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Barbara Lüthi (Mitte) diskutierte mit (v. l. n. r.) Oliver Rosa, Eric Facon, Regula Schwager, Ueli Meier, Elisabeth Bronfen und Martin Wyss über den Dok-Film «Leaving Neverland». Bild: AP/HBO

Genie, Monster oder beides? – so war der SRF-«Club» zur Jackson-Doku

Die SRF-«Club»-Runde diskutierte am späten Dienstagabend über die Frage: Wie wertvoll ist das Werk eines Genies, hinter dem womöglich ein Pädophiler steht? Ein Überblick der Sendung.



Genie oder Monster: Was bleibt von Michael Jackson? Der King of Pop soll jahrelang Kinder missbraucht haben. Die Vorwürfe sind nicht neu. Nun wirft sie der Dokumentarfilm «Leaving Neverland» aber erneut auf.

Die Gäste des «Club» diskutierten am späten Dienstagabend darüber, und ob man Kunst getrennt vom Künstler betrachten soll.

Im Studio waren:

Hier die wichtigsten Punkte der Sendung:

Kritik am Film

Der Film fokussiert auf zwei Männer, James Safechuck, inzwischen 40 Jahre alt, und Wade Robson, inzwischen 37 Jahre alt und ihre Familien. Beide erzählen darin, der King of Pop habe sie als Kinder sexuell missbraucht.

«Wo sind die Köche, die anderen Personen, die auf Neverland Zeit verbrachten oder Jacksons Familie? Warum hat man die nicht befragt?»

Elisabeth Bronfen kritisiert die Doku

Im «Club» werden sich die meisten in folgendem Punkt einig: Die Dokumentation sei zu einseitig, nicht differenziert genug. In einer vierstündigen Doku müsse es möglich sein, dass auch die Gegenseite zur Rede kommt. Ausserdem würden bei den Aussagen der mutmasslichen Opfer nicht genügend kritische Nachfragen gestellt.

So fragt etwa Elisabeth Bronfen, Kultur- und Literaturwissenschaftlerin: «Wo sind die Köche, die anderen Personen, die auf Neverland Zeit verbrachten oder Jacksons Familie? Warum hat man die nicht befragt?» Staatsanwalt Wyss sagt: «Wäre Michael Jackson noch am leben und würde ihm abermals der Prozess gemacht, würde sich diese mediale Berichterstattung wohl strafmindernd für ihn auswirken.»

Regula Schwager von Castagna, Beratungsstelle für ausgebeutete Kinder und Jugendliche, hält die Aussagen der beiden Männer für glaubwürdig: «Die Geschichten hören sich für mich ähnlich an, wie diejenigen, die ich in meiner Arbeit zu hören bekomme. Es geht wie oft auch um eine gewisse Abhängigkeit der Opfer zu ihren Peinigern.» Es sei auch typisch, dass die Opfer erst Jahre später sprechen, sei es aus der Abhängigkeit heraus, aus Angst oder Scham. Auch dass nach Jahren oder Jahrzehnten gewisse Daten verwechselt würden oder keine Beweise für den Missbrauch vorliegen, sei oft der Fall.

«Die Geschichten hören sich für mich ähnlich an, wie diejenigen, die ich in meiner Arbeit zu hören bekomme.»

Regula Schwager hält die Aussagen der mutmasslichen Opfer für glaubwürdig.

Schwager hält zudem Michael Jackson für «psychopathologisch auffällig»: «Auch wenn die Vorwürfe nicht stimmen sollten, er war eine sehr auffällige Person, die nächtelang Zeit mit Kindern in seinem Zimmer verbrachte.» Bestreiten tue dies auch Jacksons Familie nicht.

Sehr fragwürdig finden alle, dass die Eltern ihre Söhne im gleichen Zimmer, beziehungsweise sogar im selben Bett schliefen liessen. Sie seien zum Teil sicherlich geblendet von Ruhm und Geld gewesen, sind die «Club»-Gäste überzeugt. Als auffällig wertet die «Club»-Runde auch eine gewisse Ambivalenz: Im Film erzählt Wade Robson, er sei als Junge verliebt in Michael Jackson gewesen.

This image released by HBO shows a young Wade Robson shaking hands with pop icon Michael Jackson in 1987, in a scene from the documentary

Wade Robson, eines der mutmasslichen Opfer des King of Pop, schüttelt ihm die Hand, 1987. Bild: AP/HBO

Jackson-Fan Ueli Meier hegt starke Zweifel an den Vorwürfen: «Man hat bereits zu Lebzeiten von Michael Jackson genau hingeschaut und ihm den Prozess gemacht – er wurde freigesprochen.» Meier erinnert daran, dass die zwei Männer, die ihn nun in der Dokumentation beschuldigen, bei einem ersten Prozess zu seinen Fürsprechern gehörten.

Fertig «Thriller»?

Britische und skandinavische Radiostationen spielen Jacksons Musik vorübergehend nicht mehr. In Bezug zur Legitimität seines Vermächtnisses scheiden sich in der SRF-Sendung die Geister. Regula Schwager behält ihre Jackson-CDs momentan in einem Schrank unter Verschluss: «Ich finde sein Werk grossartig, aber momentan möchte ich mir seine Lieder nicht anhören.»

Sie spricht sich für eine gewisse Frist bei Radiostationen aus: «Dass zum Beispiel über drei Monate lang keiner seiner Songs gespielt wird, aus Respekt gegenüber Betroffenen von sexueller Gewalt.» Denn die Belastung, die diese ganze Diskussion für Opfer von sexueller Gewalt auslöse, sei nicht zu unterschätzen. Auch insbesondere, dass die Aussagen der zwei mutmasslichen Opfer immer wieder in Frage gestellt werden.

«Mein Bäcker kann etwas ganz Schlimmes gemacht haben und ich kaufe trotzdem, ohne davon etwas zu wissen, bei ihm mein Brot. Deshalb muss man auch Künstler klar getrennt von ihrem Werk ansehen.»

Martin Wyss

Zur Sprache kommen auch die Missbrauchs-Vorwürfe gegenüber Regisseur Roman Polanski. Oder James Brown, der «I Feel Good»-Sänger, der im Gefängnis sass, weil er seine Frau verprügelte. Den Werken dieser beiden Künstler wird immer noch viel Ehre gebührt. Immer häufiger werden Künstler wegen ihres privaten Verhaltens aber geächtet. Beispielsweise Kevin Spacy. Der Schauspieler wird der sexueller Belästigung bezichtigt und wurde deshalb aus der Erfolgsserie «House of Cards» verbannt und sechs Wochen vor Erscheinungsdatum kurzerhand aus einem Film geschnitten.

Doch ist es richtig, das Böse und die Bösen aus der Kunst zu verbannen? Wyss, Bronfen und Facon tendieren eher dazu, dies als Zensur anzusehen. Wyss weist darauf hin, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Straftäter wider integriert werden. «Mein Bäcker kann etwas ganz Schlimmes gemacht haben und ich kaufe trotzdem, ohne davon etwas zu wissen, bei ihm mein Brot.» Deshalb gilt für ihn: «Auch Künstler muss man klar getrennt von ihrem Werk ansehen.» (kün)

Der «Club» und die der Dokumentarfilm «Leaving Neverland» könnt Ihr auf www.srf.ch/club nachschauen.

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Michael Jacksons Neverland Ranch

Der Jackson Clan ist wütend über die «Leaving Neverland»-Doku

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