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Der Fackelzug in Charlottesville war bisher ein Höhepunkt der amerikanischen Alt-Right-Bewegung.
Der Fackelzug in Charlottesville war bisher ein Höhepunkt der amerikanischen Alt-Right-Bewegung.Bild: AP/The Indianapolis Star

Haben Rechtsextreme zu wenig Sex?

Der Todesschütze von Florida hatte wahrscheinlich Beziehungen zur rechtsextremen Szene. Er ist leider keine Ausnahme, sondern ein typisches Beispiel eines weissen Amokläufers.
16.02.2018, 17:0617.02.2018, 08:08

Der junge Mann, der an einer Schule in Parkland (Bundesstaat Florida) mindestens 17 Menschen erschoss, hat einen Vorgänger, der ihm fast aufs Haar gleicht. 2014 tötete ein gewisser Elliot Rodger, 22, auf dem Campus der University of California in Santa Barbara sechs Menschen und richtete sich danach selbst.

Hat die Tat gestanden: Todesschütze Nikolas Cruz.
Hat die Tat gestanden: Todesschütze Nikolas Cruz.Bild: EPA/EPA POOL

Rodger kommt auch im kürzlich erschienen Dokumentarfilm «Trumpland: Kill All Normies» der Journalistin Angela Nagle vor. Darin erklärt er als Motiv für seine Tat: «Ich wurde zu einer Existenz der Einsamkeit, der Ablehnung und unerfüllten Begierden gezwungen – nur weil sich Mädchen nie von mir angezogen fühlten.»

Rodger war Mitglied einer rechtsextremen Gruppierung. Auch Nikolas Cruz, der 19-jährige Todesschütze von Florida, soll nach bisher unbestätigten Berichten Kontakte zu «white supremacists» gehabt haben, einer Gruppe, welche an die Überlegenheit der weissen Rasse glaubt.

«Die Millenials haben weniger Sex als ihre Eltern.»
David Frum

Cruz war ein Aussenseiter. Von seinen Mitschülern wurde er gehänselt, die Mädchen wollten nichts von ihm wissen. Sonst fiel er durch merkwürdiges Verhalten, sadistischen Fantasien und als Waffenfan auf. Er war ein Adoptivkind, hatte jedoch eine sehr enge Beziehung zu seiner Adoptivmutter. Als sie im vergangenen November überraschend verstarb, geriet er offensichtlich aus der Bahn.  

Angela Nagle im Interview.Video: YouTube/ABC News

Sexuelle Frustration ist in der rechtsextremen Szene weit verbreitet. «Es ist definitiv ein wichtiger Faktor», sagt Angela Nagle in einem Interview mit dem TV-Sender «abc» (siehe Clip). Sie hat mehr als ein Jahr in der Alt-Right-Bewegung recherchiert. Ein mehr als problematisches Verhältnis zu Frauen ist bei diesen jungen Männern allgegenwärtig.

In der Regel bringen wir sexuelle Frustration junger Männer in Verbindung mit Arabern oder Indern. Im Westen jedoch haben die sexuelle Revolution und das Internet dafür gesorgt, dass jeder auf seine Kosten kommt, oder nicht? Fehlanzeige. Trotz Tinder und Pornhub wächst die Schar der jungen Männer, die keinen Sexualpartner finden.

«Die Millenials haben weniger Sex als ihre Eltern», stellt David Frum in seinem Buch «Trumpocray» fest. In den USA lässt sich diese Aussage mit harten Fakten belegen: Erstmals seit dem 19. Jahrhundert leben mehr Menschen unter 30 bei ihren Eltern als mit einem Partner. Sie haben kaum Sex, wie Umfragen belegen, sondern sie sind, wie es im Slang heisst, «Incels», unfreiwillig keusch («involuntarily celibous», wie es auf Englisch heisst). Nochmals Frum: «Die Prozentzahl der Menschen unter 25 mit null sexuellen Kontakten seit ihrem 18. Lebensjahr ist in die Höhe geschossen wie noch nie seit den 1960er Jahren.»

Nicht die Moral ist Schuld, sondern die Wirtschaft

Ein weiteres Indiz: Die Zahl der Menschen zwischen 20 und 30, die weder verheiratet sind noch in einer festen Beziehung leben, ist von 52 Prozent im Jahr 2004 auf 64 Prozent im Jahr 2014 gestiegen. Singles haben in der Regel weniger Sex, vor allem Single-Männer.

Nicht eine neue Moral ist Schuld an dieser Prüderie, sondern die harte wirtschaftliche Realität. Junge Amerikaner ohne Schulabschluss haben nicht nur auf dem Arbeitsmarkt Mühe. Wer keinen Job und kein Geld hat, dem hilft auch Tinder nicht weiter. Statt im Club mit Frauen zu flirten, sind diese jungen Männer dazu verdammt, vor dem Bildschirm zu gamen. Die Zahl der Stunden, die sie auf diese Art verbringen, hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Linksliberale Snowflakes als Feindbild

Die George Washington University hat die Twitter-Beiträge der rechtsextremen Szene zwischen 2012 und 2016 untersucht und dabei eine gewaltige Radikalisierung festgestellt. «Wenn wir von Online-Radikalisierung sprechen, dann denken wir an Muslime», sagt die Sozialwissenschaftlerin Siyanda Mohutsiwa. «Aber die Radikalisierung der weissen Männer hat online astronomische Höhen erreicht.»

Die Wut der sexuell frustrierten und wirtschaftlich in prekären Verhältnissen lebenden jungen Männer richtet sich gegen die «Normies», den Normalos oder Mainstream, wie es auch heisst. Vor allem die linksliberalen Snowflakes sind ihr Feindbild – und die Frauen. Feminismus und Political Correctness sind für sie des Teufels. Daher können sie nichts Schlechtes darin entdecken, wenn der Präsident den Frauen in den Schritt greift. Sie würden es auch tun – wenn sie Stars wären.

Angehörige nach Schulmassaker: «Trump, bitte tun Sie was!»

Video: watson
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