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Alle müssen die Stadt Yellowknife verlassen – die Evakuierung in Kanada

Hay River, N.W.T. fire evacuee Tanisha Edison, who is four days away from having a baby, and her daughter Delilah Betsaka, along with family members drove from Hay River to the St. Albert, Alta. evacu ...
Eine schwangere Frau und ihre Tochter kommen am 16. August 2023 mit ihrem Auto bei einem Auffangzentrum an, nachdem sie vor den Waldbränden nahe von Yellowknife geflohen sind. Bild: keystone

Alle müssen die Stadt verlassen – die Evakuierung von Yellowknife

Hanna Hubacher
Hanna Hubacher
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In Kanada muss zum ersten Mal wegen heftigen Waldbränden eine ganze Stadt evakuiert werden. Das Feuer könnte die Stadt schon am Wochenende erreichen. Nur eine Strasse führt aus der Stadt heraus, und auch dieser Weg ist gefährlich. Die schwierige Lage in Yellowknife.
18.08.2023, 16:3218.08.2023, 17:01

Für die kanadische Stadt Yellowknife wurde ein Evakuierungsbefehl ausgesprochen. Denn die rund 20'000 Einwohnerinnen und Einwohner sind von heftigen Waldbränden bedroht, die sich stetig auf die grösste Stadt der Region zubewegen.

Tatsächlich erlebt Kanada die schlimmsten Waldbrände seit Beginn der Aufzeichnungen. Insgesamt 1000 Feuer wüten im ganzen Land, davon 236 allein in den Nordwest-Territorien. Eine Fläche von 163'000 Hektaren wurde von den Feuern bereits verwüstet, die Brände forderten bislang mindestens fünf Todesopfer.

Feuer nähern sich der Stadt

Die Feuer könnten den Stadtrand von Yellowknife nun schon am Wochenende erreichen. Am Donnerstagmorgen (Schweizer Zeit) waren die Feuer nur noch 17 Kilometer von der Stadt entfernt.

Die Löscharbeiten sind derweil in vollem Gange. Mit Löschflugzeugen aus verschiedenen Landesteilen wird versucht, den Grossbrand einzudämmen und die Stadt Yellowknife zu schützen.

Rennen gegen die Zeit

Die Evakuierung gestaltet sich schwierig, weil viele Strassen in der Region nicht mehr passierbar sind. Wer ein Fahrzeug besitze, solle die Stadt dennoch auf dem einzigen Highway, der noch befahrbar ist, verlassen. Die restlichen Bewohnerinnen und Bewohner könnten sich für Evakuierungsflüge registrieren. Die Strasse sei vorerst sicher. Wie Bilder zeigen, wüten mancherorts aber auf beiden Strassenseiten die Feuer und es gibt viel Rauch.

Vehicles line-up for fuel at Fort Providence, Northwest Territories, on the only road south from Yellowknife, Thursday, Aug. 17, 2023. (Jeff McIntosh/The Canadian Press via AP)
Fahrzeuge warten vor einer Tankstelle, um die Stadt auf der einzigen Strasse, die aus Yellowknife führt, zu verlassen, 17. August 2023.Bild: keystone

Am Donnerstag verliessen bereits etwa 1500 Personen die Stadt auf dem Luftweg. Einige Wartende mussten jedoch nach stundenlanger Wartezeit in der Kälte wieder umkehren, weil die Flüge bereits voll waren, wie der kanadische Nachrichtensender CBC News berichtete. Für Freitag sind weitere Flüge geplant, vermeldet CBC News: 21 Flüge mit fast 2000 Sitzen sollten am Freitag von Yellowknife starten. Reiche das nicht aus, könnten am Samstag noch mehr Flüge organisiert werden. Vor allem, wenn die Reise auf der Strasse unmöglich werden sollte.

«Man kann nicht mehr schlafen»

Wie in einem Video von CBC News zu sehen ist, sind die Einwohnerinnen und Einwohner von Yellowknife in grosser Sorge. Sie haben Angst, nicht mehr rechtzeitig aus der Stadt zu kommen. Auch müssen sie ihr Zuhause zurücklassen, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Um in andere Landesteile zu gelangen und sich in Sicherheit zu bringen, sind sie zu fast allem bereit. Das kann auch kostspielig werden. Eine ältere Frau, die am Flughafen auf einen Flug nach Edmonton wartet und dafür 1000 Dollar bezahlt hat, sagte gegenüber dem Nachrichtensender CBC:

«Es ist extrem besorgniserregend. Und man kann nicht mehr schlafen.»

Eine andere Einwohnerin Yellowknifes, die gerade ihre Sachen für die Flucht packt, berichtet im selben Video unter Tränen von der emotionalen Überforderung der schwierigen Situation.

People without vehicles lineup to register for a flight to Calgary, Alberta in Yellowknife on Thursday, Aug. 17, 2023. Prime Minister Justin Trudeau is expected to convene an urgent meeting with minis ...
Bewohnerinnen und Bewohner von Yellowknife ohne Auto stehen am 17. August Schlange, um sich für einen Flug nach Calgary zu registrieren. Bis Freitagmittag (Ortszeit) müssen alle die Stadt verlassen haben.Bild: keystone

Für einige gestaltet sich die Evakuierung speziell schwierig. Ältere Menschen, Personen mit gesundheitlichen Problemen oder eingeschränkter Mobilität und auch obdachlose Menschen erhalten daher besondere Unterstützung von der Stadt.

Die Evakuierung muss auch für Gefängnisinsassen, das lokale Spital und andere Institutionen durchgeführt werden.

Nicht alle gehen

Dann gibt es die, die bleiben. Ein jüngerer Bewohner der Stadt sagt gegenüber CBC News, dass er vorerst ausharren und zu Hause bleiben wolle. Sollte es schlimmer werden, würde er auf seinem Boot auf den angrenzenden Great Slave Lake fahren. Davon raten die örtlichen Behörden aber ab, wie im Evakuierungsbefehl zu lesen ist. Die Luftqualität würde sich überall verschlechtern, weswegen auch eine Flucht auf den See nicht sicher sei.

Zum Verlassen der Stadt könne trotz Evakuierungsbefehl niemand gezwungen werden, sagte Jennifer Young gegenüber CBC News. Rebecca Alty, die Bürgermeisterin von Yellowknife, appellierte aber an alle Bürgerinnen und Bürger, die Stadt zu verlassen, solange dies noch möglich sei. Die Gefahr gehe zuallererst nicht vom Feuer, sondern von der starken Rauchbildung aus.

A wildfire burns south of Enterprise, Northwest Territories, Thursday, Aug. 17, 2023. (Jeff McIntosh/The Canadian Press via AP)
236 Brände wüten zurzeit in den Nordwest-Territorien. Dieses Bild zeigt das Feuer im Süden der kleinen Ortschaft Enterprise, der zu 90 Prozent durch die Feuer zerstört wurde.Bild: keystone

Alle müssen weg – aber wohin?

Nach der Frage, wie man aus der Stadt herauskommt, bleibt noch die Frage, wohin. In der kanadischen Provinz Alberta, die südlich von Yellowknife liegt, wurden für die Schutzsuchenden aus Yellowknife mehrere Aufnahmezentren eingerichtet. Dort würden sie eine Unterkunft, Essen und medizinische Versorgung erhalten. Haustiere sind erlaubt. 15 Stunden Fahrt bedeutet das für die, die Yellowknife mit dem Auto verlassen. Aufnahmezentren in anderen Regionen seien zum Teil bereits voll. Wer könne, solle sich eine eigene Unterkunft suchen, geben die Behörden bekannt.

Was die Koordination und Kommunikation unter den Hilfesuchenden noch erschwert, ist der News-Ban in den sozialen Medien, der seit Anfang August in Kraft ist. Infolge eines kanadischen Gesetzes ist es in Kanada nicht mehr möglich, News-Links auf Instagram oder Facebook zu teilen. Die Bürgermeisterin wies die Leute daher an, sich auf CBC Radio oder im Internet über Hilfsangebote und die neuesten Entwicklungen zu informieren.

Wann und ob die Bevölkerung von Yellowknife zurückkehren kann, bleibt vorerst offen. Angesichts des Klimawandels warnen Experten, dass Feuer häufiger auftreten und mehr Zerstörungskraft entfalten werden. In den Prärieprovinzen im Westen Kanadas stieg die Durchschnittstemperatur nach Angaben des Ministeriums für Umwelt und Klimawandel seit Mitte des 20. Jahrhunderts um 1,9 Grad Celsius.

(mit Material der SDA)

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41 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Huckleberry
18.08.2023 17:09registriert Oktober 2019
Ein Vorgeschmack auf kommende Zeiten! Erschwerend wird in der Zukunft noch dazugekommen dass die Versicherungsgesellschaften in speziell gefährdeten Regionen wie z.B. Kalifornien (Brände) oder Florida (steigender Meeresspiegel) nichts mehr versichern wollen. Da werden dann ein paar Millionen migrieren müssen.
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@Jeff
18.08.2023 17:39registriert Juli 2023
Furchtbar, arme Menschen - hoffe, niemand stirbt oder wird schwer verletzt.

Was ich nicht verstehe - warum ist man nicht besser vorbereitet, z.B. mobile Notunterkünfte, Notfallpläne, Brandschneisen etc?

Das der Klimawandel stattfindet und was wo in etwa wann die Auswirkungen sein werden, war ja schon lange bekannt (IPCC Berichte seit 1990).

Entweder man hat die Berichte bewusst ignoriert ODER der Klimawandel schreitet viel schneller voran als erwartet.

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