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Alexander Demidenko verhalf Ukrainern zur Flucht – jetzt ist er tot

Dieser Russe half 900 Ukrainern bei der Flucht – dann geriet er in die Fänge des Kremls

Alexander Demidenko ist tot. Der russische Aktivist und Pazifist starb am 5. April in einem russischen Gefängnis. Den Behörden zufolge beging er Suizid, an dieser Version bestehen Zweifel. Ein Porträt eines Mannes, der für viele als Held galt.
17.04.2024, 06:5717.04.2024, 13:42
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Im Februar 2022 marschierte Russland in der Ukraine ein. Im Osten und Süden des Landes besetzte der Aggressor seither Gebiete. Mit Pseudo-Annexionen legitimierte Wladimir Putin im September 2022 die Süd- und Ostukraine als russisches Staatsgebiet. Doch für viele Menschen in diesen Gegenden kam der russische Einmarsch keineswegs einer Befreiung gleich, wie das von der russischen Propaganda mit Nachdruck behauptet wurde.

Das zeigen unter anderem die Geschichte und das Wirken von Alexander Demidenko. Der 61-jährige Russe verhalf über 900 Ukrainerinnen und Ukrainern, die nicht mehr unter der russischen Besatzung leben wollten, zur Flucht. Der Guardian zeichnet nun in einem Porträt nach, was für ein Mensch Demidenko war.

Alexander Demidenko
Alexander Demidenko wird von vielen, denen er geholfen hat, als Held verehrt.Bild: X/Oleg Demidenko

Sein Leben

Demidenko arbeitete für die russische Raketenindustrie, bevor er zum überzeugten Pazifisten wurde. Er wechselte seinen Beruf und wurde Lehrer für Geschichte und Geografie. Eine Arbeit, die er liebte, die in Russland allerdings schlecht bezahlt wird. Aus diesem Grund besserte er sein Gehalt fortan als Buchverkäufer auf. Durch diese Tätigkeit lernte er im Jahr 2014 seine Frau und heutige Witwe Natalia Wischnewskaja kennen.

Seine Frau sagt über ihn: «Ich schätze mich glücklich, ihn kennengelernt zu haben. Ich konnte nicht glauben, dass in einem Mann so viele gute Eigenschaften stecken könnten.» Ihr Partner sei belesen und intelligent gewesen, er habe wunderschöne Gedichte schreiben können. Gleichzeitig habe er sich aber auch nicht gescheut, die Hände schmutzig zu machen und hart zu arbeiten.

Zusammen kauften die beiden ein Haus in einem Dorf nahe der ukrainischen Grenze. Sie wünschten sich eine ruhige gemeinsame Zukunft, wie Wischnewskaja dem Guardian erzählt. Doch spätestens mit dem russischen Einmarsch in der Ukraine im Jahr 2022 war klar, dass aus dieser Vorstellung langfristig nichts werden wird.

Seine Überzeugungen

Demidenko war ein Kriegsgegner der ersten Stunde. Und im Gegensatz zu anderen hatte er keine Angst, offen für seine Überzeugungen einzustehen. Am Tag der Invasion, am 21. Februar 2022, stellte sich Demidenko im Alleingang im Zentrum von Belgorod, der nächstgrösseren Stadt in der Region, auf die Strasse und hielt einen Ein-Mann-Protest gegen den Krieg ab.

Sein erwachsener Sohn Oleg beschreibt Demidenko als Mann, der «extrem stur» sei. Sein Vater habe seine Prinzipien und Überzeugungen immer über seine Sicherheit und sein Wohlergehen gestellt.

Eine Anekdote: Als die russische Regierung ein Gesetz verabschiedete, das offiziell dazu dienen sollte, den Einfluss ausländischer Agenten in Russland einzuschränken, gleichzeitig aber auch die Medien- und Meinungsfreiheit beschnitt, schrieb Demidenko einen Zettel, den er an sein Auto klebte. Darauf stand:

«Ich bin ein ausländischer Agent.»

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine beschloss Demidenko gemeinsam mit seiner Frau Natalia, ukrainischen Flüchtlingen zu helfen. «Wir haben kein einziges Mal an der Entscheidung gezweifelt», sagt Natalia Wischnewskaja heute.

Sein Aktivismus

So verwandelte das Paar das gemeinsame Haus an der Grenze in eine Unterkunft für ukrainische Flüchtlinge. Je weiter Russland im Nachbarland vorrückte, desto mehr Menschen seien gekommen. Hunderte Menschen hätten in den mittlerweile mehr als zwei Kriegsjahren kurzfristig Unterschlupf gefunden.

Besonders gross seien die Flüchtlingsströme im Sommer 2023 gewesen, als der Kachowka-Staudamm in der Südukraine gesprengt wurde. Zeitweise hätten bis zu 27 Menschen im zweistöckigen Haus gewohnt. Demidenko habe deshalb vorübergehend in einer Banja neben dem Haupthaus, einer Art Holzhütte, welche normalerweise für Dampfbäder genutzt wird, geschlafen.

Demidenko opferte sein Leben, seinen Alltag auf, um Ukrainerinnen und Ukrainer zur Grenze zu fahren, damit sie zurück in von der Ukraine kontrolliertes Gebiet gelangen konnten. Zusammen mit anderen Freiwilligen in der Region organisierte er sich über Telegram. Doch Demidenko konnte auch in den sozialen Medien nicht auf den Mund sitzen – er wetterte unter anderem gegen Taxifahrer, die Wucherpreise von Ukrainern verlangten, um sie zur Grenze zu fahren.

Eine andere Freiwillige, mit der Demidenko zusammengearbeitet hatte, sagte gegenüber dem Guardian:

«Er hat seine Arbeit nicht versteckt. Im Gegenteil, er war sehr stolz darauf.»

Seine Verhaftung und sein Tod

Doch sein offener Umgang mit seinem Aktivismus beförderte ihn mehr und mehr ins Visier der russischen Behörden. Obwohl die Tätigkeiten, der Transport und die Beherbergung von Menschen, gegen kein russisches Gesetz verstossen, ist diese Art von Aktivismus von Behördenseite nicht gern gesehen – schliesslich widerspricht sie dem, was das offizielle Narrativ über die Bedürfnisse der «befreiten» ukrainischen Bevölkerung erzählt.

Am 17. Oktober 2023 fährt Demidenko das letzte Mal eine flüchtende Ukrainerin an die Grenze. Dort wird er vom tschetschenischen Achmat-Bataillon, welches zwischenzeitlich in Belgorod stationiert worden war, festgenommen.

Nachdem er zehn Tage verschollen ist, bekommt seine Familie eine offizielle Begründung: illegaler Waffenbesitz. Sohn Oleg, der in Tschechien lebt, berichtet von einem Telefonat mit seinem Vater, in dem er ihm erzählte, dass er von den Tschetschenen gefoltert worden sei. Mitgeschickte Bilder lassen schwerlich einen anderen Schluss zu.

Alexander Demidenko
Ein von Oleg Demidenko veröffentlichtes Foto, das die Folterspuren zeigen soll.Bild: X/Oleg Demidenko

Er schilderte seinem Sohn ebenfalls, dass er unter Gewalteinwirkung zu einem Geständnis gezwungen wurde.

Was in der Folge mit Demidenko passierte, ist nicht klar. Am 8. April 2024 informierte die Leitung des Belgoroder Gefängnisses, wo er festgehalten wurde, Demidenkos Anwalt, dass sein Mandat tot sei – Suizid, begangen bereits am 5. April.

Offiziell geklärt ist die Todesursache noch nicht, eine Untersuchung läuft. Demidenkos Familie zweifelt an der bisherigen Version. Er habe bereits über Zukunftspläne gesprochen.

Für seinen Sohn ist klar: «Er wäre am Leben, wenn er nicht verhaftet worden wäre.» Sein Vater sei ein eigenwilliger, freier Mann gewesen.

Oleg schliesst mit einem denkwürdigen Satz:

«So frei kann man in Russland heute einfach nicht sein.»
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42 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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wasihrnichtsagt
17.04.2024 07:08registriert April 2018
Ein Held, der sein Leben gab um anderen zu helfen. Danke, für all die Leben die er rettete!
Trotzdem schlimm, dass es dies braucht und solche schreckliche Kriege geführt werden..
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Callao
17.04.2024 08:40registriert April 2020
Er hat meinen vollsten Respekt. Er hat das in die Tat umgesetzt, was wir jeweils auf unserm Sofa sitzend allen anderen fordern.
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MartinZH
17.04.2024 09:43registriert Mai 2019
Alexander Demidenko war ein Mann mit Prinzipien, von denen es in RU leider immer weniger gibt. Die meisten verhalten sich opportunistisch, um ja nicht anzuecken oder aufzufallen.

Genau so funktioniert ein totalitärer Staat.

Und Putin tut alles dafür, dass dies so bleibt und die Menschen Angst haben, gegen das Regime zu opponieren. Denn würde es zu viele geben, die sich wie Demidenko gegen das Regime auflehnen und nicht anpassen wollen, würde dies Putins Macht gefährden und er wäre bald weg. Und die verbreitete Angst ist elementar für den Machterhalt, damit das totalitäre Regime funktioniert.
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