Herr Berni, die Ukraine zieht sich in diversen Gebieten zurück, die Russen sind im Donbass auf dem Vormarsch und gefährlich nahe am wichtigen Verkehrsknotenpunkt Pokrowsk. Steht die Stadt vor dem Fall?
Marcel Berni: Ob die Stadt fallen wird, kann man nicht sagen. Die Russen setzen aber viel daran, die Stadt anzugreifen, weil ihr militärischer Schwerpunkt genau auf diese Region gerichtet ist.
Sollte Pokrowsk doch fallen, wie nahe wären die Russen ihrem Ziel, die komplette Provinz Donezk zu besetzen?
Sie wären dann sicher näher an den wichtigen ukrainischen Grossstädten Kramatorsk und Slowjansk. Doch die Ukraine hat auf den Vormarsch der Russen reagiert und die Verteidigung in der Stadt Pokrowsk ausgebaut, weshalb es wohl zu einer längeren Schlacht kommen wird.
Die Russen hatten lange mit zähem Widerstand zu kämpfen, doch im letzten Monat gewannen sie doppelt so viel Terrain pro Tag wie im Monat davor. Wie war dieser Wandel möglich?
Ich sehe zwei Hauptgründe dafür. Erstens haben die Russen mit Gleitbomben, die sie aus russischem Luftraum abschiessen können, effizient die ukrainische Verteidigung angegriffen. Zweitens ist es den Russen gelungen, die Ukraine dort anzugreifen, wo sie mit personellen Engpässen zu kämpfen hat. So konnte Russland gewisse Frontabschnitte aufbrechen.
Woran mangelt es der ukrainischen Verteidigung?
Es mangelt an Personal und die Frontablösung zwischen den Einheiten wirkt teilweise unorganisiert. Während die Russen es sich leisten können, auf Quantität zu setzen, müssen die Ukrainer jeden Mann an der Front schonen. Zurzeit fehlt es der Ukraine aber auch an gehärteten Verteidigungslinien.
Erfolgreicher als in der Verteidigung waren die Ukrainer mit ihrem Vorstoss in der russischen Region Kursk. Was nützt es der Ukraine, dieses Gebiet zu besetzen?
Das ist die grosse Frage. Einerseits ist es möglich, dass die Ukraine dieses Gelände als Faustpfand benutzt, um bei einem möglichen Waffenstillstand mit Russland zu verhandeln. Andererseits könnte die Besetzung auch ein Köder sein, um russische Truppen nach Kursk zu locken und somit militärische Ressourcen vom Donbass abzuziehen.
Wann würde Russland zu Verhandlungen bereit sein?
Ich sehe aktuell keine Möglichkeit für Verhandlungen. Es ist auch gut möglich, dass Russland nicht genügend Truppen nach Kursk beordert und die Ukraine das besetzte Land lange halten und verteidigen muss – das braucht Ressourcen.
Verschwendet die Ukraine nicht wichtige Ressourcen, indem sie russische Gebiete besetzt, anstatt sich auf die Befreiung der von Russland annektierten Regionen zu fokussieren?
Das ist das grosse Risiko, das die Ukraine momentan eingeht. Sie gewinnt vielleicht russisches Kernland, aber verliert im Extremfall den Donbass. Die Ukraine geht also ein Risiko ein, sich zu verzetteln und zu überdehnen.
Ist es für die Ukraine überhaupt noch möglich, die von Russland eroberten Gebiete zurückzuholen?
Aufgeben werden sie nicht. Russland und die Ukraine verfolgen beide nach wie vor ihre maximalistischen Kriegsziele. Russland will die Ukraine entmilitarisieren und die Ukraine will ihr ganzes Territorium wiederherstellen.
Denken Sie, an den jeweiligen Zielen ändert sich etwas mit dem Ausgang der US-Präsidentschaftswahl?
Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, die Russen werden bis zur Wahl weitere Gebiete angreifen und die Ukraine wird ihr Faustpfand in der Region Kursk verteidigen. Es wird sich zeigen, wo der Frontverlauf Anfang November stehen wird. Danach kommt die Schlamm- und Winterperiode, die Vormärsche schwieriger macht.
Können Sie einen Ausblick geben, was sich bei einer Wahl von Kamala Harris oder von Donald Trump für die Ukraine verändern würde?
Ich glaube, für die Ukraine wäre Harris berechenbarer und die bevorzugte Kandidatin. Trump steht für das grosse Unbekannte – bei ihm ist alles möglich, weshalb ich keine Prognose wage.
Es sind nicht "einfach" 2 Kriegsparteien, die gegenseitig beschlossen haben, sich zu bekämpfen.
Solange der Westen sich dagegen verwahrt, der Ukraine die gesamte dringend benötigte Waffenunterstützung zu gewähren und nicht gestattet, die westlichen Waffen unbeschränkt einzusetzen, steht die Ukraine mit dem Rücken zur Wand.