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President Donald Trump gives two thumbs up to supporters as he departs after playing golf at the Trump National Golf Club in Sterling Va., Sunday Nov. 8, 2020. (AP Photo/Steve Helber)
Donald Trump

Daumen hoch, Lippen so etwas wie geschürzt: Donald Trump zeigt sich nach einer Runde Golf kämpferisch. Bild: keystone

Interview

«In Moskau wird Golfen schwierig» – wie es jetzt mit Trump (und watson-Löpfe) weitergeht



Vier Jahre lang hat unser Politikanalyst Philipp Löpfe fast täglich gegen Donald Trump angeschrieben – und auf einen vorzeitigen Abgang gehofft: «Warum ein Buch über die First Lady Donald Trump gefährlich werden kann», «Warum dieser Fox-News-Moderator Trump gefährlich werden kann», «Warum dieser Mann zur grössten Gefahr für Donald Trump geworden ist».

Donald Trump hielt sich zäher im Sattel, als manch einer prognostizierte. Doch auch Philipp Löpfe bewies Durchhaltewillen. Den Trump-Stil akzeptieren, ihn zur Normalität verkommen lassen, das darf nicht sein. Und jetzt wurde Trump abgewählt. Ist das nun auch ein persönlicher Triumph? Wir haben ihn gefragt.

Philipp, wie geht es dir?
Philipp Löpfe: Gut, vielen Dank, sehr gut. Wir hatten eine gute Woche. Der FCZ hat dreimal nicht verloren und dann war ja noch der Sieg von Joe Biden und Kamala Harris. Tipptopp.

Du hast vier Jahre lang fast täglich gegen Trump gewettert. Ist es für dich nicht auch eine persönliche Genugtuung?
Es ist für mich eher eine Erleichterung. Es stand sehr viel auf dem Spiel. Ich glaube man unterschätzt, was eine zweite Trump-Amtszeit ausgelöst hätte.

Klär uns auf.
Ein Sieg Trumps hätte dazu geführt, dass sich die USA zu einem autoritären Staat verwandelt hätte, so wie das zum Beispiel Ungarn oder die Türkei bereits sind. Das hätte Signalwirkung gehabt für weitere Länder. Auch die Schweiz hätte einen Streifschuss abbekommen. Man muss sich die Tweets nur mal anschauen. Zum Beispiel von Roger Köppel. Unglaublich.

Du hast so dezidiert wie kein anderer Journalist im deutschsprachigen Raum gegen Trump geschrieben – und wurdest dafür aber auch kritisiert und belächelt.
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich belächelt wurde. Die Reaktionen, die ich – auch von wichtigen Leuten – erhielt, waren durchwegs positiv.

Aber bei unseren Usern kam schon der «Typisch-Löpfe»-Reflex auf.
Es gab gewisse User, die so reagierten. Aber ich denke, das war ein kleiner Kreis.

Gab es Momente, die dich zweifeln liessen, ob es Biden reicht?
Ja, die Zweifel waren immer vorhanden. Ich rechnete nie mit einem Erdrutschsieg. Gehofft hatte ich es, aber damit gerechnet nicht.

Wie geht es jetzt weiter? Wird die Machtübergabe wie geplant stattfinden?
Ich denke schon. Die Murdoch-Medien legen dies Trump bereits nahe – und die Militias sind Maulhelden.

Ich lass das mal so stehen und hoffe, du hast damit recht. Was wird danach aus Trump?
Es gibt zwei Optionen. Die erste lautet: Er spielt weiter den starken Mann und die Republikaner tanzen nach seiner Pfeife. Dann tritt er 2024 noch einmal an. Das ist durchaus realistisch.

Aber ich glaube eher ans alte Boxer-Sprichwort: «They never come back». Bereits jetzt sieht man, wie ihm die Luft abgelassen wird. Republikaner, die sich zuvor duckmäuserisch verhalten haben, machen sich nun lustig. Derweil liegen sich die Rechten in den Haaren. Breitbart attackiert Fox-News wegen des Arizona-Calls. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zur Spaltung zwischen Fox und Trump kommt.

Was ist mit der Gefängnis-Option?
Die ist auch realistisch. Trump ist im Cohen-Verfahren als nicht angeklagter Mitverschwörer im Prinzip bereits schuldig gesprochen worden. Indirekt. Cohen kriegte dafür drei Jahre. Trump hat jetzt keinen korrupten Justizminister mehr, der ihn verteidigt. Und das Cohen-Verfahren ist nur eines von mindestens einem Dutzend, das er noch am Hals hat.

Eine Möglichkeit, den Anklagen zu entkommen, wäre eine Begnadigung durch Mike Pence, wenn Trump diesem für die letzten Wochen die Präsidentschaft überlässt.
Möglich, aber wenig zielführend. Pence kann ihn nur auf der föderalen Ebene begnadigen, nicht jedoch, sollte Trump etwa im Bundesstaat New York verurteilt werden.

Was hältst du von der Theorie, dass er sich ins Ausland absetzt?
Nun ja, in Moskau sollen die Winter sehr streng sein – Golfen wird dort schwierig. Daher: unwahrscheinlich.

Reden wir noch schnell über die Sieger. Wird es Joe Biden und Kamala Harris gelingen, den tiefen Graben, der sich durch die USA zieht, zu schliessen?
57 Prozent der Weissen haben Trump gewählt. Das war bereits bei Romney und Bush der Fall. Deshalb hat es auch keine «blaue Welle» gegeben. Den Rassismus zu überwinden, wird kurzfristig kaum möglich sein.

Wie viel Zeit gibst du Joe Biden noch? Wann übernimmt Harris?
Ich glaube nicht, dass er eine zweite Amtszeit machen wird. Aber sie sollen jetzt mal beginnen und dann schauen wir weiter. Je nachdem, wann Biden abtritt, ist ja nicht sicher, ob Harris automatisch nachrückt. Aber sie hat sicher gute Chancen jetzt.

Noch eine letzte Frage zu dir. Trittst du jetzt zurück – quasi auf dem Höhepunkt deines Schaffens?
Ich bin kein Bastler und ich möchte auch keine Weltreise machen. Ich lese lieber viel. Solange ich gesund bin, will ich weiter die Geschehnisse dieser Welt für watson analysieren und kommentieren. Aber wieso fragst du? Willst du mich loswerden?

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Video: watson/een

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