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Rauch steigt vom Industriegebiet Asowstal auf, 3. Mai 2022.
Rauch steigt vom Industriegebiet Asowstal auf, 3. Mai 2022.Bild: keystone

Zwei Monate im Asowstal-Bunker: «Wir dachten, wir kommen hier nie wieder raus»

Die russische Armee hat den womöglich finalen Sturm auf das Stahlwerk Asowstal begonnen. Dort befinden sich noch immer Zivilisten. Einige konnten in den letzten Tagen in Sicherheit gebracht werden. Jetzt erzählen sie, was sie dort erlebten – nach zwei Monaten in Bunkern.
04.05.2022, 16:0305.05.2022, 07:21

Das Stahlwerk Asowstal liegt in Ruinen. Von der letzten Bastion der ukrainischen Armee in der belagerten Stadt Mariupol steigt der Rauch auf. Und gestern startete Putins Armee einen weiteren Sturm auf den Industriekomplex – um so die strategisch wichtige Hafenstadt endgültig einzunehmen.

Doch unter diesen rauchenden Ruinen verstecken sich nicht nur ukrainische Streitkräfte und Asow-Kämpfer, sondern auch ukrainische Zivilisten: Frauen, Kinder, betagte Menschen. Seit den ersten Tagen des Krieges sollen sie in den unterirdischen Bunkern des Stahlwerkes ausharren.

Einige Zivilisten konnten bereits mithilfe von humanitären Organisationen evakuiert werden – doch Hunderte sollen noch in den Gängen unter dem Stahlwerk feststecken, wie Vadym Boychenko, Bürgermeister von Mariupol, befürchtet.

Was wir über ihre Situation wissen:

Die Gefahren der Evakuierung

Mehrfach wurden in den vergangenen Wochen Waffenruhen ausgehandelt, um die Zivilisten zu evakuieren, und mehrmals sind die Evakuierungen gescheitert.

Erst ab dem 29. April gelang es dem Roten Kreuz in Zusammenarbeit mit Hilfswerken der UNO, Zivilisten zu evakuieren. Die fünftägige Aktion war allerdings riskant – sowohl für Helfer als auch für die Zivilisten. Sebastian Rhodes Stampa, der Einsatzleiter des UN-Teams, sagte der BBC:

«Als das Team vorrückte, eine weisse Fahne schwenkte und versuchte, diese Menschen vom Gelände zu bringen, gab es eine Reihe von Minen, die sowohl von der ukrainischen Seite als auch von der russischen Seite geräumt werden mussten.»
Ein Helfer schwenkt während der Evakuierung eine weisse Fahne mit dem Logo des Roten Kreuzes.
Ein Helfer schwenkt während der Evakuierung eine weisse Fahne mit dem Logo des Roten Kreuzes.Bild: keystone

Dennoch konnten aus den Asowstal-Bunkern Zivilisten ohne Zwischenfälle in Busse verfrachtet werden, um sie ab Sonntag in die sicherere Stadt Saporischschja zu fahren. Das Rote Kreuz berichtet von über 100 Menschen, die Saporischschja sicher erreichten.

Sergei Tsybultschenko, ein evakuierter Rentner, beschrieb der «New York Times» die Momente, in denen er und seine Familie den Bunker verlassen konnten, während andere zurückbleiben mussten:

Drei Soldaten des Asow-Regiments seien in ihren Teil des Bunkers gestürmt und hätten gefragt, ob jemand an Krankheiten leide. Tsybultschenko habe sich gemeldet, da seine Frau Nelya Asthmatikerin sein. Das Paar durfte daraufhin mit der erwachsenen Tochter und einem kleinen Hund aus dem Bunker ins Sonnenlicht. Nur elf Menschen aus ihrem Bunker seien ausgewählt worden, um den Ort zu verlassen, etwa 40 mussten sie zurücklassen. Unter den Zurückgebliebenen habe sich auch eine Mutter mit ihren beiden Kindern befunden.

«Nach zwei Monaten konnten die Menschen endlich die Bunker unter Asowstal verlassen und das Tageslicht sehen», erklärte Osnat Lubrani, die UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe in der Ukraine.

Fünf Busse aus Mariupol haben Saporischschja mittlerweile erreicht. «Es hat drei Tage gedauert, sie von dort nach hier zu bringen, auf einer Strecke, die normalerweise etwa drei Stunden dauert», liess sich Hoda Abdel-Hamid, die für Al Jazeera aus Saporischschja berichtet, zitieren.

«Katarina stieg aus dem Bus in die Sonne und packte alles, was sie jetzt besass, in einen kleinen Rucksack. Ihre beiden Kinder, sechs und elf Jahre alt, rieben sich erschöpft die Augen», schreibt BBC, die ebenfalls Journalisten vor Ort hatte.

Einige der Evakuierten hätten sich allerdings dafür entschieden, abgesetzt zu werden, bevor sie in den von der Regierung kontrollierten Gebieten ankamen, sagte Lubrani. Auch das russische Militär erklärte, einige Evakuierte hätten es bevorzugt, in den Separatistengebieten zu bleiben.

Die russische Belagerung Mariupols hat dazu geführt, dass die Zivilbevölkerung vor Ort kaum mehr Zugang zu Lebensmitteln, Strom oder Medikamenten hat, da die Moskauer Streitkräfte die Stadt in Schutt und Asche gelegt haben. Soldaten hätten zwar Essensrationen an die Zivilisten verteilt, doch die Menschen darbten trotzdem. Entsprechend schlecht ist sowohl die psychische als auch die physische Verfassung der Evakuierten.

Dorit Nizan, Leiterin des Katastrophenschutzes der Weltgesundheitsorganisation in der Ukraine, sprach mit Al Jazeera über die medizinische Versorgung der Evakuierten in Saporischschja. Ihre Botschaft skizziert den schlechten Gesundheitszustand, in dem sich viele der Mariupol-Geflüchteten wohl befinden:

«Wir sind bereit für Verbrennungen, Knochenbrüche und Wunden sowie für Durchfall und Atemwegsinfektionen. Wir sind auch bereit, nach schwangeren Frauen und Kindern mit Unterernährung zu suchen. Wir sind alle hier und das Gesundheitssystem ist gut vorbereitet.»
Evakuierte steigen aus dem Bus aus. Ein Helfer versucht Menschen ausfindig zu machen, die sofortige medizinische Hilfe brauchen.
Evakuierte steigen aus dem Bus aus. Ein Helfer versucht Menschen ausfindig zu machen, die sofortige medizinische Hilfe brauchen.Bild: keystone

Die Geschichten der Evakuierten

Die Ankunft der Busse auf einem Parkplatz eines Einkaufszentrums in Saporischschja wurde auf Videos festgehalten, die durch die Journalisten vor Ort und Nachrichtenagenturen schnell verbreitet wurden: Dutzende völlig erschöpfte Menschen steigen aus den Bussen aus – darunter viele Kinder und Rentner.

Video: watson

«Ich kann nicht glauben, dass ich es geschafft habe, wir wollen einfach nur ausruhen», sagte Alina der Journalistin von Al Jazeera. Und die Rentnerin Valentina fügt hinzu:

«Wir hatten dem Leben Lebewohl gesagt. Wir dachten, niemand wüsste, dass wir dort waren.»

Das Martyrium der Zurückgebliebenen lässt sich anhand der Geschichten der Evakuierten erahnen.

Eine Dame sagt gegenüber Reuters, den Tränen nahe:

«Jede Nacht gingen wir schlafen und dachten darüber nach, ob wir überleben und wieder aufwachen würden – es war möglich, dass wir gar nicht mehr aufwachen würden.»

Zwei Monate lang hatten sie in den versteckten Tiefen des Stahlwerks in Mariupol gelebt, während russische Bomben auf das Gelände einschlugen. Die einzige Versorgung waren Rationen, die von ukrainischen Soldaten verteilt wurden. Katharin erzählt der BBC:

«Von morgens bis in die Nacht wurden wir bombardiert. Artillerie, Raketen, Luftangriffe. Unsere Kinder konnten nicht schlafen. Sie weinten. Sie waren verängstigt. Und wir auch. Es gab mehrere Momente, in denen wir die Hoffnung verloren, dass wir jemals wieder herauskommen würden.»

Neben Essen mangelte es auch an Strom, wie Dasha der New York Times erzählt:

«Die Jungs, die bei uns sind, sind unter Feuer aus den Bunkern gegangen und haben versucht, einen Generator und Treibstoff zu finden, damit wir Strom hatten, um unsere Taschenlampen aufzuladen.»

Und die Taschenlampen waren dringend nötig, denn jeder Toilettengang war nur dank der Taschenlampen möglich. Allgemein sollen die hygienischen Bedingungen in den Bunkern eine Katastrophe sein. Eine junge Mutter sagt in einem Video – während sie ihr Baby füttert:

«Es war schwierig mit den Kindern. Wir haben alles aufbewahrt. Es gab kein Wasser - wir haben sozusagen einmal pro Woche gebadet. Es war moralisch sehr schwierig.»

Der Tod der Zurückgebliebenen

Fast gleichzeitig mit der Ankunft des ersten Konvois von Zivilisten aus dem Stahlwerk am Dienstag in der sicheren Stadt Saporischschja, starteten russische Streitkräfte den womöglich finalen Angriff auf das Gelände von Asowstal.

Bei diesen jüngsten russischen Angriffen seien bereits zwei Zivilisten getötet und zehn verletzt worden, erklärte Swjatoslaw Palamar, Vizekommandeur des ukrainischen Asow-Regiments in Mariupol, am Dienstag.

Über 200 Zivilisten sollen Schätzungen zufolge noch in den Bunkern gefangen sein. Palamar bittet in seinem Appell um Hilfe, damit die verbleibenden Zivilisten in das sichere Saporischschja transportiert werden könnten.

Damit die Zivilisten evakuiert werden können, müssen sich sowohl die russische als auch die ukrainische Armee auf einen Waffenstillstand einlassen, was nach der russischen Ankündigung, das Stahlwerk endgültig zu stürmen, eher unwahrscheinlich ist.

Zudem sollen während des letzten Waffenstillstandes ukrainische Kämpfer aus den Bunkern gekrochen sein, um Feuerstellung auf dem Gelände von Asowstal zu beziehen, wie Wadim Astafjew, Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, gegenüber russischen Nachrichtenagenturen erklärte. Diese Stellungen müssten nun zuerst zerstört werden, wie Astafjew erläutert.

Evakuierte Kinder aus dem Stahlwerk in Saporischschja, 3. Mai 2022.
Evakuierte Kinder aus dem Stahlwerk in Saporischschja, 3. Mai 2022.Bild: keystone

Trotzdem erklärte Sergej Orlow, der stellvertretende Bürgermeister von Mariupol, gegenüber der BBC, dass derzeit wieder Verhandlungen zwischen hochrangigen Vertretern der Ukraine, Russland und internationalen Organisationen über die Evakuierung weiterer Menschen geführt würden. Denn nach dem Sieg der Diplomatie über die Waffen bei der ersten gelungenen Evakuierung bleiben Hoffnungen bei den zuständigen Vertretern.

Am Mittwochmorgen habe ein weiterer Buskonvoi mit Zivilisten versucht, Mariupol zu verlassen, schreibt Reuters. Der von der UNO und dem Roten Kreuz organisierte Konvoi habe Mariupol in Richtung der ukrainisch kontrollierten Stadt Saporischschja verlassen, erklärte Pavlo Kyrylenko, Gouverneur von Donezk. Allerdings sei nicht klar, wie viele Busse sich in dem Konvoi befanden und ob weitere Zivilisten aus dem riesigen Stahlwerk Asowstal unter ihnen seien.

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Angriff auf die ukrainische Hafenstadt Mariupol

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Angriff auf die ukrainische Hafenstadt Mariupol
quelle: epa/epa / sergey vaganov
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Das Grauen von Mariupol

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6 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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schimpirashit
04.05.2022 16:49registriert Juli 2021
fuck....
da fehlen einem die Worte.
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