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Israel Gaza: «Es wird künftig kein Weg an der Hamas vorbeiführen»

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«Sie haben ein Blutbad angerichtet» – Experte Gysling zum Geisel-Coup Israels

Zwei Ereignisse prägten das Wochenende im Israel-Hamas-Krieg: die Geiselbefreiung Israels und der Rücktritt des Ministers Benny Gantz. Nahost-Experte Erich Gysling sagt, welche Folgen diese Entwicklungen haben.
10.06.2024, 17:1210.06.2024, 17:31
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Herr Gysling, Israel konnte vier Geiseln im Gazastreifen befreien. Werden nun mehr solche Spezialoperationen folgen?
Erich Gysling:
Das ist schwer zu sagen, denn einerseits gelang Israel diese Operation nur dank der Mithilfe ausländischer Geheimdienste und monatelanger Planung. Andererseits hat die israelische Armee wirklich ein Blutbad angerichtet.

Palestinians help a wounded man after Israeli strikes in Nuseirat refugee camp, Gaza Strip, Saturday, June 8, 2024. (AP Photo/Jehad Alshrafi)
Palästinenser helfen einem verletzten Mann nach israelischen Angriffen im Flüchtlingslager Nuseirat im Gazastreifen, wo die Geiseln befreit wurden.Bild: AP

Laut Israel gab es durch die Befreiungsaktion weniger als 100 palästinensische Todesopfer, laut der Hamas aber 274. Das sorgte international für viel Kritik – zu Recht?
Ja, zu Recht. Die Frage der Verhältnismässigkeit muss man stellen. Auch wenn dieser Krieg schon lange nicht mehr verhältnismässig ist. Von den seit dem 7. Oktober getöteten 37’000 Palästinenserinnen und Palästinenser sind die meisten Opfer Zivilisten. Wenn man US-Geheimdienstinformationen glaubt, hat Israel in acht Monaten erst ein Drittel aller Hamas-Militanten eliminiert.

Zur Person
Erich Gysling (87) war Chefredaktor des Schweizer Fernsehens und Mitbegründer der Sendung «Rundschau». Er hat immer wieder Reisen in den arabischen Raum unternommen und kennt die Region seit Jahrzehnten. Der Nahostexperte kommuniziert in neun Sprachen, darunter Arabisch und Farsi.

Neben der Zerstörung der Hamas ist die Befreiung der Geiseln ein definiertes Kriegsziel Israels, bevor sie über eine Ordnung nach dem Krieg verhandeln möchten. Ist das überhaupt realistisch?
Genau das geht nicht auf. Rechtsradikale Strömungen innerhalb der Regierung wollen gar keine Verhandlungen mit der Hamas, sondern die Geiseln durch den Krieg befreien. Doch diverse militärische Fachleute halten es für unmöglich, so alle Geiseln heil befreien zu können.

Die US-Regierung unter Joe Biden drängt Israel und die Hamas zu einem Friedensplan, der keine Nachkriegsordnung festlegt. Gibt es ein Szenario, in dem die Hamas freiwillig die Verwaltung des Gazastreifens abgibt, so wie es sich Israel wünscht?
Nein. Es ist nach wie vor kein tragfähiger Plan für die Zeit nach dem Krieg vorhanden. Auch der jetzt zurückgetretene Minister Benny Gantz hat keine konstruktive, langfristige Vorstellung davon, wie das aussehen soll.

Welche Ideen hat Gantz denn?
Er fordert eine Entwaffnung der Hamas und möchte die Verwaltung über den Gazastreifen an eine zivile Organisation übergeben. Doch eine solche zivile Organisation gibt es nicht. Zudem möchte er die umliegenden arabischen Regierungen in die Pflicht nehmen, die aber gar kein Interesse daran haben.

Portrait of Erich Gysling, publicist, correspondent and Middle-East expert, pictured on June, 28, 2011, in Affoltern am Albis, canton of Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Nahost-Experte: Erich Gysling.Bild: KEYSTONE

Gantz selbst hat die fehlende Nachkriegsordnung von Netanyahu kritisiert und mit seinem Rücktritt aus der Notstandsregierung Neuwahlen gefordert. Was muss denn nun passieren, dass er dem Ministerpräsidenten gefährlich werden könnte?
Er könnte Netanyahu dann gefährlich werden, wenn Neuwahlen stattfinden, was der Ministerpräsident natürlich zu vermeiden versucht. Die nächsten regulären Wahlen sind für 2026 geplant. Solange Netanyahu aber die Unterstützung der rechtsextremen und ultraorthodoxen Kräfte hat, kann er seine Mehrheit im Parlament aufrechterhalten.

Aber diese Unterstützung ist doch auch gefährdet seit dem Gerichtsurteil vom März, das entschied, dass auch ultraorthodoxe Juden in der Armee dienen müssen?
Das wissen wir noch nicht. Die Drohung ist zwar in der Luft, doch Netanyahu wird sicher eine Formel finden, um sich dem Gerichtsentscheid zu entziehen.

Nehmen wir an, es kommt zu Neuwahlen und Benny Gantz und seine Partei würden gewinnen. Was würde passieren?
Wesentliches würde sich nicht ändern, denn: Wie bereits gesagt hat auch Gantz keine klare Formel für die Zukunft. Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, kann man sagen, dass auch künftig kein Weg an der Hamas vorbeiführen wird.

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Israelische Armee rückt in Rafah ein – die Darstellungen sind unterschiedlich
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206 Kommentare
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Amateurschreiber
10.06.2024 19:04registriert August 2018
Wie gesagt: Da haben sich zwei gefunden:
- Die Hamas, der das eigene Volk egal ist und das ihnen nur dazu dient als Märtyrer verheizt zu werden
- Die ultrarechten Israeils die nun eine Ausrede haben, den Gazastreifen mit dem eisernen Besen zu kehren.
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Elhace
10.06.2024 19:14registriert April 2022
Die Hamas verschleppt Geiseln in Wohngebiete und lässt sie von Zivilisten bewachen. Die Hamas greift mit Panzerfäusten ein Befreiungsfahrzeug mit Panzerfäusten an. In den Gefechten sterben viele Zivilisten.
Das unerträgliche Leid der Zivilbevölkerung ist die direkte Konsequenz des barbarischen Terrors und Guerillakriegs der Hamas und ihrer Verbündeter. Israel hat das Recht und die Pflicht, auch auf militärischem Weg die Geiseln zu befreien.
Die Verantwortung der Hamas für das menschliche Leid wird nicht einmal benannt. Solange die Hamas an der Macht ist, wird es keinen Frieden geben.
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tamasc
10.06.2024 18:38registriert Mai 2019
Ohne überhaupt zu wissen wie viele Tote es überhaupt gab, wieviele davon Terroristen waren und wieviele der Toten direkt von der Hamas beim Versuch die israelischen Spezialkräfte zu stellen getroffen wurden lässt sich meines Erachtens nicht über Verhältnismäßigkeit diskutieren.
Ganz abgesehen davon, dass es die Entscheidung der Hamas war, die Geiseln in diesem Gebiet zu halten.
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