Spektakuläre Flucht einer Nordkoreanerin: «Hätten sie uns eingeholt, wären wir tot»
Als Kim Yumi in jener stürmischen Nacht ins Holzboot steigt, ist es kurz vor 22 Uhr. Neben ihr sitzen ihr Mann, ihre beiden kleinen Kinder, ihre Mutter, ihr Bruder, der ältere Bruder ihres Mannes, dessen hochschwangere Frau und ihre Schwiegermutter. Neun Menschen – mit dem ungeborenen Baby zehn. Hinter ihnen liegt Nordkorea, vor ihnen das offene Meer. Sie wissen: Wenn ihr Fluchtversuch scheitert, werden sie nicht überleben.
«Wir entschieden uns bewusst für die Dunkelheit und für schlechtes Wetter», sagt sie heute. Nur so, hofften sie, konnten sie der Überwachung durch das Regime von Kim Jong Un entgehen.
Die nordkoreanische Küstenwache bemerkte ihre Flucht. «Während der gesamten Überfahrt wurden wir verfolgt», erzählt Kim Yumi. Sie schlugen Haken, änderten immer wieder die Richtung. «Wir warfen Gegenstände ins Meer, um die Verfolger zu irritieren.»
Dann, kurz vor der Seegrenze zu Südkorea, geschah etwas Unerwartetes. Die Lichter hinter ihnen wurden langsamer. «Wir vermuten, dass sich eines der Fischernetze, die wir ins Wasser geworfen hatten, in ihrem Motor verfangen hat», sagt sie. Vielleicht war es genau dieses Netz, das ihr Leben rettete.
Angst zu ertrinken habe sie während ihrer Flucht kein verspürt, sagt sie ruhig. «Wenn ich über Bord falle, gibt es wenigstens eine Chance zu überleben», habe sie sich nur gedacht. Gefasst zu werden, das wäre das sichere Ende gewesen. «Wenn die Soldaten uns eingeholt hätten, wären wir tot gewesen.»
Diktator Kim Jong Un zerstörte jede Hoffnung
Die UNO hat die Nordkoreanerin nun nach Genf eingeladen. Am Rande des Gipfels für Menschenrechte und Demokratie erzählt sie CH Media nicht nur von ihrer spektakulären Flucht, sondern auch von den fürchterlichen Zuständen im Land – und vom Funken Hoffnung, den sie vor einigen Jahren noch hatte.
Als Kim Jong-un Anfang der 2010er-Jahre die Macht übernahm, habe es durchaus Zuversicht gegeben. Er hatte in der Schweiz studiert, viele glaubten an vorsichtige Reformen. Auch ihr Mann dachte lange darüber nach, ob sich das System verändern könnte.
Der Wendepunkt kam im November 2022. Kim Jong-un präsentierte öffentlich seine Tochter – ein deutliches Signal, dass die Diktatur in die nächste Generation übergehen soll. «Spätestens da wurde uns klar, dass sich nichts ändern wird», sagt Kim Yumi. Noch im selben Jahr begannen sie konkret zu planen, 2023 setzten sie ihren Plan um.
Dass der Diktator seine Tochter Kim Ju-ae zur Thronfolgerin machen will, davon geht inzwischen auch der südkoreanische Geheimdienst aus.
Unglaubliche Ungerechtigkeiten
Aufgewachsen ist Kim Yumi in einem kleinen Küstendorf. «In Nordkorea gibt es eine extreme soziale Ungleichheit», sagt sie. Eine kleine Elite könne essen, was sie wolle, sogar regelmässig Fleisch. Die unteren Schichten dagegen hätten oft nicht einmal eine Mahlzeit am Tag. «Manchmal besteht sie nur aus Maismehl, gemischt mit Gras – eine Art Grassuppe.»
Unter Kim Jong-un sei das Leben noch härter geworden. Sein Vater habe zumindest begrenzte Möglichkeiten zugelassen, privat Geld zu verdienen. «Heute dürfen viele faktisch nicht einmal mehr arbeiten», sagt sie. Das führe zu einer «unmenschlichen Situation».
Wie blanker Hohn muss für sie die Rede geklungen haben, die der Gewaltherrscher von Pjöngjang an diesem Freitag hielt. Kim Jong-un eröffnete den Parteikongress, der nur alle fünf Jahre stattfindet. Er behauptete, Nordkoreas Volkswirtschaft habe in den letzten fünf Jahren Schwierigkeiten überwunden und sich «grundlegend verändert». Die Menschen in Nordkorea spüren davon bis heute nichts.
Was im Westen oft unterschätzt werde, sei der totale Mangel an Freiheit, sagt Kim Yumi. «Selbst wenn man nur in eine andere Stadt reisen will, braucht man eine Genehmigung.» Viele verlassen ihr Leben lang kaum ihren Geburtsort. Es gibt keine freien Medien, kein offenes Internet, keinen unzensierten Zugang zu Informationen. «Es fühlte sich an, als lebte ich in einer archaischen, abgeschotteten Gesellschaft.» Der Wechsel nach Südkorea sei gewesen, «als würde man aus einem alten Dorf direkt in eine hochmoderne Welt katapultiert».
Bestraft werden drei Generationen
Nach aussen demonstriert das Regime bedingungslose Loyalität. Doch das sei nur Fassade, sagt Kim Yumi. «Die meisten sind unzufrieden. Aber niemand wagt es, offen Kritik zu äussern.» Der Grund ist ein System kollektiver Bestrafung: Wer sich gegen das Regime stellt, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch Eltern und Kinder. Drei Generationen können in Haftlager geschickt werden.
Kim Yumi nennt ihr Geburtsland «ein Gefängnis». Und Gefangene, sagt sie, könnten sich nur selten selbst befreien. «Meistens muss jemand von aussen die Tür öffnen.» Ihre Hoffnung richtet sich auf die internationale Gemeinschaft – und auf die Menschen in ihrer alten Heimat. «Ich wünsche ihnen, dass sie die Hoffnung nicht verlieren.» (aargauerzeitung.ch)
