Im Iran wird gewählt und keiner geht hin.
Nur gerade 40 Prozent der Wahlberechtigten hätten übers Wochenende ihre Stimme abgegeben – ein historisch tiefer Wert. Bei der Präsidentenwahl im Jahr 2021 lag er noch 9 Prozentpunkte höher bei 49 Prozent.
Bis spät am Freitag zählte die Wahlbehörde rund 24 Millionen abgegebene Stimmen, dabei kam der frühere Gesundheitsminister und moderate Kandidat Massud Peseschkian auf rund 42,5 Prozent der Stimmen, der Hardliner Said Dschalili sicherte sich 38,7 Prozent. Die beiden gehen damit in eine Stichwahl, die nächsten Freitag über die Bühne geht.
Doch wer sind die beiden Kandidaten für das höchste Amt im Iran? Wir stellen die zwei vor.
Peseschkian ist 69 Jahre alt und stammt aus dem Nordwesten Irans. Im Wahlkampf warb der bisher eher unscheinbare Politiker für neues Vertrauen zwischen Regierung und Volk, das nach gescheiterten Reformversuchen, politischer Repression und einer Wirtschaftskrise masslos enttäuscht ist von der bisherigen Politik.
Peseschkian wurde als einziger moderater Bewerber vom sogenannten Wächterrat, einem mächtigen islamischen Kontrollgremium, zugelassen. Bis zuletzt hatten Experten darüber debattiert, wie gut seine Chancen überhaupt stehen.
Anfang der 1990er Jahre verlor Peseschkian seine Ehefrau und einen seiner Söhne bei einem Verkehrsunfall. Der Witwer erschien auf seinen Wahlkampfterminen auch mit Tochter und Enkelkind. Wie viele Politiker des Reformlagers forderte er eine Verbesserung der Beziehungen zum Westen.
Im Wahlkampf kritisierte der Politiker die Kopftuchpolitik und warb mit bürgerlichen Positionen für Stimmen. Gleichzeitig bekundete Peseschkian seine Loyalität für Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei und die mächtigen Revolutionsgarden und lobte den Angriff mit Drohnen und Raketen auf Israel. In den TV-Debatten bezeichnete er sich selbst als wertkonservativen Politiker, der Reformen für notwendig hält.
Der zweitplatzierte Dschalili gehörte früh zum engsten Machtzirkel und arbeitete im Büro des Religionsführers Ajatollah Ali Chamenei. Unter dem umstrittenen früheren Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad war Dschalili Chefunterhändler bei den Atomverhandlungen. Er geniesst breite Unterstützung von radikalen und loyalen Systemanhängern.
Der promovierte Politikwissenschaftler kommt aus der nordöstlichen Millionenmetropole und Pilgerstadt Maschhad. Im Iran-Irak-Krieg (1980-88) wurde der erzkonservative Mann an der Front verwundet und verlor einen Teil seines rechten Beins.
Nach dem Krieg lehrte er in der Hauptstadt Teheran, bevor er eine Karriere im Aussenministerium begann.
Dschalili gilt als eiserner Verfechter der Ideologie der Islamischen Revolution im Iran.
Doch was wäre, wenn der moderate Kandidat Peseschkian die Stichwahl gewinnen würde? Würde sich im Land etwas ändern?
Ein moderater Präsident hätte nur begrenzte Möglichkeiten, die Regierung des Landes zu gestalten, sagt der Politikwissenschaftler Tareq Sydiq von der Marburger Universität gegenüber der Nachrichtenagentur SDA.
«Mit einem von Hardlinern dominierten Parlament, mit einem Obersten Religionsführer, der immer wieder signalisiert hat, dass eine zu moderate Politik eigentlich gar nicht erwünscht ist – da würde ich keinen grossen Handlungsspielraum erwarten», erklärt der Iran-Experte.
«Das beeinflusst natürlich auch den ansonsten geringen Enthusiasmus für diese Wahl.» Denn: Ein moderater Präsident dürfte seine Wahlversprechen kaum einhalten können.
Seit Jahren sei der Enthusiasmus für Wahlen gedrückt, sagt der Experte weiter. Er führt vor allem die verheerende Bilanz der vergangenen Regierungen, die Proteste und deren gewaltsame Unterdrückung sowie die politischen Repressionen gegen die Kopftuchverstösse an.
«Das alles wird die Stimmung eher drücken, sowohl was politische als auch soziale Rechte angeht», sagt Sydiq.
Die Erwartungen an eine Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Lage durch die Wahl dürften gering sein. Die Stimmung sei vor allem von «Ernüchterung und Hoffnungslosigkeit» geprägt.
(ome, mit Material der SDA)