Blinde tasten öffentliche WCs ab: Social-Media-Video bringt SBB und Co. unter Zugzwang
Molly Burke kann es kaum glauben. In einem Video, das auf Social Media viel Zuspruch erhält, zeigt die kanadische Influencerin, wie man ihr Leben ganz einfach verbessern könnte. Burke hat ihre Sehkraft verloren. Im Clip steht sie vor einem Badezimmer eines Blindenhund-Zentrums in Australien und erklärt die Tafel, die gleich neben der Tür steht.
Die Tafel zeigt einen taktilen Grundrissplan des Badezimmers inklusive Erklärung in Braille-Schrift. «Könnt ihr euch vorstellen, wie stressig es ist, wenn ich aufs WC muss?», fragt Burke ihre Follower. Denn jedes öffentliche Badezimmer sehe anders aus.
Es sei jedes Mal ein Spiessrutenlauf für sie, erklärt Burke. Schliesslich wisse sie nie, wo die WC-Kabinen sich befinden würden, wo es eine grössere Kabine gebe, in die sie ihren Blindenhund mitnehmen könne, wo sich der WC-Papier-Halter befinde, wo das Lavabo, wo der Seifenspender und wo der Händetrocker.
«Das ist ein Game Changer», sagt Burke in Bezug auf die Tafel. «Ich möchte diese überall haben.» Auch beim Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen scheint man solchen Tafeln nicht abgeneigt. Man begrüsse Massnahmen, welche die Autonomie von Menschen mit Sehbeeinträchtigungen fördern würden, sagt Sprecherin Kathrin Schellenberg.
In der Schweiz kümmert sich die Fachstelle Hindernisfreie Architektur um inklusivere Gebäude-Designs, um das Leben von Menschen mit Behinderung zu erleichtern. Die Norm SIA 500 definiert die Mindestanforderungen an hindernisfreie Bauten hierzulande. Einen taktilen Grundrissplan wie im Video von Molly Burke sieht diese Norm bis heute nicht vor, sagt Eva Schmidt, die Geschäftsführerin der Fachstelle. Aber: «Ein solcher kann hilfreich sein, um die Kabinen und anderen Bedienelemente im Badezimmer zu finden.»
Doch derzeit sei dies Wunschdenken, sagt Schmidt. Zuerst gelte es dafür zu sorgen, dass die bestehenden, minimalen Anforderungen der Norm SIA 500 eingehalten werden. Diese schreibt seit 2009 unter anderem vor, dass öffentliche, geschlechtergetrennte WC-Räume mit einer taktil erkennbaren Beschriftung bezeichnet werden müssen. Das Problem: «Die Baubehörden kontrollieren bei der Bauabnahme oftmals nicht, ob diese Detailanforderungen der Norm auch tatsächlich umgesetzt sind.» Die Durchsetzung des Mindeststandards habe für die Fachstelle daher oberste Priorität.
Umfrage deckt grosse Unterschiede auf
Eine Umfrage von CH Media bei Institutionen wie Kantonsbehörden, Lehrinstituten oder Firmen, die öffentliche Toiletten betreiben, zeigt diese Diskrepanz zwischen Norm-Vorgabe und Realität auf – trotz Bekenntnis zur Barrierefreiheit.
So heisst es beispielsweise beim Flughafen Zürich mit seinen 58 öffentlich zugänglichen Nasszellen, die Norm SIA 500 sei in Bezug auf die taktilen Beschriftungen nicht umgesetzt worden, weil diese im Rahmen der bisherigen Bewilligungsverfahren, Kontrollen oder Auflagen durch die zuständigen Behörden nie verlangt worden sei. «Entsprechend bestand bislang keine konkrete Vorgabe zur Umsetzung», sagt Sprecherin Jasmin Bodmer-Breu. Taktile Raumpläne seien auch nicht geplant.
Mitunter zu den grössten öffentlichen WC-Betreibern in der Schweiz gehören die SBB. Allein in den Zügen gibt es laut Sprecherin Sabrina Schellenberg über 3400 Toiletten. Hinzu kommen rund 340 öffentlich zugängliche WC-Anlagen an Bahnhöfen und Haltestellen.
Schellenberg verweist darauf, dass die Reliefbeschriftungen nur bei geschlechtergetrennten WCs vorgeschrieben seien, um Verwechslungen zu vermeiden. An den Bahnhöfen handle es sich jedoch in der Regel um WCs für alle.
SBB findet Idee interessant
In den kleinen, so genannten Modul-WCs sei das Layout stets das gleiche, sagt Schellenberg. Auf den 3 Quadratmetern könne man sich zum Beispiel am Lavabo orientieren. Die WC-Schüssel sei immer exakt 55 Zentimeter davon entfernt. «Spezielle Beschriftungen sind hier nicht nötig.»
Bei grösseren SBB-WC-Anlagen an Bahnhöfen sieht die Situation hingegen anders aus. Hier herrscht Nachholbedarf. Für sie habe man vor wenigen Wochen zusammen mit einer Fachgruppe für das Behindertengleichstellungsgesetz ein Beschriftungskonzept mit Relief- und Braille-Beschriftung verabschiedet. «Dieses wird ab Anfang 2026 umgesetzt», sagt Schellenberg. Und: Dabei werde man auch die Möglichkeit von taktilen Raumpläne diskutieren. Diese Idee sei «interessant».
Im vergangenen Mai habe man im Bahnhof Bern ein Pilotprojekt mit einem taktilen Modell des Bahnhofs lanciert. «Zudem gibt es taktile Pläne zum Mitnehmen und auf der Webseite ein Beschrieb des Bahnhofs für Menschen mit Sehbehinderungen.» Darin seien auch Hinweise zu den Toiletten-Standorten enthalten.
Behörden wissen oft nicht Bescheid
Im Bundeshaus gibt es laut Sprecherin Lucienne Vaudan 73 öffentlich zugängliche Toiletten. Ende 2024 sei die Signaletik angepasst und von Verbänden für Seh- und Gehbehinderte «für gut befunden» worden. Was genau angepasst wurde, inwiefern die SIA-Norm 500 eingehalten wird und ob auch taktile Raumpläne ein Thema sind – all das lässt die Sprecherin unbeantwortet. Einzig: «Die Barrierefreiheit des Parlamentsgebäudes wird laufend thematisiert und bei Bedarf angepasst.»
Thomas Maag, Sprecher der Baudirektion des Kantons Zürich, kann nicht sagen, in wie vielen der rund 14'000 Liegenschaften des Kantons, wie Kantonsschulen, Passbüros oder Spitäler die Toilettenbeschriftungen der SIA-Norm 500 entsprechen. «Dies entzieht sich unserer Kenntnis.»
Die Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention sei der Kantonsregierung aber ein grosses Anliegen. 2022 hat der Kanton deshalb den Aktionsplan Behindertenrechte lanciert. «Ziel ist es, die Hindernisfreiheit in öffentlichen Bauten unter Einbezug der Beschriftungen und Piktogrammen mit Informations- und Führungsfunktionen sicherzustellen», sagt Maag.
Kantone rüsten nach
Im Kanton Aargau gibt es laut Sprecher Roland Hofer rund 450 öffentlich zugängliche WCs in Schulen, Museen oder Schlössern. «Davon sind über 60, also knapp jede siebte, bereits mit taktil erkennbarer Beschriftung versehen.» Und bei Neubauten werde die Norm stets umgesetzt. Und bei bestehenden Gebäuden sei man daran, diese entsprechend nachzurüsten.
Den Behörden des Kantons St. Gallen sind laut Sprecherin Evelyn Jeger die genaue Zahl der öffentlichen WCs nicht bekannt. Aber bei Neubeschriftungen und Neubauten wende man die SIA-Norm 500 an mit Reliefschrift oder ertastbaren Piktogrammen.
Bei den über 460 Toiletten an den sechs Standorten der Fachhochschule Nordwestschweiz ist dies laut Sprecher Dominik Lehmann bereits Tatsache. Taktile Raumpläne seien derweil nicht in Planung.
Lehrinstitutionen wollen aufholen
An der Universität Genf hingegen besteht noch einiges an Verbesserungspotenzial. Wie viele der rund 200 öffentlichen Sanitärbereiche die SIA-Norm 500 erfüllen, kann Sprecherin Luana Nasca nicht beantworten. Die Anpassung erfolge punktuell und «entsprechend den Bedürfnissen der Mitglieder der Universitätsgemeinschaft». Zudem prüfe man die Integration von Smartphone-Apps, um die Orientierung für Menschen mit Behinderung in den Uni-Gebäuden zu erleichtern.
An der Universität Basel wird Braille laut Sprecher Matthias Geering nur teilweise eingesetzt. Die Planerinnen und Planer der Uni seien angehalten, die SIA-Norm 500 «strikt einzuhalten». Taktile Pläne habe die Universität in der Vergangenheit bereits vorgeschlagen. Diese seien jedoch von der Behindertenorganisation Pro Infirmis als «nicht zielführend» eingeschätzt worden, sagt Geering. Er verweist auf die Möglichkeit für blinde Uni-Angehörige, dass sie sich von einer Vertrauensperson in den Gebäuden herumführen lassen können, um sich mit den Begebenheiten vertraut zu machen.
Bei Pathé, einer der grössten Kinoketten in der Schweiz, wird laut Sprecher Stephan Herzog die Norm nur bei den Kinos in Ebikon LU und Spreitenbach AG eingehalten, die beide nach 2009 gebaut wurden – also nach Inkrafttreten der Norm.
Käme sie in die Schweiz, so würde die Influencerin Molly Burke vermutlich kein allzu euphorisches Social-Media-Video hochladen.
