DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Im Geo-Unterricht geschlafen? Hier gibt's den Ukraine-Russland-Konflikt in 5 Karten

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hat mit der Geschichte, dem Nationalismus, der Nato und der Wirtschaft zu tun. Die Hintergründe dazu zeigen wir in fünf Karten.
23.02.2022, 20:3424.02.2022, 08:16

Schon vor Monaten zeichnete sich ab, dass die Lage an der ostukrainischen Grenze zu Russland eskalieren könnte. Dies ist nun passiert: In der Krisenregion herrscht Krieg. Internationale Beobachter haben erst kürzlich mehr als 1000 Explosionen registriert, und das, obwohl es offiziell einen Waffenstillstand gibt.

Die Augen der internationalen Diplomatie und der Medien richten sich auf Städte und Gegenden wie Donezk oder Luhansk. Involviert sind nicht nur der Kreml, die Aufständischen in der Ostukraine oder die ukrainische Regierung selbst. In der Krise nehmen auch Länder wie Belarus oder Moldawien eine Rolle ein. Und zu tun haben soll das alles mit der verletzten Seele, heisst es in verschiedenen Analysen.

Wir erklären die wichtigsten geografischen Punkte, die du zur Krise wissen musst mit folgenden fünf Karten.

Der «verletzte Putin»

Wer ist Putin? Was will er? Journalistinnen und Journalisten stellen sich einmal mehr die Frage nach dem, was in der Seele des russischen Präsidenten abgeht. Ein oberflächliches Psychogramm braucht es dafür nicht. Putin ist ohnehin schwer zu deuten, da er als gewiefter Politstratege auch das Spiel mit Falschinformationen beherrscht. Was aber als klarer roter Faden in putinscher Ideologie zu sehen ist, ist seine Meinung und Haltung zur Ukraine und dem Dasein des russischen Volkes – sie kann eindrücklich im Essay «Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern» nachgelesen werden.

Verfasst wurde sie von keinem anderen als von Wladimir Putin selbst. Der elfseitige Text wurde im Sommer 2021 auf der Webseite des Kremls veröffentlicht und sagt zusammengefasst: Für Putin sind das russische und ukrainische Volk dasselbe. «Unsere geistigen, menschlichen und kulturellen Bindungen bestehen seit Jahrhunderten und haben ihren Ursprung in denselben Quellen – sie sind durch gemeinsame Prüfungen, Errungenschaften und Siege gefestigt worden», schreibt Putin. Was meint er damit?

Kiewer Rus um das Jahr 1000.
Kiewer Rus um das Jahr 1000.

Ein Blick ins Geschichtsbuch beantwortet das: Die Grossmacht Russland hat ihren Ursprung im mittelalterlichen und altslawischen Grossreich namens «Kiewer Rus». Wir sprechen hier vom 8. bis 12. Jahrhundert: In dieser Zeit entstand die kulturelle und sprachliche Gemeinsamkeit, die bis heute in den heutigen Ländern wie Russland, Belarus und Ukraine nachwirkt und während der Sowjetzeit in noch weiteren Gegenden der Welt getragen wurde. Der Grossfürst des Kiewer Rus hatte seinen Sitz in Kiew, womit die ukrainische Hauptstadt eine zentrale Rolle in der Geschichtsschreibung des russischen, belarussischen und ukrainischen Volkes hat.

In den darauffolgenden Jahrhunderten änderte sich vieles. Die Sprachen veränderten sich. Geopolitisch gab es mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion regelrechte Erdbeben. Für Putin sei das die «grösste Katastrophe» des Jahrhunderts gewesen – laut seiner Betrachtung grösser als das Unheil des Zweiten Weltkriegs. Die heutige Ukraine entwickelte sich zudem in den vergangenen Jahren zunehmend in Richtung Europa. Putin meint, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer das nicht selbst so gewählt hätten, sondern fremde Mächte da mitwirkten: «Schritt für Schritt wurde die Ukraine in ein gefährliches geopolitisches Spiel hineingezogen, das darauf abzielt, die Ukraine zu einer Barriere zwischen Europa und Russland und zu einem Sprungbrett gegen Russland zu machen.»

Das gescheiterte Minsker Abkommen

Putin erkennt diese Verschwörung auch beim Ukraine-Konflikt im Jahr 2014: Der Westen habe sich damals in der Innenpolitik der Ukraine eingemischt, als das Volk wegen der «legitimen öffentlichen Unzufriedenheit» auf die Strasse ging. Dies habe die «Russophobie» in der Ukraine gestärkt: Proeuropäische Kräfte seien an die Macht gekommen und hätten die russische Kultur gezielt geschwächt.

Wir erinnern uns, was die Gegenreaktion war: Prorussische Kräfte wurden zu Aufständischen. Ukrainische Regionen mit einem höheren russischen Bevölkerungsanteil wurden von Separatisten übernommen. Russland beteiligte sich dabei, annektierte die Halbinsel Krim. In der Ostukraine, insbesondere in der Gegend von Donezk und Luhansk, blieb die Lage aber instabil: Es entstanden «Volksrepubliken» mit eigenen Armeen. Der Konflikt drohte zunehmend zu eskalieren, bis die internationale Diplomatie mit dem Minsker Abkommen im Jahr 2015 einen Beruhigungsversuch unternahm.

Das Ziel des Abkommens war eine Deeskalation und Befriedung des seit 2014 in der Ost-Ukraine herrschenden Kriegs und eine politische Beilegung des Konflikts: Beide Seiten akzeptierten eine Sicherheitszone, den Abzug aller schweren Waffen sowie die Schlichtung des Konflikts auf diplomatischem Weg. Putin hielt zunächst zu seinem Wort: «Russland hat alles getan, um den Brudermord zu stoppen. (…) Ich bin überzeugt, dass es nach wie vor keine Alternative zum Minsker Abkommen gibt.»

Situation in der Ostukraine gemäss Minsker Vertrag.
Situation in der Ostukraine gemäss Minsker Vertrag.

Die Nato-Erweiterung

Vor einigen Monaten aber begann Russland zunehmend Truppen an die russisch-ukrainische Grenze zu schicken. Angeblich, um militärische Übungen zu unternehmen. Der Kreml verschärfte aber bald darauf den Ton: Moskau veröffentlichte mehrere Forderungen, darunter etwa einen «garantierten Stopp der Nato-Osterweiterung».

Die letzten Erweiterungen der Nato (grün) geschahen mit der Aufnahme der Nordmazedonien (2020), Montenegro (2017), Kroatien und Albanien (beide 2017).
Die letzten Erweiterungen der Nato (grün) geschahen mit der Aufnahme der Nordmazedonien (2020), Montenegro (2017), Kroatien und Albanien (beide 2017).

Die Nato verfolgt durchaus ein Projekt namens «Osterweiterung», dieses läuft aber seit über 23 Jahren. Die neusten Nato-Beitritte sind zudem eine lange Zeit her: Kroatien und Albanien kamen 2009 hinzu, Montenegro folge im Jahr 2017. Das jüngste Mitglied ist seit 2020 der Balkanstaat Nordmazedonien (dunkelgrün markiert). Beitritte der für Russland relevanten Länder wie Estland, Lettland, Litauen sind über 18 Jahre her. Andere Nachbarländer wie Belarus oder Finnland wollen gar nicht mitmachen.

Sprich: Es geht Moskau in erster Linie um die Ukraine. 2019 sprach sich das Parlament in Kiew mit 334 von 450 Stimmen überaus deutlich für einen Nato- und EU-Beitritt aus. Der Entscheid wurde gar als Artikel zur «strategischen Orientierung des Landes» in die Verfassung aufgenommen.

«Sie haben sich dem Übergang zu einem neandertalerhaften und aggressiven Nationalismus und Neonazismus widersetzt.»»
Wladmir Putin über prorussische Aufständische

Putin sieht darin einen weiteren Angriff auf die Gemeinsamkeit der Ukraine und Russland. In seiner Ansprache an das Volk schlug er mit beleidigenden Worten um sich und stellte sich auf die Seite der prorussischen Aufständischen. Sie hätten sich dem «Übergang zu einem neandertalerhaften und aggressiven Nationalismus und Neonazismus widersetzt» – deshalb müsse Russland die sogenannten Volksrepubliken von Donezk und Luhansk anerkennen.

Die Armee vor der Türe

Die Militärmanöver, die seit Monaten andauern und sich auch in prorussische Länder wie Belarus oder Moldawien (Region Transnistrien) ziehen, wurden damit formell zum Kriegsakt Russlands.

Mit der Anerkennung dieser «Volksrepubliken» beschloss das russische Parlament auch einen sogenannten «Vertrag über Freundschaft und gegenseitigen Beistand mit beiden Republiken». Dieses Dekret heisst nicht zufällig so: Es ist derselbe Wortlaut, den die Sowjetunion mit ihren Teilrepubliken oder mit anderen, freundlich gesinnten Staaten hatte.

Standorte der russischen und prorussischen Truppen am vergangenen Sonntag.
Standorte der russischen und prorussischen Truppen am vergangenen Sonntag.

Der angebliche «Freundschaftsvertrag» sieht eine Reihe von militärischen Aktionen vor, darunter die Genehmigung des Truppeneinmarschs in die Ostukraine. Die Militärmanöver, die seit Monaten andauern, wurden damit formell bewilligt. Ministerpräsident Michail Mischustin bestätigte im Nachhinein, dass ein solcher Erlass schon lange in Planung war:

«Die Regierung hat schon seit vielen Monaten die Voraussetzungen für einen solchen Schritt geschaffen.»
Ministerpräsident Michail Mischustin über die sogenannten «Freundschaftsverträge»

Putin beschuldigte bei der Dekretsunterzeichnung einmal mehr die ukrainische Politik für die aktuelle Entwicklung. Die ukrainische Regierung habe die Macht in Kiew ergriffen und behalten – dabei sei doch die Ukraine «vollständig von Russland» geschaffen worden, genauer gesagt von Lenin und seinem «bolschewistischen, kommunistischen Russland».

Das gestoppte Nordstream-2-Projekt

Jetzt, wo klar ist, dass die Krise mit Putins eigener Vorstellung der russischen Geschichte zu tun hat, fragt man sich: Was kann die internationale Diplomatie noch tun? Der Minsker Vertrag löste das Problem schliesslich nicht.

Die internationale Gemeinschaft macht sich derzeit Gedanken über allfällige gemeinsame (wirtschaftliche) Sanktionen gegen Russland. Die Schweiz kündigte bereits an, diese nicht automatisch mittragen zu wollen. Andere Länder versuchen es mit eigenen Schritten: Die Briten beschlossen Wirtschaftssanktionen für fünf russische Banken und drei Oligarchen. Und Deutschland stoppte diese Woche formell die Inbetriebnahme der Ostsee-Gaspipeline «Nord Stream 2».

Russland hätte damit einfacher Erdgas nach Westeuropa transportieren können. Getragen wird das Projekt zwar von der Schweizer Firma Nord Stream 2 AG mit Sitz in Zug, sie gehört aber dem Konzern Gazprom, der zu 50,002 Prozent dem russischen Staat gehört.

Nord Stream 2 ist eine Unterwasser-Gaspipeline.
Nord Stream 2 ist eine Unterwasser-Gaspipeline.

Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz warnte, dass der Stillstand bei Nord Stream 2 länger andauern könnte: «Jetzt jedenfalls ist das eine Situation, in der niemand darauf wetten sollte.» In der europäischen Gasversorgung droht zwar wegen gut gefüllter Gasspeicher kein unmittelbarer Notstand. Offen sind aber die längerfristigen Folgen. Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew warnte schon mal auf Twitter: «Nun gut, herzlich willkommen in der neuen Welt, in der die Europäer bald 2000 Euro pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Putin, Nato und der Zankapfel: Der Ukraine-Konflikt einfach erklärt

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

43 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
azoui
23.02.2022 20:49registriert Oktober 2015
Ein guter Artikel, petar.
@watson, diese neu animierten Frontseiten Dingens, die sich dauernd "bewegen", gefallen mir nicht¡
1184
Melden
Zum Kommentar
avatar
TheLaenz
23.02.2022 21:58registriert März 2014
Dass sich die NATO nach Osten ausbreitet ist nicht die Schuld der NATO Staaten. Staaten stellen Anträge der NATO beitutreten um von Putins Einfluss wegzukommen.
9515
Melden
Zum Kommentar
avatar
Sitzplätzler
23.02.2022 22:02registriert April 2017
Hab nur ich ein Problem mit dem Format von Karten und Text oder ist das allgemein? Liegt irgendwie übereinander...

Der Artikel ist aber grosses Kino für Laien wie mich, da kann man sich ein Bild machen. Danke👍
562
Melden
Zum Kommentar
43
Indien lockert Regeln für Weizenexportstopp

Nach Indiens Weizenexportverbot hat die Regierung des Landes nun einige Weizenexporte ins Ausland doch erlaubt. Weizenlieferungen, die bis einschliesslich vergangenen Freitag dem Zoll übergeben worden seien, dürften exportiert werden, teilte das Handelsministerium in Neu Delhi am Dienstag mit. Konkret nennt es Getreide im Hafen Kandla an der indischen Westküste, das nun nach Ägypten exportiert werden darf.

Zur Story