DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Touristen schleppen ihre Koffer durch die überschwemmte Lagunenstadt.
Touristen schleppen ihre Koffer durch die überschwemmte Lagunenstadt.Bild: AP

Hochwasser in Venedig – das Projekt «Mose» hätte die Katastrophe verhindern können

Seit über 50 Jahren wurde die italienische Stadt nicht mehr derart überflutet. Zwei Tote, die Markuskirche beschädigt – haben die Behörden versagt?
13.11.2019, 22:3415.11.2019, 11:54
Dominik Straub aus Rom / ch media

Am Mittwochmorgen schrillten um 8.30 Uhr erneut die Sirenen in Venedig. «Wir stehen vor einer apokalyptischen, totalen Verwüstung», erklärte der Präsident der Region Veneto, Luca Zaia. 80 Prozent der Stadt stünden unter Wasser; die Schäden seien unvorstellbar, furchteinflössend. Der Notstand wurde ausgerufen. «Wir fordern die Regierung auf, uns zu helfen, die Kosten werden hoch sein», betonte Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro.

Am Dienstagabend war der Wasserstand auf 1.87 Meter über den Normalpegel gestiegen – den zweithöchsten Wert seit 1966, als 1.94 Meter erreicht wurden. Bewohner und Touristen bewegten sich in hohen Gummistiefeln durch ihre Stadt; auf dem Markusplatz kamen wie bei jedem Hochwasser Stege zum Einsatz. Doch zahlreiche Cafés und Restaurants waren überflutet und blieben geschlossen, ebenso sämtliche Schulen.

Allein in der Nacht auf Mittwoch musste die Feuerwehr 170 Mal ausrücken, um Wohnungen leerzupumpen. Auch die Hochwasser-Alarmzentrale wurde von den Fluten heimgesucht: Die Telefonzentrale fiel wegen eines Kurzschlusses stundenlang aus. Auch das berühmte Theater La Fenice wurde überflutet; die elektrische Anlage musste wegen drohender Kurzschlüsse ausser Betrieb genommen werden.

Massiv betroffen wurde insbesondere das berühmteste Bauwerk der Stadt, die Markus-Basilika. Die gesamte Krypta ist überflutet, und in der Kirche selber stieg der Wasserpegel auf bis zu 1.10 Meter über dem wertvollen Mosaik-Fussboden. Der Domprokurator Pierpaolo Campostrini befürchtet Schäden des aus dem Jahr 1063 stammenden Mauerwerks.

Wasser in der Markus-Basilika.
Wasser in der Markus-Basilika.Bild: EPA

«Die Sache ist gefährlich, denn bei den alten Säulen könnten sich statische Probleme ergeben», betonte Campostrini. Um den Wasserstand zu kontrollieren, wurden Nachtwachen eingerichtet. Der Eingang der Basilika ist der tiefste Punkt des gesamten Stadtkerns. Das Ausmass der Schäden war noch nicht absehbar. Italiens Kulturminister Dario Franceschini sagte, man beobachte die Entwicklungen «Schritt für Schritt».

Auf der Insel Pellestrina, die sich ebenfalls in der Lagune befindet, forderte das Rekord-Hochwasser mindestens ein Todesopfer. Ein 78-jähriger Mann starb an einem Stromschlag, als er eine elektrische Pumpe in Gang setzen wollte, um das Wasser aus seiner Wohnung zu befördern.

Ein zweiter Einwohner Pellestrinas wurde ebenfalls tot in seiner Wohnung aufgefunden. Hier schlossen die Behörden allerdings nicht aus, dass er eines natürlichen Todes gestorben ist.

Barrieren hätten das Unglück mindern können

Bürgermeister Brugnaro fragte rhetorisch, wo eigentlich das Projekt «Mose» geblieben sei, das Venedig und seine Kulturschätze längst vor den jährlich wiederkehren Hochwassern schützen sollte. Beim Jahrhundert-Projekt «Mose» handelt es sich um im Meeresgrund verankerte, sich bei Hochwasser automatisch aufrichtende Barrieren, die bei den drei Laguneneingängen das Meerwasser am Eindringen in die Lagune hindern sollten.

Die Barrieren hätten dieses Chaos verhindern sollen.
Die Barrieren hätten dieses Chaos verhindern sollen.Bild: AP

Die Barrieren wären im Prinzip weitgehend fertiggestellt. Am 4. November, dem Jahrestag des Jahrhundert-Hochwassers von 1966, hätten sie erstmals gemeinsam getestet werden sollen. Weil aber im Oktober bei Tests von einzelnen Anlagen Vibrationen aufgetreten waren, wurde der Termin für die Generalprobe ein weiteres Mal verschoben – und so blieben die Barrieren auch beim aktuellen Hochwasser auf dem Meeresgrund.

So sollte «Mose» eigentlich funktionieren.Video: YouTube/Ufficio Stampa Mose

Bei «Mose» handelt es sich um das grösste Infrastrukturprojekt Italiens der Nachkriegszeit. Die Bezeichnung «Mose» verleitet zwar zu alttestamentarischen Assoziationen, ist aber die profane Abkürzung für «Modulo Sperimentale Elettromeccanico». Begonnen wurden die Arbeiten am 5.5 Milliarden Euro teuren Hochwasserschutz im Jahr 2003 unter Silvio Berlusconi; die Inbetriebnahme wäre für 2016 vorgesehen gewesen. (bzbasel.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Hochwasser in Venedig

1 / 21
Hochwasser in Venedig (13. November 2019)
quelle: ap / luca bruno
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Abonniere unseren Newsletter

14 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Holiduli
13.11.2019 23:35registriert Oktober 2015
Die Touristen scheinen mir viel zu glücklich zu sein, dafür dass gerade der ganze Inhalt ihres Koffers im Meerwasser getränkt wird.
1248
Melden
Zum Kommentar
avatar
redeye70
13.11.2019 23:27registriert Mai 2016
Die Stadt Venedig hätte sich wohl selbst mehr einbringen können für den Schutz ihrer Stadt. Die Millionen Touristen werden ja genug abgezockt. Nun soll der Staat für die Schäden aufkommen?
12340
Melden
Zum Kommentar
avatar
Beardman
14.11.2019 07:57registriert Januar 2018
"Auch die Hochwasser-Alarmzentrale wurde von den Fluten heimgesucht: Die Telefonzentrale fiel wegen eines Kurzschlusses stundenlang aus."

Etwas lustig ist es ja schon, dass man die Hochwasser-Alarmzentrale nicht an einem Ort einrichtet welcher vor Hochwasser geschützt ist...
271
Melden
Zum Kommentar
14
Sturm auf das Kapitol: Trumps früherer Rechtsberater sagt aus

Der frühere Rechtsberater des Weissen Hauses, Pat Cipollone, will Medienberichten zufolge vor dem Untersuchungsausschuss zur Attacke auf das US-Kapitol im Januar vergangenen Jahres aussagen. Er habe zugesagt, am kommenden Freitag unter Eid vor dem Ausschuss auszusagen, berichteten unter anderem die Zeitungen «New York Times» und «Washington Post» am Mittwoch unter Berufung auf mit der Angelegenheit befassten Personen. Die Aussage soll nicht öffentlich abgegeben werden.

Zur Story