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Die Nato dürfte besonders in langfristiger und strategischer Hinsicht von der Norderweiterung profitieren.
Die Nato dürfte besonders in langfristiger und strategischer Hinsicht von der Norderweiterung profitieren.Bild: keystone

«Putins grösster Schmerz»: Was Schweden und Finnland der Nato militärisch bieten

Finnland und Schweden wollen in die Nato – aus Angst um ihre Sicherheit. Eine Win-win-Situation. Denn die beiden skandinavischen Staaten sind selbst auch keine militärischen Leichtgewichte.
19.05.2022, 17:5320.05.2022, 16:04

Schweden und Finnland wollen der Nato beitreten. Am Mittwochmorgen haben die Botschafter der beiden Länder die entsprechenden Dokumente an Generalsekretär Jens Stoltenberg überreicht. Der zentrale genannte Grund: Finnland und Schweden fürchten nach dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine um ihre Sicherheit.

Bis anhin galt die militärische Bündnisfreiheit in den beiden skandinavischen Länder als nahezu unantastbar. Besonders Schweden trägt ein pazifistisches Image. Seit 200 Jahren hat das Land keinen Krieg mehr geführt.

Allerdings könnte die Nato besonders in langfristiger und strategischer Hinsicht von der Norderweiterung profitieren. Der finnische Buchautor Tomi T Ahonen beschreibt dies ausführlich.

Finnlands «Kola Peninsula»

«Der grösste Schmerz für Putin, wenn Finnland der Nato beitritt, heisst Kola Peninsula», schreibt Ahonen in einem Twitter-Thread. Die Halbinsel im Nordwesten Russlands grenzt an die östlichste Region Finnlands. Der westliche Viertel der Kola-Halbinsel ist eine der dichtesten Ansammlungen von russischen Nuklearwaffen. Ausserdem hat Russland seine Arktisflotte hier. Ihre U-Boot-Basen mit mehreren U-Boot-Bunkern liegen ausserhalb von Murmansk.

Ähnlich verhält es sich mit der grössten Ansammlung von Luftwaffenstützpunkten mit strategischen Langstreckenbombern der russischen Luftwaffe. Diese sind auf Stützpunkten entlang dieses Korridors auf der Kola-Halbinsel geparkt.

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Das führt zum Hauptproblem für den Kreml: Die gesamte Halbinsel Kola und der Weg zu Mumansk ist mit dem Rest Russlands über eine Strasse und eine Eisenbahnlinie verbunden. Sie verläuft 700 km, bevor sie sich gabelt.

Aktuell ist diese Strasse für Russland relativ sicher. Das dürfte sich ändern, sofern Finnland der Nato beitritt und es zum Krieg mit Russland kommt. Finnland könnte entlang der Strasse von jedem Ort aus angreifen. «Für die Russen wäre es unmöglich, sie zu blockieren, selbst mit einer Million Soldaten nicht», schreibt Ahonen.

Finnland bräuchte das Gebiet nicht einmal zu besetzen. Eine einzige Kompanie von Spezialisten könnte die Strasse, die Eisenbahn und die Stromleitung, die Murmansk mit Russland verbindet, zerstören.

Schweden: Luftwaffe verdirbt Putins Taktik

Die Situation in Schweden ist einiges komplexer. Das Land grenzt zwar nicht an Russland, kann für Putin aber aus einem anderen Grund gefährlich werden. «Putins Generäle flippen aus, weil ihre Taktik jetzt völlig durcheinander ist», schreibt Ahonen.

Schweden hat eine der grössten Luftwaffen in Europa. Für die russische Militärtaktik wird Schweden die einzige Luftwaffe in der Nato sein, die nicht durch die Zerstörung aller Flughäfen neutralisiert werden kann. Der schwedische Kampfflugzeughersteller Saab hat den Gripen so konzipiert, dass er von einem sechsköpfigen Team aufgetankt und neu bewaffnet werden kann, von denen bloss einer ausgebildeter Mechaniker der Luftwaffe sein muss. Der Gripen kann innert zehn Minuten wieder in der Luft sein.

Ausserdem besitzt Schweden eine der tödlichsten Abwehrraketen. Dazu muss man etwas ausholen: Die meisten schultergetragenen Luftabwehrraketen wie Stinger oder die russische Igla sind «wärmesuchende» Raketen. Sie haben Infrarot-Suchköpfe, die von der Hitze an Kampfflugzeugen wie dem Motor angezogen werden.

Um sich gegen solche Raketen zu verteidigen, verfügen eigentlich alle modernen Kampfflugzeuge über sogenannten «Flares», also Hitzefackeln, die die Raketen mit ihrer Wärme anziehen und das Flugzeug so unversehrt bleibt.

Die schwedische Rüstungsfirma Bofors hat allerdings eine Luftabwehrrakete, die durch Laserstrahlverfolgung gesteuert und somit immun gegen Leuchtraketen ist. Für Russland bedeutet die RBS 70 der Schweden, dass sie ihre Flugzeuge drastisch schlechter verteidigen können.

Faktencheck

watson hat beim Aussenpolitik- und Sicherheitsexperte Matthias Dembinski nachgefragt, ob die Twitter-Threads inhaltlich standhalten. Der Forscher vom Deutschen Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung bestätigt die Grundaussagen und ergänzt: «Verglichen mit ähnlich grossen Ländern bringen Schweden und Finnland militärisch einiges auf die Waage.» Finnland gibt zwei Prozent ihres Bruttoinlandproduktes für die Verteidigung aus, Schweden strebt zurzeit den gleichen Anteil an. Als Vergleich: Deutschland gibt 1,3 Prozent aus, die Schweiz 0,8.

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Die Geschichte der Nato

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Die Geschichte der Nato
quelle: epa/u.s. national archives / u.s. national archives and records administration / handout
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George Bush verwechselt Putins Invasion der Ukraine mit seiner Invasion des Irak

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127 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fernrohr
19.05.2022 18:19registriert Januar 2019
Der Saab Gripen! Ein Mechaniker und fünf Gangos - und schon ist er wieder in der Luft! Wenn das kein Argument für die schweizer Armee war, also dann weiss ich auch nicht weiter!
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Totemügerli
19.05.2022 19:03registriert Mai 2021
Und nicht zu vergessen Schwedens Allzweck- und Wunderwaffe
Zlatan Ibrahimović.
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Doppelpass
19.05.2022 18:07registriert Februar 2014
Finnland und Schweden könnten schon mal ein Bündnis abschliessen. Russland hätte schlechte Karten.
So könnten Erdogans Erpressungsversuche ins Leere laufen.
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