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Am Konzert auf der Piazza Manzoni werden ukrainische Flahnen geschwenkt.
Am Konzert auf der Piazza Manzoni werden ukrainische Flahnen geschwenkt. bild: watson

«Habe ein grösseres Chaos erwartet»: 5 Dinge, die in Lugano aufgefallen sind

Am Montag und Dienstag findet in Lugano die Ukraine-Konferenz statt. Ein Stimmungsbericht aus einer Stadt, die gar nicht mal so stark im Ausnahmezustand ist.
05.07.2022, 05:0906.07.2022, 11:52

Die Sonne zeigt sich pünktlich

Oben beim Bahnhof Lugano kann man bei einem Espresso für 2.30 Franken eine wunderbare Aussicht geniessen. Über die Stadt, über den blau schimmernden See und die saftig grünen Hügel. Die Heimat von Bundespräsident Ignazio Cassis ist wahrlich postkartentauglich. Besonders dann, wenn die Sonne scheint.

Und das tut sie. Pünktlich zum Auftakt der Ukraine-Konferenz verziehen sich die Regenwolken. Schnell können die Regenschirme über Ursula von der Leyen, Denys Schmyhal und Cassis zugeklappt werden.

Beim Spaziergang durch den fein herausgeputzten Parco Ciani kann der Tessiner seinen Gästen ein Lugano zeigen, das sich von seiner besten Seite präsentiert. Die Fotos mit den Konferenz-Teilnehmenden werden bei Sonnenschein gemacht. Perfektes Standortmarketing, denn diese Bilder werden um die Welt gehen.

Bei der Begrüssung von Ursula von der Leyen braucht es noch Regenschirme.
Bei der Begrüssung von Ursula von der Leyen braucht es noch Regenschirme.Bild: keystone
Doch schon bald stellt Cassis fest: Es regnet nicht mehr.
Doch schon bald stellt Cassis fest: Es regnet nicht mehr. Bild: keystone
Bei Sonnenschein kann er den Gästen seine Heimat zeigen.
Bei Sonnenschein kann er den Gästen seine Heimat zeigen.Bild: keystone
Das Gruppenfoto bei perfektem Wetter, ehe es am Abend noch einmal ein kräftiges Gewitter gibt.
Das Gruppenfoto bei perfektem Wetter, ehe es am Abend noch einmal ein kräftiges Gewitter gibt.Bild: keystone

Grosses Sicherheitsaufgebot

Am Bahnhof wird schnell klar, dass in Lugano etwas anders ist als sonst. Zahlreiche Polizisten patrouillieren auf den Perrons. Wie hoch die Sicherheitskosten für die Ukraine-Konferenz sein werden, kann noch nicht genau gesagt werden. Cassis sprach zuletzt von mehreren Millionen.

Zahlreiche Polizisten bewachen den Bahnhof von Lugano.
Zahlreiche Polizisten bewachen den Bahnhof von Lugano.bild: watson

Die Hauptverantwortung für die Sicherheit liegt bei der Tessiner Kantonspolizei. Unterstützt wird sie von bis zu 1600 Armeeangehörigen und Polizisten aus anderen Kantonen. Dies ist auch der Grund, weshalb sich die Polizisten am Bahnhof zu einem grossen Teil auf Schweizerdeutsch unterhalten.

Runter in die Altstadt geht es per Funicolare. Auch dort ist das Aufgebot an Sicherheitskräften gross. Die Polizei steuert mit ihren Einsatzwagen durch die engen Gassen der Stadt.

Ein Polizeiauto quetscht sich durch die Altstadt-Gassen.
Ein Polizeiauto quetscht sich durch die Altstadt-Gassen.bild: watson

Immer wieder wird es ohrenbetäubend laut. Dann nämlich, wenn einer der Militärhelikopter tief über die Stadt fliegt. Das Geräusch ratternder Rotoren ist omnipräsent. Auf dem See sind zwei Boote der Seepolizei unterwegs, unterstützt werden sie durch die Grenzwache.

Touristen wissen nicht, was vor sich geht

Zu behaupten, ganz Lugano befinde sich im Ausnahmezustand, wäre falsch. In der Altstadt und etwas ausserhalb nimmt das Leben seinen normalen Lauf. Touristen schlendern in Gruppen der Seepromenade entlang, Einheimische trinken ihren «Caffè» in der Stammbar, Schulklassen aus der Deutschschweiz bevölkern Bahnhof und Busse.

Für die Bevölkerung ist nur ein relativ kleiner Teil der Stadt abgesperrt. Dieser befindet sich rund um den Parco Ciani. Der Rest ist frei begehbar. Am Schiffssteg, wo die Ausflugsboote nach Melide, Morcote und Co. ablegen, herrscht gegen Mittag reger Betrieb. Der Ticket-Verkäufer meint, die Konferenz störe ihn überhaupt nicht. Es habe so viele Touristen wie auch sonst. «Heute ist ein normaler Tag wie immer», sagt er lachend.

Touristen besteigen ein Ausflugsboot am Lago di Lugano. Nur ein kleiner Teil des Sees ist abgesperrt.
Touristen besteigen ein Ausflugsboot am Lago di Lugano. Nur ein kleiner Teil des Sees ist abgesperrt.bild: watson

Beim Hotel-Eingang hängt gut sichtbar ein Schild mit der Aufschrift «completo». Sie seien tatsächlich ausgebucht, teilt die Frau an der Rezeption mit. Aber in anderen Hotels gebe es trotz der Konferenz immer noch Zimmer. «Ich habe ein viel grösseres Chaos erwartet», sagt sie. Tatsächlich sind von Montag auf Dienstag immer noch Hotelzimmer zu einem einigermassen erschwinglichen Preis zu haben. Ein grosser Unterschied etwa zum WEF, bei dem für Übernachtungen regelrechte Fantasiepreise bezahlt werden müssen.

Die Touristen scheinen grösstenteils nicht gewusst zu haben, dass in Lugano eine internationale Konferenz stattfindet. Eine Reisegruppe aus Ungarn wirkt völlig überrascht, als wir davon erzählen.

Überhaupt nicht mit einer Konferenz gerechnet haben auch Mikhail und Polina. Und das, obwohl sie aus der Ukraine kommen. Nach Ausbruch des Krieges sind sie in die Schweiz geflüchtet und arbeiten nun auf einem Bauernhof im Thurgau. Ihren freien Tag wollten sie nutzen, um Lugano zu besuchen und ein Bad im See zu nehmen. Doch das geht nicht. «Wir wollten da vorne ins Wasser steigen, doch es ist alles abgesperrt», erzählt Mikhail, der aus Krementschuck stammt. Jener Stadt, in der kürzlich ein Einkaufszentrum von den Russen zerbombt wurde. Als sie hören, dass im Park nebenan der Wiederaufbau der Ukraine organisiert wird, ist der Frust über den verpassten Schwumm schnell verflogen. Das finden sie natürlich eine gute Sache.

Mikhail und Polina wollten im Lago di Lugano ein Bad nehmen ...
Mikhail und Polina wollten im Lago di Lugano ein Bad nehmen ...bild: watson
... doch sie trafen auf einen unüberwindbaren Stacheldraht.
... doch sie trafen auf einen unüberwindbaren Stacheldraht.bild: watson

Kleine Aktionen für die Bevölkerung

Gänzlich hinter verschlossenen Gittern findet die Konferenz nicht statt. Mit einem Rahmenprogramm will Cassis die Einheimischen teilhaben lassen am diplomatischen Grossevent. An der Seepromenade sind mehrere Informationstafeln aufgestellt, auf denen zu sehen ist, was das Tessin mit der ukrainischen Hafenstadt Odessa verbindet. Ein Publikumsmagnet sind diese Tafeln jedoch nicht.

Auf der Piazza Manzoni, mitten in der Altstadt, finden sowohl am Montagabend als auch am Dienstagabend Konzerte statt. Die Leute kommen denn auch tatsächlich. Als um 21 Uhr Dakhabrakha auftritt, ein World Music Quartet aus Kiew, ist der Platz gut gefüllt. Im Publikum sind überall ukrainische Fahnen zu sehen.

Am Abend findet mitten in Lugano ein Konzert einer ukrainischen Band statt. Es zieht viele Leute an.
Am Abend findet mitten in Lugano ein Konzert einer ukrainischen Band statt. Es zieht viele Leute an.bild: watson

Der Medienrummel hält sich in Grenzen

Rund 270 Journalisten hätten sich für die Konferenz akkreditiert, teilt man uns beim Medien-Center mit. Zum Vergleich: Als sich vor einem Jahr Joe Biden mit Wladimir Putin in Genf traf, reisten 1500 Journalisten an. Beim Point de Presse mit Cassis und Simonetta Sommaruga ist der Raum dennoch sehr gut gefüllt. Zumindest die schweizerische Presse ist sehr interessiert an der Konferenz in Lugano.

Das Medienzentrum ist während des Höhepunkts – Wolodymyr Selenskyjs Videoansprache – etwa zu einem Drittel gefüllt.
Das Medienzentrum ist während des Höhepunkts – Wolodymyr Selenskyjs Videoansprache – etwa zu einem Drittel gefüllt.bild: watson

Dennoch wird schnell klar: Hier in Lugano ist alles etwas kleiner als beim russisch-amerikanischen Gipfel in Genf. Die Veranstalter um Cassis hätten sich vielleicht ein paar Autokorsos, Presseteams und Delegationen mehr gewünscht. Die Bewohnerinnen Luganos können ob des eher bescheidenen Ausmasses der Konferenz hingegen glücklich sein. Sie werden Zeugen eines möglicherweise historischen Moments, ohne in ihrem Alltag gross eingeschränkt zu sein.

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