International
Russland

Warum Gegenoffensive der Ukraine wieder ins Stocken gerät

Heftige Gegenwehr der Russen: Warum die Gegenoffensive der Ukraine ins Stocken gerät

Bei ihrem Grossangriff an der Südfront sind die Ukrainer auf heftigen Widerstand gestossen. Unterdessen leert sich der Staudamm von Nowa Kachowka und überflutet dabei grosse Gebiete am Unterlauf des Dnipro.
09.06.2023, 19:5509.06.2023, 22:00
Kurt Pelda / ch media

Wegen der ukrainischen Informationssperre kommen Nachrichten aus dem Kriegsgebiet derzeit hauptsächlich von russischen Quellen. Demnach ereignete sich der bisher grösste ukrainische Angriff an der Südfront im Gebiet nördlich des wichtigen Verkehrsknotenpunkts Tokmak.

Leopard-2-Panzer in der Ukraine
Ein Leopard-2-Panzer der ukrainischen Armee an der Front bei Saporischja.Bild: telegram

Die russischen Truppen hatten sich dort in Erwartung der Ukrainer bestens eingegraben und vorbereitet. Erstmals setzten die Ukrainer zwischen der von ihnen kontrollierten Ortschaft Orichiv und dem russisch besetzten Tokmak auch deutsche Kampfpanzer vom Typ Leopard-2 ein.

Hier liegt Tokmak:

Obwohl die heftigen Kämpfe auch am Freitag weitergingen, konnten die Ukrainer laut russischen Quellen zwar kleinere Geländegewinne verbuchen, aber keinen Durchbruch erzielen. Offenbar wurde eine Panzerkolonne von einer russischen Drohne gesichtet und gezielt mit Artillerie beschossen, wie russische Videoaufnahmen zeigen. Mindestens ein Leopard-2 geriet dabei in Brand, wobei bisher nicht klar ist, ob er am Ende ganz zerstört wurde.

Eine Panzerkolonne der ukrainischen Armee bei Orichiv im Visier einer russischen Drohne, ein Panzer wurde getroffen.
Eine Panzerkolonne der ukrainischen Armee bei Orichiv im Visier einer russischen Drohne, ein Panzer wurde getroffen.Bild: twitter

Blamabel an dem Angriff war das Vorgehen der Ukrainer, das schon häufiger im Kriegsgebiet zu beobachten war: Die Panzer hielten zum Teil kaum Abstand voneinander und präsentierten sich in einer Kolonne wie auf dem Silbertablett. Erstaunlich dabei ist die Tatsache, dass die mit modernem westlichem Material ausgerüsteten ukrainischen Einheiten auch im Westen trainiert wurden. Es ist schwer verständlich, wie solche Fehler immer wieder passieren können.

Die Besatzer konnten sich vorbereiten

Es war von Anfang an klar, dass die Gegenoffensive der Ukrainer nicht wie der Blitzkrieg im letzten Herbst ablaufen würde. Diesmal hatten die Russen monatelang Zeit, sich vorzubereiten und in die Tiefe gestaffelte Befestigungen zu errichten. Natürlich war sich auch die russische Militärführung bewusst, dass die Ukrainer die Landbrücke bei Tokmak, die Russland am Ufer des Asowschen Meers mit der Halbinsel Krim verbindet, kappen möchten.

Die Ukrainer haben nach dem ersten Rückschlag ihre Angriffe nun offenbar verstärkt und setzen dabei ebenfalls massiv Artillerie ein. Der Ausgang der Schlacht ist offen. Unklar ist zudem, ob es sich bei dem Angriff in Richtung Tokmak schon um den Hauptstoss der Gegenoffensive handelt.

An der Ostfront konzentrierten sich die ukrainischen Angriffe dagegen auf die russischen Flanken beim zerstörten Bachmut. Hier eroberten die Angreifer die beherrschende Anhöhe nordwestlich der Stadt - ein wichtiger Zwischensieg. Sollte es ihnen gelingen, dort weiter ins Tal vorzudringen, könnten sie Bachmut von den benachbarten Salzminen in Soledar abschneiden. Erhebliche russische Verbände würden dabei Gefahr laufen, eingekesselt zu werden. So weit ist es aber noch nicht.

Endlose russische Desinformation

Aus dem Stausee von Nowa Kachowka läuft derweil weiterhin Wasser in die überfluteten Gebiete am Unterlauf des Dnipro. Betroffen von den Überschwemmungen sind zum grösseren Teil Gebiete am Ostufer des Flusses, die unter russischer Kontrolle stehen. Für den Dammbruch macht die staatliche Nachrichtenagentur Tass in Moskau nach wie vor ukrainisches Artilleriefeuer verantwortlich - obwohl das technisch gar nicht möglich ist.

Wie unverfroren Tass lügt, zeigt sich auch an einfachen Meldungen wie jener über den Zoo beim Staudamm von Nowa Kachowka: Noch vor zwei Tagen dementierte Tass ukrainische Meldungen, wonach dort unzählige Tiere umgekommen seien. Es gebe in Nowa Kachowka gar keinen Zoo, schrieb Tass mit Berufung auf lokale Quellen - obwohl der private Tierpark ein Facebook-Profil hat. Vor einem Tag meldete Tass dann plötzlich, dass in einem «Nationalpark» von Nowa Kachowka Tausende Tiere ertrunken seien.

In Cherson, der Stadt am westlichen Ufer des Dnipro, evakuierten ukrainische Helfer zahlreiche Menschen mit Booten von überfluteten Inseln und tiefer gelegenen Stadtvierteln. Weil Präsident Selenski Cherson einen unangekündigten Besuch abstattete, beschoss die russische Artillerie in der Folge die Evakuierungspunkte am ukrainisch kontrollierten Ufer.

Auch wenn einige russische Stellungen am Ostufer überflutet wurden, sieht es so aus, als ob die Russen dank der Überflutungen Truppen von dort abziehen konnten, um ihre Stellungen in der Region von Tokmak weiter östlich zu verstärken. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Diesen russischen Oligarchen geht die EU an den Kragen
1 / 21
Diesen russischen Oligarchen geht die EU an den Kragen
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat die EU Sanktionen gegen Russland, einige Unternehmen und Einzelpersonen verhängt. Darunter fallen auch viele russische Oligarchen. Oligarchen sind Personen, die mit ihrem Reichtum direkt die Geschicke eines Landes oder einer Region beeinflussen. Die EU hat das Vermögen der Milliardäre in Europa eingefroren und die Personen mit einem Einreiseverbot belegt. Folgend einige der wichtigsten betroffenen Oligarchen: ... Mehr lesen
quelle: keystone / alejandro zepeda
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Gefangennahme per Drohne: Russischer Soldat flieht durch Niemandsland
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Nach Trump-Abfuhr: Der Machtkampf in Teheran droht zu eskalieren
Noch vor wenigen Tagen sprach der US-Präsident von «sehr produktiven» Gesprächen. Nun weist er das Angebot des Mullah-Regimes zurück. Bei diesem werden die Risse über den weiteren Kriegskurs immer tiefer.
«Ich lehne ihr Angebot ab.» Mit diesen Worten wies Donald Trump am Samstag am Fusse der Air Force One ein iranisches Verhandlungsangebot zurück, das die Strasse von Hormus binnen einer Woche wieder hätte öffnen sollen.
Zur Story