US-Probleme: «Trump scheint noch in klassischen Mustern der Kriegsführung zu denken»
«Getötet»: Ein roter Kreis nach dem anderen füllt das Organigramm der iranischen Führung. Seit drei Wochen machen Israel und die USA gezielt Jagd auf die Köpfe der Theokratie.
Geholfen hat es bislang wenig. Noch immer feuern die mächtigen Revolutionsgarden Raketen und Drohnen auf die Golfstaaten. Die anhaltende Blockade der Strasse von Hormus lässt die Ölpreise explodieren.
Am Freitag drohte Teheran gar Zivilisten auf der ganzen Welt: «Parks, Erholungsgebiete und Touristenziele» werden für Irans Feinde nicht mehr sicher sein, sagte der oberste Militärsprecher. Ein schnelles Ende des Kriegs ist nicht in Sicht – stattdessen droht die globale Ausweitung.
Trotz heftigster Bombardements und Tötung ihrer wichtigsten Köpfe wankt das iranische Regime bislang nicht. Warum ist das so?
Mahdi Rezaei-Tazik: Das Regime im Iran ist als ein tief verwurzeltes dezentral organisiertes Machtgefüge zu verstehen, das sich seit Jahrzehnten auf einen grossen Krieg gegen die USA und Israel vorbereitet. Würde der Iran tatsächlich allein von einer Person regiert, wäre es schon kurz nach dem Tod von Ali Khamenei gestürzt worden.
Hat Trump die Mullahs unterschätzt?
Ja. Das liegt auch daran, dass das Land seit Jahrzehnten nicht mehr von den Mullahs, sondern in Wahrheit von den Revolutionsgarden regiert wird. Diese haben in der Vergangenheit immer wieder mit einer Regionalisierung des Krieges und der Sperrung der Strasse von Hormus im Falle eines Angriffes gedroht. Trump hat wohl nicht damit gerechnet, dass sie all das tatsächlich umsetzen.
Die USA führen daher auch einen Krieg auf Kosten Europas, das wegen des Ukraine-Kriegs ohnehin auf Öl und Gas aus der Golfregion angewiesen ist. Die Verteuerung der Energieträger, der Mangel an Mitteln zur Sicherung der Strasse von Hormus seitens der Europäer aber auch die Angst vor einer totalen Destabilisierung des Iran – und damit einhergehenden Flüchtlingswellen – sind nur einige Gründe, warum Europa Trump eine klare Absage erteilt.
Trump und Netanyahu rufen die Iraner auf, wieder protestieren zu gehen. Sollten sie das tun?
Es gibt mindestens fünf Gründe, warum die Menschen nicht auf die Strasse gehen werden: Erstens erzeugt der Krieg ein tiefes Gefühl der Unsicherheit. Zweitens droht das Regime seit Tagen jedem, der demonstrierten würde, mit dem Tod oder der Stigmatisierung als Staatsfeind. Drittens sind viele zwischen der Ablehnung des Regimes und der Liebe zum Heimatland hin- und hergerissen; sie müssen mitansehen, wie die Infrastruktur des Landes unter dem Vorwand der Regimebekämpfung zerstört wird. Zugleich erkennen viele die Widerstandsfähigkeit des Regimes – was nationale Gefühle und einen gewissen Zusammenhalt im Land stärkt. Viertens befürchten einige den Zerfall des Irans. Fünftens füllt das Regime die Strassen mit seinen Anhängern und hat sie deshalb unter Kontrolle.
Viele Regimegegner hofften auf einen Angriff der Amerikaner, auch um die demokratischen Bestrebungen im Iran zu unterstützen. Stärkt oder schwächt der nun laufende Krieg die Demokratiebewegung?
Die Geschichte der Region zeigt deutlich, dass man Demokratie nicht herbeibomben kann. Der Iran ist meines Erachtens auch keine Ausnahme. Hinzu kommt, dass zumindest die USA mittlerweile öffentlich bekannt gegeben haben, die Demokratisierung sei gar nicht ihr Ziel.
Ist Trump im Iran gescheitert?
Bis anhin schon. Das Regime ist weiterhin an der Macht, kontrolliert die Strasse von Hormus, die Energiepreise steigen, und es droht mit Vergeltung, falls die Infrastruktur Irans nochmals angegriffen wird – und das allein mit Raketen und Drohnen. Der Luftraum hingegen ist weitgehend ungeschützt, da Iran über keine modernen Kampfflugzeuge verfügt. Trump scheint noch in den klassischen Mustern der Kriegsführung zu denken, obwohl heutige Kriege zunehmend asymmetrisch ausgetragen werden.
Welchen Trumpf hält das Regime noch in der Hand?
Neben der Strasse von Hormus eine weitere wichtige Meerenge: der Bab al-Mandab, auf deutsch: das Tor der Tränen. Eine knapp 30 Kilometer breite Meeresstrasse, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet. Die Huthis im Jemen, Verbündete des Regimes in Teheran, könnten sie blockieren und so den Ölexport aus Saudi‑Arabien erschweren.
Trump sendet zwei verschiedene Signale: einerseits hat er gerade 2500 Soldaten in die Region verlegt, die einen Bodeneinsatz starten könnten. Andererseits deutet er immer wieder an, den Krieg bald beenden zu wollen, weil seiner Ansicht nach der Iran geschlagen sei. Wenn Trump jetzt aufhört, gehen die Mullahs dann nicht sogar gestärkt aus dem Krieg hervor?
Das Regime ist zwar geschwächt, wird sich jedoch als Sieger darstellen, weil es den bislang grössten Krieg überlebt hat. Sollte es auf die Bevölkerung zugehen, eine gesellschaftliche Öffnung einleiten und nach Kriegsende in Verhandlungen eine Lockerung der Sanktionen erreichen und damit die Wirtschaft verbessern, dann könnte es tatsächlich gestärkt daraus hervorgehen.
Halten Sie das für realistisch, dass sich das Regime mässigt? Gerade erst machten die Mullahs mit Mojtaba Khamenei einen Hardliner zum neuen Revolutionsführer.
Wir wissen alle nicht, ob Mojtaba Khamenei überhaupt noch lebt, und ob er führungsfähig ist. Wir wissen nicht, ob der Brief, der auf dem Kanal der Revolutionsgarden in seinem Namen veröffentlicht wurde, tatsächlich von ihm stammt. Die Revolutionsgarden sind nach wie vor die mächtigste Institution im Land. Bis jetzt sehe ich keine Spaltung unter den Garden. Sie agieren auch sehr dezentral. Die hochrangigen sind eliminiert, aber sie funktionieren immer noch. Ob es früher oder später zur Spaltung der Revolutionsgarden kommt oder ein Flügel sich zugunsten eines demokratischen Übergangs als neutral erklärt, kann ich nicht beurteilen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass sich tatsächlich ein dialogbereiter Flügel durchsetzt und an die Macht kommt.
Braucht es jetzt einen Waffenstillstand oder weitere Bombardierungen?
Einige befürchten, dass die Fortsetzung des Krieges zum Zerfall des Landes führt. Ein Teil der Bevölkerung will nicht mit dem Schicksal des Landes Glücksspiel betreiben, damit der Iran nicht vollständig zerstört wird und von Autokratien umgeben verteidigungsunfähig wird. Schliesslich benötigt das Land – unabhängig vom Regime – seine Infrastruktur und seinen Verteidigungsapparat. Am Anfang waren sehr viele für den Krieg. Aber je mehr Infrastruktur zerstört und Todesopfer vermeldet wird, desto drängender stellt sich für viele die Frage: Wie soll ich künftig hier überhaupt noch leben? 70 Prozent des Energiebedarfs im Iran wird über Gas gedeckt. Die Angriffe auf die Gasanlagen treffen deshalb auch die Bevölkerung ganz direkt.
Hat die Demokratiebewegung im Iran überhaupt noch eine Chance?
Die Zukunft des Iran ist säkular, definitiv. Iran wird ein säkularer Staat sein. Die Menschen haben gesehen, was ein islamisches Regime, die staatliche Religion anrichten kann. Wann eine echte Transformation gelingt, ist aber schwer zu sagen. Dafür müssten sich die Armee und die Revolutionsgarden für neutral erklären. Die Opposition im In- und Ausland müsste kooperieren, und nicht versuchen, die Macht an sich zu reissen. Reza Pahlavi wird von vielen Medien unterstützt. Aber ohne die Opposition im Inland sehe ich auch für ihn grosse Probleme, die Menschen hinter sich zu vereinen. (aargauerzeitung.ch)
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