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Interview

Militärexperte: «Die Teilmobilmachung ist ein Akt der Verzweiflung»

FILE Russia's President Vladimir Putin and Russian Defense Minister Sergei Shoigu attend the opening of the Army 2022 International Military and Technical Forum in the Patriot Park outside Moscow ...
Haben grosse Pläne: Wladimir Putin und Verteidigungsminister Sergej Schoigu wollen 300'000 Reservisten mobilisieren.Bild: keystone
Interview

Das hält ein Schweizer Strategie-Experte von Putins Teilmobilmachung

Putin ordnet die Teilmobilmachung an, 300'000 russische Reservisten sollen eingezogen werden. Strategie-Experte Marcel Berni sieht darin einen Akt der Verzweiflung.
21.09.2022, 16:1921.09.2022, 16:41
Dennis Frasch
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Herr Berni, was hat diese Teilmobilmachung zu bedeuten?
Marcel Berni:
Ich halte Putins Ansage vordergründig für eine innenpolitische Botschaft. Er will seiner Bevölkerung klarmachen, dass diese «militärische Spezialoperation» weitergeht und er bereit dazu ist, dafür Reservisten einzuziehen.

Wieso entscheidet sich Putin gerade jetzt für diesen Schritt?
Ich glaube, das ist kein Zufall. Putin steht ob der ukrainischen Gegenoffensive unter Zugzwang. Alle Gebietsgewinne, die die Russen in den letzten Monaten machen konnten, sind bedroht. Er will retten, was noch zu retten ist.

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Deswegen auch die Scheinreferenden in Donetsk, Luhansk, Saporischja und Cherson.
Genau, die Teilmobilmachung ist keine isolierte Massnahme. Gemeinsam mit den Scheinreferenden ist sie Teil einer neuen Strategie. Mit diesen Abstimmungen und der daraus folgenden Annexion sollen die Gebietsgewinne abgesichert werden. Um diese dann auch zu verteidigen, benötigt Putin neues Personal.

Wie genau kann man sich diese Referenden, allesamt in heftig umkämpften Gebieten, vorstellen?
Das frage ich mich auch. Es wird nicht sein wie auf der Krim, als alles schnell und mehr oder weniger friedlich vonstattenging. Die aktuellen Referenden werden ziemlich sicher fingiert sein und mit einem hohen Ja-Anteil enden. Das sind keine demokratischen Referenden, sondern Hauruck-Übungen in Kriegsgebieten.

«Ich kann mir vorstellen, dass viele nicht unbedingt Freudensprünge machen ob der Vorstellung, in den Krieg ziehen zu müssen.»

Russland will also 300'000 zusätzliche Soldaten mobilisieren. Was sind das für Menschen, woher kommen sie?
Das sind Reservisten. Also Soldaten, die teilweise bereits ausgebildet wurden. Sie sind aber nicht Teil der Berufsarmee, sondern zumeist in der Zivilgesellschaft tätig. Die müssten jetzt fit gemacht werden für die Front. Optimalerweise werden diese Leute nochmals geschult an den Geräten und durchlaufen den militärischen Drill. Zu Beginn des nächsten Jahres könnte man sie dann einsetzen.

Hat Russland überhaupt genügend Personal und Material, um diese Flut an neuen Kämpfern auf den Krieg vorzubereiten?
Das wird sich zeigen. Ein grosser Teil der personellen Ressourcen fiel in den letzten Wochen und Monaten im Krieg. Das ist ein riesiges Problem: Die Soldaten müssen nicht nur transportiert, sondern auch ausgebildet werden. Das ist eine Mammutaufgabe, die nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann. Man muss nun genau beobachten, ob den Worten auch Taten folgen werden.

«Man sollte es immer ernst nehmen, wenn ein Staatspräsident so leichtsinnig von grossen Massenvernichtungswaffen spricht.»

Bisher waren primär Soldaten aus entlegenen Gebieten und aus tieferen sozialen Schichten im Einsatz. Ändert sich das nun?
Es wird bestimmt die breitere Bevölkerung tangieren. Darum auch Putins Ansprache: Er muss diesen Entscheid rechtfertigen.

Bild
bild: zvg
Zur Person
Dr. Marcel Berni studierte von 2008 bis 2013 Geschichte, Politikwissenschaft und Ökologie an der Universität Bern. Seit 2014 forscht und lehrt er als wissenschaftlicher Assistent an der Dozentur Strategische Studien der Militärakademie an der ETH Zürich. 2019 promovierte er mit einer Arbeit über kommunistische Gefangene im Vietnamkrieg an der Universität Hamburg. Die Studie, die im Herbst 2020 in überarbeiteter Form erschienen ist, gewann den André-Corvisier-Preis für die beste militärhistorische Dissertation. Im Jahr 2022 vertritt er die Dozentur Strategische Studien in Forschung und Lehre.

Womit wir bei der Moral wären: Wie steht es um die Motivation der Reservisten?
Ich kann mir vorstellen, dass viele nicht unbedingt Freudensprünge machen ob der Vorstellung, in den Krieg ziehen zu müssen. Im Winter, in einem fremden Land, mit veralteter Ausrüstung und Waffensystemen. Und das gegen eine Armee, die grosse Erfolge erzielen konnte in den letzten Wochen. Das ist alles andere als ein Selbstläufer.

Könnte die Stimmung in der Gesellschaft kippen?
Bei solchen Mutmassungen bin ich sehr vorsichtig. In den letzten Monaten gab es immer wieder Gerüchte über Palastrevolten und Ähnliches. Ich denke, in Russland hat man Angst vor Veränderungen. Aber ja: In Teilen der Zivilbevölkerung könnte es nun zu mehr Widerstand kommen.

Nehmen wir an, diese Reservisten werden in absehbarer Zeit an die Front geschickt. Wie würde sich das Kräfteverhältnis ändern?
Man muss bedenken, dass die 300'000 Mann nicht gemeinsam in den Krieg ziehen können. Das wäre logistisch gar nicht möglich. Wahrscheinlicher ist, dass sie gestaffelt zum Einsatz kommen. Das deutet darauf hin, dass Putin sich auf einen langen Krieg einstellt. Die zusätzlichen Kämpfer würden auch eine Rotation erlauben, sodass man einzelnen Männern einen Front-Urlaub geben kann.

Zusätzliche Streitkräfte an der Front bedeuten auch weniger Arbeitskräfte in der Wirtschaft. Was heisst das für eine ohnehin schon angeschlagene Ökonomie?
Die Produktion wird weiterhin sinken, die Wirtschaft in noch ärgere Schieflage geraten. Aber das war von Beginn weg klar – Putin scheint dies in Kauf zu nehmen.

Putin treibt nun bereits wieder die Atomsau durchs Dorf. Wie ernst sind diese Drohungen zu nehmen?
Man sollte es immer ernst nehmen, wenn ein Staatspräsident so leichtsinnig von grossen Massenvernichtungswaffen spricht. Aber diese Drohungen sind ja nicht neu. Sollte die Ukraine es schaffen, in Gebiete vorzudringen, die vor dem 24. Februar schon «russisch» waren, dann wären die Chancen für taktische Atomschläge höher als momentan.

Sie sprechen von der Krim.
Genau.

Angenommen, diese Scheinreferenden werden jetzt durchgeboxt. Gilt dieses atomare Schutzschild dann auch für die neuen «russischen» Gebiete?
Das kommt darauf an, ob diese Gebiete tatsächlich annektiert und unter die russische Militärdoktrin gestellt würden. Wäre dies der Fall, könnten sie im Zweifelsfall mit atomaren Waffen verteidigt werden.

Das klingt alles sehr drastisch.
Die Teilmobilmachung ist ein Akt der Verzweiflung. Es ist der letzte Versuch, die eroberten Gebiete zu sichern und der russischen Bevölkerung zu zeigen, dass dieser Krieg einen Sinn hat.

Was, wenn dieser letzte Versuch scheitert?
Damit rechne ich. Ausser Putin ist bereit, Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Ansonsten rechne ich mit einer Einfrierung des Konflikts. Ich glaube nicht, dass über den Winter viel passieren wird. Die nächsten Wochen und Monate sind also entscheidend für die Ukrainer. Sie müssen so viele Gebiete zurückerobern, wie sie nur können.

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135 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Seppi-NW
21.09.2022 16:38registriert März 2022
Wer die Geschichte von grössenwahnsinnigen Führern kennt, muss Herrn Berni Recht geben. Es sind die Anzeichen eines eskalierenden Versagens.
2006
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Schlaf
21.09.2022 16:26registriert Oktober 2019
Noch mehr Russen, die als Kanonenfutter ihrem wahnsinnigen Führer herhalten müssen.
Es wird Zeit für einen Aufstand von innen, so das es einen Putsch gegen Putschin gibt.
Es wird schwieriger werden, den Konflikt andersweitig zu lösen.
1497
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stormcloud
21.09.2022 16:42registriert Juni 2021
Putin braucht Kanonenfutter. Anders kann man die Zwangsrekrutierten Soldaten nicht bezeichnen, denn die meisten haben keine Ausbildung oder sind als Reservisten schon lange fern der Armee. Solche Leute sind kaum Krieger zu nennen, sondern eher Opfer.
Putin vernichtet Russlands' Zukunft!
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