International
Interview

ETH-Experte Berni: «Die Ukraine verliert im Extremfall den Donbass»

Interview

ETH-Experte Marcel Berni: «Die Ukraine geht ein Risiko ein, sich zu verzetteln»

Russische Truppen rücken in der Provinz Donezk vor, während die Ukraine russische Gebiete besetzt. Welche Strategie dahinterstecken und was in den nächsten Wochen passieren könnte, schätzt Experte Marcel Berni ein.
06.09.2024, 05:0005.09.2024, 21:17
Mehr «International»

Herr Berni, die Ukraine zieht sich in diversen Gebieten zurück, die Russen sind im Donbass auf dem Vormarsch und gefährlich nahe am wichtigen Verkehrsknotenpunkt Pokrowsk. Steht die Stadt vor dem Fall?
Marcel Berni:
Ob die Stadt fallen wird, kann man nicht sagen. Die Russen setzen aber viel daran, die Stadt anzugreifen, weil ihr militärischer Schwerpunkt genau auf diese Region gerichtet ist.

Sollte Pokrowsk doch fallen, wie nahe wären die Russen ihrem Ziel, die komplette Provinz Donezk zu besetzen?
Sie wären dann sicher näher an den wichtigen ukrainischen Grossstädten Kramatorsk und Slowjansk. Doch die Ukraine hat auf den Vormarsch der Russen reagiert und die Verteidigung in der Stadt Pokrowsk ausgebaut, weshalb es wohl zu einer längeren Schlacht kommen wird.

Die Russen hatten lange mit zähem Widerstand zu kämpfen, doch im letzten Monat gewannen sie doppelt so viel Terrain pro Tag wie im Monat davor. Wie war dieser Wandel möglich?
Ich sehe zwei Hauptgründe dafür. Erstens haben die Russen mit Gleitbomben, die sie aus russischem Luftraum abschiessen können, effizient die ukrainische Verteidigung angegriffen. Zweitens ist es den Russen gelungen, die Ukraine dort anzugreifen, wo sie mit personellen Engpässen zu kämpfen hat. So konnte Russland gewisse Frontabschnitte aufbrechen.

Zur Person
Dr. Marcel Berni studierte von 2008 bis 2013 Geschichte, Politikwissenschaft und Ökologie an der Universität Bern. Seit 2014 forscht und lehrt er als wissenschaftlicher Assistent an der Dozentur Strategische Studien der Militärakademie an der ETH Zürich. 2019 promovierte er mit einer Arbeit über kommunistische Gefangene im Vietnamkrieg an der Universität Hamburg. Die Studie, die im Herbst 2020 in überarbeiteter Form erschienen ist, gewann den André-Corvisier-Preis für die beste militärhistorische Dissertation. Im Jahr 2022 vertrat er die Dozentur Strategische Studien in Forschung und Lehre.

Woran mangelt es der ukrainischen Verteidigung?
Es mangelt an Personal und die Frontablösung zwischen den Einheiten wirkt teilweise unorganisiert. Während die Russen es sich leisten können, auf Quantität zu setzen, müssen die Ukrainer jeden Mann an der Front schonen. Zurzeit fehlt es der Ukraine aber auch an gehärteten Verteidigungslinien.

Marcel berni
ETH-Experte Marcel Berni. Bild: zvg

Erfolgreicher als in der Verteidigung waren die Ukrainer mit ihrem Vorstoss in der russischen Region Kursk. Was nützt es der Ukraine, dieses Gebiet zu besetzen?
Das ist die grosse Frage. Einerseits ist es möglich, dass die Ukraine dieses Gelände als Faustpfand benutzt, um bei einem möglichen Waffenstillstand mit Russland zu verhandeln. Andererseits könnte die Besetzung auch ein Köder sein, um russische Truppen nach Kursk zu locken und somit militärische Ressourcen vom Donbass abzuziehen.

Wann würde Russland zu Verhandlungen bereit sein?
Ich sehe aktuell keine Möglichkeit für Verhandlungen. Es ist auch gut möglich, dass Russland nicht genügend Truppen nach Kursk beordert und die Ukraine das besetzte Land lange halten und verteidigen muss – das braucht Ressourcen.

Verschwendet die Ukraine nicht wichtige Ressourcen, indem sie russische Gebiete besetzt, anstatt sich auf die Befreiung der von Russland annektierten Regionen zu fokussieren?
Das ist das grosse Risiko, das die Ukraine momentan eingeht. Sie gewinnt vielleicht russisches Kernland, aber verliert im Extremfall den Donbass. Die Ukraine geht also ein Risiko ein, sich zu verzetteln und zu überdehnen.

epa11583442 Ukrainian rescuers work at the site of a combined Russian strike that hit a residential area in Lviv, western Ukraine, 04 September 2024, amid the ongoing Russian invasion. At least seven  ...
Russische Truppen haben in der Stadt Lwiw grossen Schaden angerichtet. Bild: keystone

Ist es für die Ukraine überhaupt noch möglich, die von Russland eroberten Gebiete zurückzuholen?
Aufgeben werden sie nicht. Russland und die Ukraine verfolgen beide nach wie vor ihre maximalistischen Kriegsziele. Russland will die Ukraine entmilitarisieren und die Ukraine will ihr ganzes Territorium wiederherstellen.

Denken Sie, an den jeweiligen Zielen ändert sich etwas mit dem Ausgang der US-Präsidentschaftswahl?
Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, die Russen werden bis zur Wahl weitere Gebiete angreifen und die Ukraine wird ihr Faustpfand in der Region Kursk verteidigen. Es wird sich zeigen, wo der Frontverlauf Anfang November stehen wird. Danach kommt die Schlamm- und Winterperiode, die Vormärsche schwieriger macht.

Können Sie einen Ausblick geben, was sich bei einer Wahl von Kamala Harris oder von Donald Trump für die Ukraine verändern würde?
Ich glaube, für die Ukraine wäre Harris berechenbarer und die bevorzugte Kandidatin. Trump steht für das grosse Unbekannte – bei ihm ist alles möglich, weshalb ich keine Prognose wage.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Russland prahlt mit «Frankenstein-Panzer» – die Ukraine zerstört ihn sofort
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
54 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
_andreas
06.09.2024 07:03registriert April 2020
Die Ukraine hat übrigens in einem Monat mehr russisches Territorium erobert als Russland in ganz 2024 in der Ukraine. Natürlich wird das bei Verhandlungen helfen wenn sie es bis dahin halten können.
5321
Melden
Zum Kommentar
avatar
Ktwo
06.09.2024 09:03registriert Februar 2024
Niemals vergessen, dass es in diesem Krieg einen Aggressor und eine sich verzweifelt verteidigende Nation gibt.

Es sind nicht "einfach" 2 Kriegsparteien, die gegenseitig beschlossen haben, sich zu bekämpfen.

Solange der Westen sich dagegen verwahrt, der Ukraine die gesamte dringend benötigte Waffenunterstützung zu gewähren und nicht gestattet, die westlichen Waffen unbeschränkt einzusetzen, steht die Ukraine mit dem Rücken zur Wand.
3416
Melden
Zum Kommentar
avatar
lenggi
06.09.2024 07:47registriert November 2023
die UA ist viel staerkar, als hier immer wieder dargestellt wird. das Verhaeltnis an Munition und Soldaten ist in Kramatorsk 1:5 fuer die Russen. Trotzdem kommen sie nur langsam vorwaerts. Die Gleitbomben sind das groesste Problem, und die UA kann nichts dagegen unternehmen, weil die Amis nicht erlauben ATACMS auf russischem Gebiet einzusetzen. Biden blockiert mit seinem Veto sogar den Einsatz der britischen Storm Shadows und der franzoesischen Scalpel, obschon die UA die Erlaubnis dieser Laender hat. Solange Sullivan und Biden derart aengstlich agieren, hat die UA kaum eine chance
3427
Melden
Zum Kommentar
54
    Der Tag danach: So stark bebte die Börse nach Trumps Zoll-Ankündigung weltweit

    Es war ein Erdbeben mit Ansage. Donald Trump hat in der Nacht auf Donnerstag die Höhe seiner Strafzölle verkündet. Der Zeitpunkt wurde von der US-Regierung exakt gewählt, nämlich nach Börsenschluss. «Es ist schon bemerkenswert», sagt der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers dazu. Und auch weitere Ökonomen staunen.

    Zur Story