«Hör auf, Menschen zu essen»: Unter russischen Soldaten soll es zu Kannibalismus kommen
Der Bericht offenbart Erschreckendes: Im vergangenen Winter wurden in der russischen Armee mehrere Fälle von Kannibalismus registriert. Darüber berichtet die britische Zeitung «The Sunday Times» unter Berufung auf Unterlagen, die sie aus Quellen im ukrainischen Militärgeheimdienst erhalten hat.
Bekannt wurde der Vorfall durch ein Gespräch des Leutnants Wladislaw Rasikow, Vizekommandeur einer russischen Elitebrigade, mit einem bislang nicht näher bezeichneten Offizier.
Nach Angaben einer Quelle im ukrainischen Militärgeheimdienst liegen Belege für mindestens fünf Fälle vor, in denen russische Infanteristen nach Aussagen ihrer Kameraden und Vorgesetzten ihre eigenen Mitkämpfer gegessen haben sollen.
In einem Gespräch vom 3. April 2025 beklagt sich ein Soldat mit dem Rufnamen Most aus dem 54. motorisierten Schützenregiment bei seinem Offizier über einen Kameraden: «Er hat eine Leiche gegessen, Menschenfleisch. Ich bin Muslim. Ich will nicht, dass jemand wie er in meinen Unterstand kommt», sagt der Soldat. In einem weiteren Gespräch vom 8. Oktober 2025 wirft der Kommandeur des 1437. motorisierten Schützenregiments einem seiner Untergebenen vor: «Warum isst du Ukrainer? Hör auf, Menschen zu essen.»
Die «Sunday Times» bezeichnet diese Fälle von Kannibalismus als vereinzelte und zahlenmässig geringe Vorfälle, die sich auf dem Höhepunkt des Winters ereignet haben sollen, als die Versorgungslinien nur schwer aufrechterhalten werden konnten. Zudem stellen sich Fragen zum psychischen Zustand der beteiligten Soldaten, die infolge traumatischer Erlebnisse auf dem Schlachtfeld möglicherweise zu extremen Massnahmen getrieben worden seien.
Die Botschaft Russlands in London erklärte, sie sehe «keinen Anlass für eine Stellungnahme» zu diesen Vorwürfen. Ein Sprecher der Botschaft sagte: «Was ihr beschrieben habt, sind Erfindungen, geliefert vom ukrainischen Militärgeheimdienst – einer Organisation, deren Aufgabe in der Produktion von Propaganda besteht und nicht in der Sammlung von Fakten.»
Das Herz eines Bekannten gegessen
Obwohl es sich bei Fällen von Kannibalismus innerhalb der russischen Armee tatsächlich um vereinzelte Vorfälle handelt, weisen sie auf ein anderes Problem hin: die Rekrutierung besonders gefährlicher Straftäter aus Gefängnissen für den Krieg gegen die Ukraine. Seit Beginn des Krieges wurden aus russischen Haftanstalten mindestens vier wegen Kannibalismus verurteilte Mörder entlassen; drei von ihnen kamen vorzeitig frei, um an die Front zu gehen.
Auf das Konto dieser freigelassenen Täter gehen mindestens zwölf Opfer. So wurde im Jahr 2024 der Serienmörder aus Wolgograd, Dmitri Malyschew, an die Front geschickt. Er hatte das Herz eines Bekannten mit Gemüse gebraten und gegessen. Dafür war er zu 25 Jahren Haft verurteilt worden, wurde jedoch nach Unterzeichnung eines Vertrags mit dem russischen Verteidigungsministerium freigelassen. Im Krieg gegen die Ukraine wurde Malyschew verwundet und kehrte in sein Heimatdorf zurück.
Am häufigsten werden besonders gefährliche Straftäter vom russischen Kommando in sogenannte «Fleischangriffe» geschickt, bei denen die Überlebenschancen äusserst gering sind. Falls ein solcher Schwerverbrecher im Krieg gegen die Ukraine getötet wird, unternehmen die regionalen Behörden nach Berichten alles, um sein Andenken zu bewahren. Neben individuellen Gedenktafeln an Schulen und Wohnhäusern werden Porträts gefallener ehemaliger Häftlinge sowie Darstellungen ihrer «Verdienste» auf Schulstandtafeln, sogenannten «Heldenpulten», in Gedenkalleen und auf Strassenschildern angebracht.
Zudem werden zu ihren Ehren Museumsausstellungen und Sportwettbewerbe organisiert und Bäume gepflanzt. In 58 Regionen Russlands wurde während des Krieges gegen die Ukraine nach Angaben von Recherchen die Erinnerung an mindestens 408 ehemalige Strafgefangene auf diese Weise geehrt.
Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine haben zurückkehrende russische Soldaten mehr als 750 Zivilisten getötet oder schwer verletzt. In den meisten Fällen richten sich die Angriffe gegen Angehörige oder Bekannte der Täter. (aargauerzeitung.ch)
