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International
Israel

«Wir spüren den Hass» – wie israelische Journalisten in Katar leiden

«Wir spüren den Hass» – wie israelische Journalisten in Katar ausgepfiffen werden

Die grosse Weltbühne nutzen nicht nur die Fussballer in Katar. Die Unterstützung für Palästina wird von Fans offen zur Schau gestellt – manchen Israeli hingegen weht im Wüstenstaat ein eisiger Wind entgegen.
28.11.2022, 16:0329.11.2022, 16:13

Im Meer von jubelnden Fans und auch auf den Strassen von Doha taucht vermehrt eine Flagge in den panarabischen Farben weiss, schwarz, grün und rot auf. Gehisst wird sie hauptsächlich von Fussballfans aus Ägypten, Tunesien, Marokko und Saudi-Arabien.

Es ist nicht die Fahne ihrer Heimat. Es ist auch nicht der Gegenspieler der One-Love-Binde. Und sie dient auch nicht dem Fussball. Der Staat hinter der Fahne: Palästina.

Fans hold the flag of Palestine and Tunisia during the World Cup group D soccer match between Denmark and Tunisia, at the Education City Stadium in Al Rayyan, Qatar, Tuesday, Nov. 22, 2022. (AP Photo/ ...
Neben der Tunesien-Fahne hebt ein Fan die Fahne eines Teams, das an der WM gar nicht dabei ist: PalästinaBild: keystone
epa10329627 The flag of Palestine is seen among fans of Tunisia in stands during the FIFA World Cup 2022 group D soccer match between Tunisia and Australia at Al Janoub Stadium in Al Wakrah, Qatar, 26 ...
26. November 2022: Während der Partie zwischen Tunesien und Australien hissen tunesische Fans die Fahne Palästinas.Bild: keystone
A fan shows a scarf reading "Palestine" before the start of the World Cup group D soccer match between Denmark and Tunisia, at the Education City Stadium in Al Rayyan , Qatar, Tuesday, Nov.  ...
Ein Fan nahm einen Schal mit der Aufschrift «Palästina» ins Stadion.Bild: keystone

Die Tunesier entrollten im Stadion während der Partie gegen Australien eine Palästina-Fahne, während sich die Marokkaner im Spiel gegen Belgien mit Gesang solidarisch zeigten. «An unser geliebtes Palästina, das schönste aller Länder» singen marokkanische Fans, nach dem historischen 2:0-Sieg.

Doch die Unterstützung für die Palästinenser beschränkt sich in Katar nicht nur auf Gesang oder das Hissen von Flaggen. Israelische Journalisten berichten von Feindseligkeit und Konfrontationen mit Fans aus der arabischen Welt.

Obwohl weder Palästina noch Israel am Turnier teilnehmen, spiegelt sich der jüngste politische Brennpunkt auch an der ersten Weltmeisterschaft in der arabischen Welt wider.

Protestaktionen und Solidaritätsbekundungen

In Anspielung auf die «Nakba» (Katastrophe), wie im arabischen Sprachgebrauch die Vertreibung von Hunderttausende Palästinensern im Jahr 1948 bezeichnet wird, hissen tunesische Fans im Al Janoub Stadium das Banner mit der Aufschrift «Free Palestine».

Aber auch abseits der Tribüne tummeln sich Fussballfans aus der arabischen Welt, die sich mit den Palästinensern solidarisieren. Mit Fahnen und Schals über den Schultern schlendern sie durch die Strassen Dohas.

Einer unter ihnen ist Asma Jaber. Seine Familie sei 1948 von Palästina nach Jordanien vertrieben worden. Später zog die Familie in die USA. Seine Heimat habe er noch nie besucht, sagt Asma Jaber gegenüber «Al Jazeera». Dennoch schlägt sein Herz für Palästina. «Ich kann nicht in Worte fassen, was ich fühle, wenn meine Flagge von so vielen Menschen gehisst wird, die nicht aus Palästina stammen», so Jaber.

Weiter sagt er: «Es ist, als würden all diese Menschen aus der ganzen Welt sagen: ‹Wir lieben dich, wir wissen, dass es dich gibt, und wir sind an deiner Seite›». Bei den Solidaritätsbekundungen soll es sich hauptsächlich um solche von Muslimen handeln. Jaber sagt: «Muslime spüren unseren Schmerz, darum unterstützen sie uns.»

Nach Katar gereist sei er nicht des Fussballs wegen, sondern um die Aufmerksamkeit zu nutzen, um sich Gehör zu verschaffen: «Unsere Identität zu zeigen, wenn die ganze Welt zuschaut, hilft unserer Sache.»

Israelis erstmals in Katar

Doch nicht nur Menschen mit palästinensischen Wurzeln zog es nach Katar. Berichten zufolge reisten auch tausende israelische Fussballfans nach Katar – eine Besonderheit.

Denn: Katar ist für Israelis eigentlich ein Tabu.

Unter normalen Umständen ist es Bürgerinnen und Bürger aus Israel nicht erlaubt, ins Emirat zu reisen. Doch als Ausrichter der WM muss der Golfstaat Menschen aller Nationalitäten willkommen heissen – also auch Israelis.

Erster Direktflug von Tel Aviv nach Doha

Doch nicht nur die Einreise ist historisch.

Zwischen Tel Aviv und Doha gibt es während der WM erstmals Direktflüge. Noch vor der Eröffnungsfeier landete der erste kommerzielle Flieger der zypriotischen Fluggesellschaft Tus Airways. «Es ist Geschichte geschrieben worden», freute sich Lior Haiat, Sprecher des israelischen Aussenministeriums im Gespräch mit der französischen Presseagentur AFP.

Und nicht nur das.

Für die rund 20'000 erwarteten Israelis sei in der Nähe des Flughafens eine koschere Küche eingerichtet worden.

Ob auch Palästinenser von den Direktflügen profitieren, ist unklar. Der Zugang zum Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv ist für die Menschen aus dem Westjordanland stark eingeschränkt. Die Menschen aus Gaza haben gar keinen Zugang zu Israel.

Unwillkommene israelische Journalisten

Ganz so willkommen scheinen die Israelis im Emirat jedoch nicht zu sein. Berichte über Anfeindungen und Antisemitismus häufen sich. «Wir spüren Hass und sind hier nicht erwünscht» schreibt der israelische Journalist Raz Shechnik auf Twitter. Er berichtet davon, dass Menschen hinter ihm palästinensische Flaggen schwenkten, ihn anschrien und beschimpften.

Er ist nicht der einzige.

Ein weiterer israelischer Reporter wurde während einer Live-Übertragung von einem saudischen Fan zurechtgewiesen: «Du bist hier nicht willkommen. Das ist Katar. Das ist unser Land».

Weiter sagt der Fan: «Es gibt kein Israel. Nur Palästina.»

Die Ablehnung komme aber nicht nur aus dem Ausland. Ein weiterer israelischer Jouranlist bat zwei Menschen aus dem Gastgeberland um ein Interview. Als er sich als Journalist aus Israel zu erkennen gab, liefen die beiden Katarer davon.

Aufgrund der Umstände gibt sich der Reporter Raz Shechnik mittlerweile als Journalist aus Ecuador aus. Eigentlich habe er nicht darüber schreiben wollen, doch nach all den vermeintlichen Anfeindungen habe er sich dazu entschieden, darüber zu berichten.

«Ich dachte, dass wir, die Journalisten, nicht die Geschichte sind.»
Der israelische Journalist Raz Shechnik

Iranische Fans feiern Israeli

Fussball schreibt aber auch in Katar schöne Geschichten.

Unter anderem jene des israelischen Journalisten Uri Levy, der sich mit den iranischen Nationalfarben eindeckte und für die Aktion gefeiert wurde. Die Szene ist insofern bemerkenswert, als die beiden Länder als Erzfeinde gelten.

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111 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tutu
28.11.2022 17:40registriert Dezember 2019
Und ganz nebenbei: Wo waren all diese vorgeblich Palästina-freundlichen Staaten während der letzten 80 Jahre? Ich habe noch nie von diplomatischen Vermittlungsversuchen von Qatar, Marokko oder Tunesien gehört... Nur jetzt hat man das Gefühl, unter einem Vorwand den eigenen Antisemitismus ausleben zu können und trötet inhaltsleere Hassparolen.
Nach dem Ende der WM ist Palästina wieder vergessen und der Flug zwischen Tel Aviv und Qatar gestrichen...
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Tutu
28.11.2022 17:34registriert Dezember 2019
Was für eine dumme und jämmerliche Scharade... Jetzt will man halt auch politisieren, obwohl das Thema genau nichts mit Fussball zu tun hat.
Nur sieht die Welt, dass in der Tat "Alle" willkommen sind ausser Schwule, Lesben, Biertrinker, Juden, Kritiker, Bauarbeiter und tote Migranten. Was für ein peinlicher und rückständiger Staat...
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Luna Merlin
28.11.2022 19:11registriert Dezember 2021
Israel hassen und Palästina „unterstützen“. Das einzige, was die arabisch-islamische Welt verbindet. Leider reine Lippenbekenntnisse, denn die reichen „Brüder“ unterstützen Palästina mit keinem Rappen. Im Gegenteil - Palästinenser sind in den arabischen Staaten völlig unerwünscht, auch z.B. als Arbeitskräfte. Das einzige „Bruderland“, das Palästinenser aufnimmt und einbürgert, ist Jordanien.
Für mich geht das Ganze am ehesten unter „arabische Folklore“.
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