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Nach Regenbogen-Auftritt in Polen: Black Eyed Peas als Heuchler kritisiert

Black Eyed Peas in Polen.
Die Black Eyed Peas bei ihrem Auftritt im polnischen Fernsehen.Bild: twitter

Nach Regenbogen-Auftritt in Polen: Black Eyed Peas werden als Heuchler kritisiert

Die US-Hip-Hop-Gruppe Black Eyed Peas sorgt mit einem politischen Statement während eines Auftritts in Polen für Wirbel. Nebst Kritik von konservativen Politikern wird den Musikern aber auch Heuchelei vorgeworfen – die Geschichte im Überblick.
02.01.2023, 07:3309.08.2024, 07:03
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Es war eines der meistdiskutierten, nicht fussballbezogenen Themen an der WM in Katar, besonders in den ersten Turnierwochen: Die FIFA und die katarischen Funktionäre wollten keine regenbogenfarbigen Accessoires in den Stadien sehen. Den katarischen Gastgebern war insbesondere die Assoziation des Regenbogens mit der im islamischen Land verpönten LGBTQ+-Community ein Dorn im Auge.

Die FIFA erfüllte bereitwillig die Wünsche der Katarer, indem sie eine Nulltoleranz bezüglich politischer Botschaften verfolgte und beispielsweise das Tragen der an einen Regenbogen angelehnten One-Love-Binde untersagte.

Die Kritik aus westlichen Ländern, speziell auch aus Europa, war gross. Doch nun beweist ein anderer Vorfall, dass bei weitem nicht nur Katar Nachholbedarf bezüglich LGBTQ+-Toleranz hat – auch in Europa selbst gibt es nach wie vor dezidiert kritische Stimmen. Das zeigt ein Auftritt der US-amerikanischen Hip-Hop-Gruppe Black Eyed Peas in Polen.

Das ist in Polen passiert

Die Band, bestehend aus den Mitgliedern will.i.am, apl.de.ap und Taboo, trat an Silvester im polnischen Fernsehsender TVP auf. Der TV-Kanal hat zum Jahreswechsel hin ein Konzert im Wintersportort Zakopane organisiert, das landesweit übertragen wurde, wie das polnische Online-Newsportal notesfrompoland.com schreibt.

Während des Konzerts trugen die US-Amerikaner Armbänder in den Regenbogenfarben und gaben ihren Welthit «Where Is the Love?» zum Besten. Der Song wurde 2003 als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 veröffentlicht und ist ein Rundumschlag gegen Terrorismus, Rassismus, Krieg, Gewalt und Intoleranz – eben auch gegenüber LGBTQ+-Personen.

Der Hintergrund des Auftritts

Zur Einordnung des Auftritts ist es wichtig zu wissen, dass der öffentlich-rechtliche TV-Sender TVP in den vergangenen Jahren die Kampagne der konservativen polnischen Regierungspartei «Recht und Gerechtigkeit» (auf polnisch «Prawo i Sprawiedliwość», kurz «PiS») gegen die sogenannte «LGBTQ+-Ideologie» massgeblich mitgetragen hat. PiS positioniert sich eindeutig rechtskonservativ und spricht sich beispielsweise gegen die Legalisierung der Sterbehilfe, Abtreibung sowie die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften aus. TVP zeigte sich als bereitwillige Plattform, um die umstrittenen Inhalte der Partei zu präsentieren.

Ursprünglich sollte Ex-Spice-Girl Mel C beim Konzert auftreten, diese hat aber kurzfristig abgesagt. Sie wolle nicht auftreten wegen «Dingen, die nicht mit den Communitys übereinstimmen, die ich unterstütze», wie notesofpoland.com berichtete. Die Black Eyed Peas waren darum als Ersatz eingesprungen.

So reagieren polnische Konservative

Nach dem Auftritt meldeten sich viele konservative polnische Politiker zu Wort – und sie liessen wenig überraschend kein gutes Haar an der Vorstellung der Gruppe. Sogar zwei stellvertretende Regierungsminister liessen sich zu Kommentaren hinreissen. So schrieb der stellvertretende Justizminister Marcin Warchoł auf Twitter: «LGBT-Werbung in TVP2. Schande! Es ist kein Silvester der Träume, sondern ein Silvester der Abweichung.»

Auch der stellvertretende Landwirtschaftsminister Janusz Kowalski kritisierte den Auftritt: «Homopropaganda auf TVP für eine Million Dollar», kommentierte der 44-Jährige. Er bezog sich dabei auf Medienberichte, denen zufolge das Konzert samt Musikergagen bis zu einer Million Euro gekostet habe.

Beide Politiker gehören der in Gesellschaftsfragen ebenfalls konservativen Partei «Solidarna Polska» («Solidarisches Polen») an, die auch an der Regierung beteiligt ist.

Das sagen die Musiker

Die Black-Eyed-Peas-Mitglieder waren sich des kontroversen Kontexts des Auftritts durchaus bewusst, wie sie einerseits mit der Armbinde, andererseits mit ihren Kommentaren im Anschluss an das Konzert vermuten lassen. So schrieb will.i.am in den sozialen Medien unter anderem: «Wir sind die Black Eyed Peas ... oder man könnte auch die Black Eyed Peace sagen, weil wir für Frieden, Gleichheit und Harmonie einstehen.» Er richtete zudem eine direkte Spitze in Richtung der konservativen polnischen Regierungspartei PiS: «Wir sind nicht die Black Eyed PiS», so der Sänger.

Darum wird den Black Eyed Peas Heuchelei vorgeworfen

Obwohl die Gruppe für den Auftritt viel Zuspruch erhielt und sich viele LGBTQ+-Personen online für den Support bedankten, gibt es auch weitere kritische Stimmen, die den US-Amerikanern Heuchelei vorwerfen.

Die Musiker waren nämlich in der Vergangenheit auch in Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgetreten – Länder, die noch weniger als Polen für die Toleranz von LGBTQ+ bekannt sind. Da die Musiker dort keine Regenbogensymbole trugen oder sich politisch zu den Auftritten äusserten, wird ihnen nun Heuchelei und Kalkül vorgeworfen: Dort, wo ein Protest ohne Konsequenzen in wirtschaftlicher Hinsicht bliebe, würden sie sich getrauen, politische Botschaften zu äussern – in den noch restriktiveren arabischen Staaten jedoch nicht, so der Tenor.

Sänger will.i.am lässt die Vorwürfe nicht auf sich sitzen und verteidigt sich auf Twitter engagiert gegen die Anschuldigungen. Er erklärt zum Beispiel, dass die Black Eyed Peas überall dorthin gehen würden, «wo Liebe benötigt wird». Beispielsweise nach Saudi-Arabien, wo sie eines der ersten Konzerte überhaupt gespielt hätten. Er verweist zudem darauf, dass sie auch dort «Where Is the Love?» zum Besten gegeben hätten, wie bei sämtlichen Auftritten in den genannten Ländern.

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WM in Katar: Flitzer rennt mit Regenbogenfahne auf den Platz
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81 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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fant
02.01.2023 08:05registriert Oktober 2015
Ich werde es wohl nie verstehen (auch als weisser alter Heteromann nicht):

Warum gibt es immer noch so viel übergriffige RechthaberInnen, die meinen sie müssten anderen vorschreiben,wie sie zu leben haben und wie nicht. Obwohl die RechthaberInnen in absolut keiner Weise durch das Leben der anderen beeinträchtigt werden.

Warum soll ich überhaupt ein Problem damit haben, dass zB in meiner Nachbarwohnung ein schwules Pärchen lebt?

🤦
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insert_brain_here
02.01.2023 08:39registriert Oktober 2019
Schon lustig wie die fragile Männlichkeit der konservativen Schneeflöckchen von einem bunten Stoffband bedroht wird.
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Janster
02.01.2023 07:58registriert März 2021
Polen ist schon länger auf dem Weg es Orban gleichzutun....wundert mich deshalb gar nicht. Aber gut werden die Ultrakonservativen nun zu einer Diskussion gezwungen
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