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epa06664477 Syrian and Iraqi Kurdish female fighters of the Women's Protection Units (YPJ) and Rojava Defence Units take up position at a military barracks near the northern Iraqi town of Sinjar, Iraq, 11 April 2018 (issued 12 April 2018). Hundreds of Kurdish women, including Yazidis from Syria and Iraq have taken part in the fighting against Islamic state group (IS), and control the borders areas in Syria and neighboring Iraq to protect their community from suspected attacks by (IS) members. The group is the female counterpart to the Kurdish People's Protection Units (YPG), the armed branch of the leading Kurdish Democratic Union Party (PYD) and key component of the US-backed Kurdish-Arab 'Syria democratic forces' (SDF).  EPA/MURTAJA LATEEF

Kämpferinnen der Frauen-Verteidigungseinheit YPJ. Bild: EPA/EPA

Interview

Kurden-Experte: «Eine erneute Offensive von Erdogan in Syrien wäre katastrophal»

Im Interview erklärt der Kurden-Kenner Kerem Schamberger, warum sich jetzt die Gefahr eines weiteren Angriffskrieges in Nordsyrien erhöht hat. 



Herr Schamberger, die USA ziehen ihre Truppen aus Syrien ab. Was bedeutet dies für die Situation der Kurden im Norden des Landes?
Kerem Schamberger:
 Zuerst muss betont werden, dass die USA nie in Rojava (siehe Infobox) waren, um die Kurdinnen und Kurden dort zu unterstützen. Sie waren da, um ihre eigenen Interessen zu vertreten. Es ging ihnen laut eigener Aussage um den Kampf gegen den «IS» und darum, den Einfluss des Irans auf das Konfliktgebiet zu verringern. Sie wollten angeblich für Ruhe und Ordnung in Syrien sorgen. Eigentlich ging es ihnen aber primär darum, im Nahen und Mittleren Osten ihre Hegemonie aufrechtzuerhalten. 

Was ist Rojava?

Inmitten der Turbulenzen des Krieges in Syrien wurde im März 2016 die «Demokratische Föderation Nordsyrien – Rojava» ausgerufen. Damals noch bestehend aus den drei Kantonen Efrin, Kobane und Cizire, zieht sich heute das von den Kurden besiedelte Gebiet über weite Strecken von Nordsyrien. In Rojava soll eine multiethnische, multireligiöse und basisdemokratische Gesellschaft aufgebaut werden. Als ideologische Grundlage des Projekts gelten die Lehren des in der Türkei inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan. Entscheidungsträger sind kommunale Räte, in denen Frauen gleichermassen vertreten sind wie Männer. 

Aber zeitweise kämpften die USA Seite an Seite mit der kurdischen Verteidigungseinheit YPG. 
Ja, aber es war immer klar, dass dies nur ein taktisches Bündnis war. Salih Muslim, der frühere Chef der syrischen Kurdenpartei PYD hat in einem Interview gesagt, dass man die USA nie nach Syrien eingeladen habe und sie deshalb nun auch nicht wegschicken könne. Damit sagen wollte er, dass die USA immer ihre eigenen Interessen vertreten hätten und diese zeitweise deckungsgleich mit jenen der Kurden in Rojava waren. Klar ist allerdings, dass der Abzug der US-Truppen überraschend kommt. Nicht nur für die Kurden, nein, auch für Teile der US-Regierung selbst. Das sieht man auch an der Reaktion von Verteidigungsminister James Mattis, der gestern Abend seinen Rücktritt bekannt gab. 

Was wollen die Amerikaner?
Die Strategie der USA ist, sich einerseits der Türkei wieder anzunähern und gleichzeitig das Bündnis zwischen der Türkei und Russland zu schwächen. Diese Woche hat die US-Regierung dem Verkauf von 80 Patriot- und 60 PAC-3-Raketen an die Türkei zugestimmt. Diese sind eine direkte Konkurrenz zum russischen S-400-Raketensystem, das eigentlich ab 2019 in der Türkei aufgebaut werden sollte. Dieser türkisch-russische Deal, der von den USA massiv kritisiert wurde, steht meiner Einschätzung nach nun wieder zur Disposition.

Kerem Schamberger

Bild: facebook / keremschamberger

Zur Person

Kerem Schamberger ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ludwig-Maximilians-Universität München, er promoviert derzeit über kurdischen Journalismus. Er ist Co-Autor des kürzlich erschienenen Buchs «Die Kurden: Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion».

Wie wahrscheinlich ist jetzt ein erneuter Krieg?
Der Abzug der US-Truppen hat die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Angriffskriegs von Seiten der Türkei auf Rojava erhöht. Die dortigen Selbstverwaltungsstrukturen haben die Generalmobilmachung ausgerufen. Die Menschen bewaffnen sich derzeit und werden im Verteidigungskampf ausgebildet. Doch noch besteht Hoffnung. Frankreich und Grossbritannien haben zugesichert, weiterhin mit Truppen vor Ort zu bleiben. Dort beteiligen sie sich nach wie vor am Kampf gegen den «IS», zusammen mit dem von den Kurden dominierten Militärbündnis «Syrische Demokratische Kräfte». Klar ist, dass Frankreich dies ebenfalls nicht aus Selbstlosigkeit oder einer politischen Unterstützung der Kurden heraus tut. Auch die Franzosen vertreten dort eigenständige Interessen. 

«Besonders alarmierend sind Berichte, die besagen, dass sich in der türkischen Grenzstadt Nusaybin derzeit mehrere tausend dschihadistische Kämpfer für einen Angriff auf Rojava bereit machen.»

Aber kann die Präsenz der Franzosen und Briten den türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdogan von einer erneuten Offensive abhalten?
Das ist ungewiss. Möglich wäre es. Frankreich hat die Weltgemeinschaft öffentlich dazu aufgefordert, den Status der Kurden in Nordsyrien zu schützen. 

Wie weit fortgeschritten ist denn derzeit eine Militäroffensive seitens der Türkei?
Die türkische Armee hat Truppeneinheiten bereits vor einigen Wochen an die Grenze zu Syrien beordert. Besonders alarmierend sind Berichte, die besagen, dass sich in der türkischen Grenzstadt Nusaybin derzeit mehrere tausend dschihadistische Kämpfer für einen Angriff auf Rojava bereit machen. 

Bereits bei der Militäroffensive auf die kurdische Stadt Afrin vor einem Jahr gab es Bilder, die dschihadistische Kämpfer Seite an Seite mit dem türkischen Militär zeigen sollen. 
Dass sich damals dschihadistische Milizen an der Offensive beteiligt haben, gilt heute als Tatsache. Ich gehe davon aus, dass sich an einem kommenden Angriff dieselben Kräfte beteiligen werden wie vor einem Jahr. Alles andere würde mich verwundern. Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass die Türkei immer wieder gemeinsame Sache mit dem «IS» und anderen Dschihadisten macht. 

«Seit 2016 sind es 12'000 (HDP-Aktivisten), die teilweise längerfristig in Haft genommen wurden.»

Was will Erdogan?
Jegliche Form von kurdischer Selbstbestimmung verhindern. Ihm ist der Status der Kurden im Norden von Syrien ein Dorn im Auge. Und er will verhindern, dass Kurden in der Südosttürkei ein ähnliches Projekt wie jenes in Rojava starten. 

In den letzten Wochen häuften sich auch die Berichte von Verhaftungen von kurdischen Aktivisten und Politikern in der Türkei. Räumt Erdogan auch im eigenen Land auf?
Ja, das tut er, wobei aufräumen natürlich ein euphemistischer Begriff ist. Es gibt massenweise Verhaftungen. Im März sind in der Türkei Kommunalwahlen. In kurdischen Gebieten wird dann wieder die kurdische Partei HDP eine Mehrheit gewinnen und die Bürgermeister stellen. Erdogan hat darum eine Hetzkampagne lanciert und eine Verhaftungswelle gegen HDP-Politiker angeordnet. In den letzten Wochen wurden 2000 HDP-Aktivisten und -Politiker festgenommen. Seit 2016 sind es 12'000, die teilweise längerfristig in Haft genommen wurden. 

«Der ‹IS› würde gestärkt werden, denn anders als es Donald Trump behauptet, ist er nicht geschlagen.»

Welche Folgen hätte ein türkischer Angriffskrieg auf Rojava?
Katastrophale. Der «IS» würde gestärkt werden, denn anders als es Donald Trump behauptet, ist er nicht geschlagen. In Syrien wie auch im Irak hat er immer noch einige tausend Kämpfer. Genaue Zahlen gibt es nicht. In den vergangenen Wochen hat der «IS» im Osten von Syrien teilweise erfolgreiche Gegenoffensiven geführt. Das zeigt, dass er noch immer an Kraft besitzt. Eine weitere Folge eines Angriffs wäre, dass hunderttausende Binnenflüchtlinge, die in den letzten Jahren bei den Kurden Schutz gefunden haben, erneut flüchten müssten. Geschweige denn die Kurden selbst. 

Auf wen können die Kurden jetzt noch zählen?
Allem voran auf ihre eigene Kraft. Aber klar ist, dass nun Verhandlungen mit dem Assad-Regime verstärkt werden. Es gibt erste Gerüchte, dass das Militärbündnis «Syrische Demokratische Kräfte» Assad Ölquellen in Ostsyrien zurückgeben will. Im Gegenzug sollen syrische Truppen die SDF an der türkischen Grenze unterstützen. Auch ist möglich, dass Russland, das mit Assad kooperiert, den Luftraum nicht freigibt, weil es der Türkei nicht noch weitere Landgewinne in Nordsyrien zugestehen will. Am Boden hätten es die türkischen Truppen viel schwerer, um gegen die sehr erfahrenen kurdischen Kämpfer vorzugehen. 

«Es gibt unter all den Optionen nur schlechte Optionen.»

Verspielen sich die Kurden mit einer Annäherung an Assad nicht die Zukunft ihres politischen Projekts in Rojava?
Natürlich ist das riskant. Denn Assad ist natürlich kein Unterstützer von Rojava. Die Frage ist jedoch: Welche Alternative bleibt denn noch? Es gibt unter all den Optionen nur schlechte Optionen. Die Kurden denken hier realpolitisch. Assad ist der Einzige, mit dem sie derzeit noch sprechen können. 

Was heisst das für die Menschen in Rojava?
Perspektivisch ist es für sie nicht leicht. Sie haben in den letzten Jahren eine gesellschaftliche Umgestaltung unter einer ständigen Bedrohung zu entwickeln versucht. Das ist extrem schwierig. Einerseits macht sich jetzt bei der Bevölkerung Unruhe breit, weil viele nicht noch einen Krieg wollen. Andererseits wissen sie auch, dass das, was sie in den letzten sechs Jahren aufgebaut haben, nicht so leicht zu besiegen ist. Was sie jetzt brauchen ist internationale Solidarität aus der Bevölkerung, von Parteien oder fortschrittlichen Initiativen. Denn Rojava ist nicht nur das Projekt der Kurdinnen und Kurden, sondern von allen Menschen, die für Gleichberechtigung und Fortschrittlichkeit einstehen.  

Bei der Schlacht um Kobane 2013 vertrieben die kurdischen YPG-Kämpfer den «IS»

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Dina Rudolfson 22.12.2018 13:13
    Highlight Highlight Her biji Kurd u Kurdistan. Her biji jiane Kurd. Ich hoffe die Kurden in Manbij, Kobani, Derik, Qamishli werden nicht vertrieben oder angegriffen von dem diktatorischen Präsidenten Erdogan. Ich hoffe die Kurden können die Stellung halten, es darf nicht wie in Afrin enden.
  • malu 64 22.12.2018 08:12
    Highlight Highlight Die Amerikaner machen Platz, damit die Türken die Kurden bekämpfen können, unter dem Deckmantel des Terrorismus.
  • Jo Cienfuegos 22.12.2018 00:21
    Highlight Highlight Die Amis haben Soldaten auf der ganzen Welt stationiert und es gibt genau einen Ort, wie sie Sinn machen. ...und genau dort werden sie jetzt abgezogen.

    Die Türkei wird die Kurden angreifen und der IS wird in Folge wieder erstarken und zurückkommen und dann gibt es auch im Westen wieder mehr Anschläge!
  • Pasch 21.12.2018 23:04
    Highlight Highlight Kosovo 2! Nur haben die Kurden auch wirklich etwas geleistet und nicht nur das Clan-Regime gelebt und gejammert!
    • PaLve! 22.12.2018 09:25
      Highlight Highlight Das ist nicht annähernd das gleiche...
  • Berggurke 21.12.2018 19:39
    Highlight Highlight Hier hätten die europäischen Staaten, allen voran Deutschland und Frankreich, die Möglichkeit zu zeigen, wie weit sie sich tatsächlich von den USA emanzipiert haben. Das wurde ja nach der Wahl des jetztigen Präsidenten gross angekündigt...
    Wenn sie wirklich für Demokratie einstehen, dann müssten sie Erdogan, Assad und Putin jetzt die Stirn bieten und die Kurden so stark wie möglich unterstützen.
    Rojava ist der einzige Ort in Syrien, wo sich seit 2011 eine unterstützenswerte staatsähnliche Struktur gebildet hat.
    • Kubod 21.12.2018 23:22
      Highlight Highlight Es sind noch 1000 französische und 1300 britische Soldaten in Syrien.
      Beide Staaten sind da hingegangen als Reaktion auf Attentate, um den Krieg zum Gegner zu bringen, statt auf den nächsten Anschlag zu warten.
      Die Briten haben schon angekündigt, dass sie zur Bündnistreue mit den Kurden stehen.
      Vielleicht reicht das, um Erdowahn von einem Einmarsch abzuhalten.
      Aber eben, wie wir wissen, schickt der Dschihadist Erdowahn seine dschihadistischen Hilfstruppen vor. Damit kann er sagen, er habe nix gemacht.
    • Billy the Kid 22.12.2018 09:33
      Highlight Highlight @Berggurke

      Erdogan, Assad, Putin, die Franzosen - alle vertreten ihre eigenen Interessen.
      Falls du das Interview überhaupt richtig gelesen hast - sollte dir wohl klar sein, dass kein Weg an Verhandlungen mit Assad vorbeigeht.
  • Stratford-upon-Avon 21.12.2018 19:35
    Highlight Highlight Danke für diese Superinterview! Nous sommes tous des Kurdes syriens!
    • Bündn0r 21.12.2018 22:15
      Highlight Highlight Ohne werten zu wollen, finde ich es immer wieder interessant, wie viel mehr Unterstützung die Kurden heute erfahren, als in den letzten Jahrzehnten im Irak, Iran oder Libanon. Damals gehörten sie in der Berichterstattung zu "den Bösen", heute zu "den Guten" bzw "den Unterdrückten".
      Haben wir heute einfach nur den gleichen Feind? Sind wir schlauer? (leider wohl kaum...) Haben wir uns verändert? Haben sich die Kurden verändert?
    • Anna Landmann 22.12.2018 11:50
      Highlight Highlight Vielleicht (oder sicher) gibt es auch unter den Kurden verschiedene Gruppierungen mit verschiedenen Zielen und Methoden, die wir verschieden beurteilen?
  • a-n-n-a 21.12.2018 19:07
    Highlight Highlight Danke für dieses super-informative Interview Kerem!

    Her Biji 💛❤💚

    #DoNotAbandonRojava
  • Nino F. 21.12.2018 18:26
    Highlight Highlight Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und die Frauenverteidigungseinheiten der YPJ in Rojava/Nordsyrien haben unter grossen Verlusten den IS vertrieben. In Rojava wird jetzt eine freiheitliche Gesellschaft aufgebaut. Der Abzug der Amis wird dazu führen, dass die Türkei das befreite Gebiet angreifen wird. Zeigen wir unsere Solidarität mit dem religionsübergreifenden, feministischen und ökologischen Projekt in Rojava. Kein Einmarsch des türkischen Militärs!
    Benutzer Bild
    • The Destiny // Team Telegram 21.12.2018 20:49
      Highlight Highlight Ctrl+v du das jetzt unter jeden Syrien Artikel?
    • Nino F. 21.12.2018 21:41
      Highlight Highlight Ist halt so bequem. Aber werd mich bessern 😏
    • Jo Cienfuegos 22.12.2018 00:26
      Highlight Highlight Es gibt Dinge, die können nicht oft genug gesagt werden und die muss man auch nicht jedes mal umformulieren.

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