Herr Gysling, Israel konnte vier Geiseln im Gazastreifen befreien. Werden nun mehr solche Spezialoperationen folgen?
Erich Gysling: Das ist schwer zu sagen, denn einerseits gelang Israel diese Operation nur dank der Mithilfe ausländischer Geheimdienste und monatelanger Planung. Andererseits hat die israelische Armee wirklich ein Blutbad angerichtet.
Laut Israel gab es durch die Befreiungsaktion weniger als 100 palästinensische Todesopfer, laut der Hamas aber 274. Das sorgte international für viel Kritik – zu Recht?
Ja, zu Recht. Die Frage der Verhältnismässigkeit muss man stellen. Auch wenn dieser Krieg schon lange nicht mehr verhältnismässig ist. Von den seit dem 7. Oktober getöteten 37’000 Palästinenserinnen und Palästinenser sind die meisten Opfer Zivilisten. Wenn man US-Geheimdienstinformationen glaubt, hat Israel in acht Monaten erst ein Drittel aller Hamas-Militanten eliminiert.
Neben der Zerstörung der Hamas ist die Befreiung der Geiseln ein definiertes Kriegsziel Israels, bevor sie über eine Ordnung nach dem Krieg verhandeln möchten. Ist das überhaupt realistisch?
Genau das geht nicht auf. Rechtsradikale Strömungen innerhalb der Regierung wollen gar keine Verhandlungen mit der Hamas, sondern die Geiseln durch den Krieg befreien. Doch diverse militärische Fachleute halten es für unmöglich, so alle Geiseln heil befreien zu können.
Die US-Regierung unter Joe Biden drängt Israel und die Hamas zu einem Friedensplan, der keine Nachkriegsordnung festlegt. Gibt es ein Szenario, in dem die Hamas freiwillig die Verwaltung des Gazastreifens abgibt, so wie es sich Israel wünscht?
Nein. Es ist nach wie vor kein tragfähiger Plan für die Zeit nach dem Krieg vorhanden. Auch der jetzt zurückgetretene Minister Benny Gantz hat keine konstruktive, langfristige Vorstellung davon, wie das aussehen soll.
Welche Ideen hat Gantz denn?
Er fordert eine Entwaffnung der Hamas und möchte die Verwaltung über den Gazastreifen an eine zivile Organisation übergeben. Doch eine solche zivile Organisation gibt es nicht. Zudem möchte er die umliegenden arabischen Regierungen in die Pflicht nehmen, die aber gar kein Interesse daran haben.
Gantz selbst hat die fehlende Nachkriegsordnung von Netanyahu kritisiert und mit seinem Rücktritt aus der Notstandsregierung Neuwahlen gefordert. Was muss denn nun passieren, dass er dem Ministerpräsidenten gefährlich werden könnte?
Er könnte Netanyahu dann gefährlich werden, wenn Neuwahlen stattfinden, was der Ministerpräsident natürlich zu vermeiden versucht. Die nächsten regulären Wahlen sind für 2026 geplant. Solange Netanyahu aber die Unterstützung der rechtsextremen und ultraorthodoxen Kräfte hat, kann er seine Mehrheit im Parlament aufrechterhalten.
Aber diese Unterstützung ist doch auch gefährdet seit dem Gerichtsurteil vom März, das entschied, dass auch ultraorthodoxe Juden in der Armee dienen müssen?
Das wissen wir noch nicht. Die Drohung ist zwar in der Luft, doch Netanyahu wird sicher eine Formel finden, um sich dem Gerichtsentscheid zu entziehen.
Nehmen wir an, es kommt zu Neuwahlen und Benny Gantz und seine Partei würden gewinnen. Was würde passieren?
Wesentliches würde sich nicht ändern, denn: Wie bereits gesagt hat auch Gantz keine klare Formel für die Zukunft. Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, kann man sagen, dass auch künftig kein Weg an der Hamas vorbeiführen wird.
- Die Hamas, der das eigene Volk egal ist und das ihnen nur dazu dient als Märtyrer verheizt zu werden
- Die ultrarechten Israeils die nun eine Ausrede haben, den Gazastreifen mit dem eisernen Besen zu kehren.
Das unerträgliche Leid der Zivilbevölkerung ist die direkte Konsequenz des barbarischen Terrors und Guerillakriegs der Hamas und ihrer Verbündeter. Israel hat das Recht und die Pflicht, auch auf militärischem Weg die Geiseln zu befreien.
Die Verantwortung der Hamas für das menschliche Leid wird nicht einmal benannt. Solange die Hamas an der Macht ist, wird es keinen Frieden geben.
Ganz abgesehen davon, dass es die Entscheidung der Hamas war, die Geiseln in diesem Gebiet zu halten.