerung will Unabhängigkeit

Im Rahmen der Dekolonialisierung wurde vereinbart, bis zu drei Volksabstimmungen über die Unabhängigkeit abzuhalten, die 2018, 2020 und 2021 stattfanden. Eine Mehrheit der Bevölkerung sprach sich bei allen drei Befragungen für einen Verbleib bei Frankreich aus. Die Unabhängigkeitsbewegung boykottierte allerdings das letzte Votum und kündigte an, das Ergebnis nicht zu akzeptieren. Vor allem die Bevölkerungsgruppe der Kanaken – Neukaledoniens Ureinwohner, die ihr Land selbst «Kanaky» nennen – hofft schon lange auf einen eigenen Staat.

Die Inselgruppe mit etwa 270 000 Einwohnern hatte bereits durch das Abkommen von Nouméa 1998 weitgehende Autonomie erlangt. Seit dem letzten Votum sind die Fronten aber verhärtet. Macron hat nun alle politischen Vertreter zu einem Treffen in Paris unter Führung von Premierminister Gabriel Attal eingeladen. Die Gespräche sollen voraussichtlich Ende Mai stattfinden. (sda/dpa)

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