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Christian beim Canal Saint-Martin: Der Schweizer lebt sei zwei Jahren auf den Strassen von Paris. Christian Page

Er ist der Twitter-König von Paris, er ist Schweizer – und er ist obdachlos

Der Schweizer Christian, 44, lebt seit zwei Jahren in Paris auf der Strasse. Er twittert regelmässig über die Politik in Frankreich und erreicht mit seinen Posts mehr als 10’000 Follower. In der Tageszeitung «Libération» kommt er seit Anfang der Präsidentschaftskampagne regelmässig zu Wort – als einer der Vertreter von «France invisible», dem unsichtbaren Frankreich. 



*Der Text entspricht Christians Erzählungen. Diese wurden übersetzt und von der Journalistin textlich wiedergegeben.

Ich bin in der Walliser Gemeinde Bouveret geboren, im Oktober 1972. In meinem Leben gab es einen Schlüsselmoment. Das war die Trennung von meiner Frau. Ich fiel in eine tiefe Depression, hing aus lauter Antriebslosigkeit meinen Job an den Nagel. Von da an hatte ich Anspruch auf die soziale Mindestsicherung RSA (Revenu de solidarité active), für mich sind das rund 500 Euro im Monat. Mein damaliger Mietzins betrug 700 Euro.

«Wie kann es sein, dass 143'000 Franzosen obdachlos sind und Fillon in Luxus-Anzügen im Wert von mehreren Tausend Euro rumläuft?»

Lange Rede, kurzer Sinn: Vor zwei Jahren, am 17. April 2015, bin ich aus meiner Wohnung geschmissen worden. Und habe so mein Leben auf den Pariser Gassen begonnen.

Zum Glück fand ich schnell copains, die mir beibrachten, wie man dieses Leben meistert.

Zur Person

Christian ist im Wallis aufgewachsen. Er absolvierte eine Lehre als Weinkellner, lebte später eine Zeitlang in Zürich. Seit er 1994 einen coup de coeur für Paris hatte, wohnt er dort. Er ist schweizerisch-französischer Doppelbürger. Auf seinem Twitter-Account @Pagechris75 folgen Christian derzeit über 10'500 Menschen. Er gilt als bekanntester Obdachloser Frankreichs. Diese Präsenz will er nutzen, um auf die Anliegen der sans-abri aufmerksam zu machen. Der Akku seines Smartphones lädt er jeweils in Zentren für Obdachlose auf.

Ein Freund beeindruckte mich besonders. Er schaffte es immer, einen kleinen Job zu finden, und sich so über Wasser zu halten. Ich hingegen fand niemanden, der mich anstellen wollte. Irgendwann erklärte er mir, er nutze Twitter für seine Jobsuche. Mein Kollege publizierte dort jeweils Posts in denen er schrieb, dass er Zeit zum Aushelfen habe – und es funktionierte.

«Angriff ... Mein Kollege musste teuer bezahlen. Letzte Nacht wurde er angegriffen, ohne sich verteidigen zu können ... die traurige Realität der Strasse ...»

Das faszinierte mich. Ich war überzeugt, dass man Twitter auch nutzen konnte, um auf das Schicksal von uns Obdachlosen aufmerksam zu machen. Ein Smartphone hatte ich bereits, und mit dem Geld von der RSA auch das Budget für ein 5-Euro-Abonnement mit Internetzugang. Also eröffnete ich im April 2016 meinen Twitter-Account. Seither führe ich dort eine Art Tagebuch, angereichert mit Kommentaren zu Aktualität und Politik.

«Weisst du, ich habe diese vielleicht illusorische Überzeugung, dass ich mit meinen Beiträgen etwas verändern kann.»

Am Anfang lief es harzig, meine Tweets wurden nicht gross beachtet. Das blieb so bis zu einer eisigen Nacht im Dezember.

Damals schliefen ich und mein guter Freund Ervé vor einem Jugendzentrum im dixième arrondissement. Am Morgen spritzte uns ein Mitarbeiter des Zentrums mit einem Gartenschlauch mit voller Wucht ab – was für ein connard. Ich zückte mein Handy und fotografierte unsere durchnässten Schlafsäcke. Dann twitterte ich das Bild. Es wurde über 400 mal retweetet. Am nächsten Tag rief sogar die Stadtverwaltung an und schickte zwei Beamte mit Decken zu uns. Das hat mir viel bedeutet.

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Christian kämpft für die Rechte der Obdachlosen in Frankreich.  bild: zvg

Ab dann folgten mir plötzlich Hunderte, später Tausende Menschen auf Twitter, und Pariser Journalisten kontaktierten mich für Interviews. Seit Anfang der Präsidentschaftskampagne kann ich in der Zeitung Libération alle zwei, drei Wochen meine Meinung zu den Wahlen kundtun. Das wird dann in einem Dossier mit Namen France invisible veröffentlicht.

«Seit Abbé Pierre gestorben ist, haben wir niemanden mehr, der sich in der Öffentlichkeit für uns einsetzt.»

Weisst du, ich habe diese vielleicht illusorische Überzeugung, dass ich mit meinen Beiträgen – sei es in den traditionellen Medien oder auf Twitter – etwas verändern kann. Damit sich unsere Lebensumstände verbessern.

Vor allem Leute wie François Fillon gehören angeprangert. Wie kann es sein, dass Monsieur Anzüge im Wert von mehreren Tausend Euro trägt, aber es in Frankreich 143’000 Menschen gibt, die kein Dach über dem Kopf haben? Zum Glück gibt es Hilfsorganisationen, die uns mit Essen und Hygieneartikel versorgen. Der Staat aber lässt uns im Stich.

Immer wieder hört man in den Medien, dass es zwischen der Bevölkerung und der «Elite» eine Kluft gebe. Das stimmt. Hier in Paris habe ich den Eindruck, dass viele genervt sind von dem Wahlkampf. Und auch, dass sie sich nicht getrauen, über ihre Ansichten zu sprechen. Denn die Kampagnen waren zu boulevardesk, die Skandale zu gross. Das macht sich in der Stimmung der Bevölkerung bemerkbar.

Viele sans-abri denken, dass zu viel Staatsgelder an Flüchtlinge gehen. Sie haben das Gefühl, dass man sie, die Franzosen, auf der Strasse, vergisst. Und so wünschen sich die meisten Marine Le Pen als Präsidentin.

Meine Freunde und ich sehen das anders. Nicht die Menschen, die nach Frankreich kommen, um sich vor dem Krieg zu retten, tragen die Schuld an unserer Misere. Schuld ist das Missmanagement der Regierung.

«Viele Franzosen sind genervt von den Kampagnen. Und viele trauen sich nicht, über ihre Ansichten zu sprechen.»

Ich hoffe, Mélenchon gewinnt. Ihn habe ich an Veranstaltungen der Stiftung von Abbé Pierre auch schon getroffen. Wir duzen uns. Ein netter Mann, der uns sans domicile fixe gut tun würde.

Die Chancen von Macron, dem kleinen Prinzen, halte ich für überschätzt. Ihn würde ich auch lieber nicht in der Stichwahl sehen.

Hamon? Der hat die wohl schlechteste Kommunikationsabteilung aller Kandidaten. Er existiert in der ganzen Debatte mittlerweile ja praktisch nicht mehr, dabei war er bei den Vorwahlen des Parti socialiste der Hoffnungsträger vieler Franzosen.

«Für einmal bin ich mit Emmanuel Macron einverstanden. Eigentlich geht er ja dem ältesten Gewerbe der Welt nach ... der Politik.»

Das Albtraum-Szenario bleibt Le Pen versus Fillon. Wir machen uns doch lächerlich mit solchen Kandidaten. Die respektieren ja nicht einmal die Justiz des Landes, das sie zu regieren anstreben.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gummibär 20.04.2017 21:41
    Highlight Highlight Eine anstrengende Weise sich 500 Euro im Monat zu beschaffen - aber eine selbstgewählte. Immerhin hat er seine wahre Berufung gefunden, die Politik.
  • juba 19.04.2017 23:40
    Highlight Highlight "textlich" !
  • SVARTGARD 19.04.2017 22:24
    Highlight Highlight Starker Tobak.
  • Spooky 19.04.2017 18:39
    Highlight Highlight Für Leute wie Christian spielt es absolut keine Rolle, ob Le Pen an die Macht kommen wird oder Mélanchon. Für die Politiker jeder Richtung sind die SDF (die Obdachlosen) nach den Wahlen irrelevant. Im Moment wird Christian anscheinend von Libé benutzt, um Stimmen zu gewinnen. Nach den Wahlen wird Christian sowohl von den Politikern als auch von den Journalisten fallen gelassen werden.

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