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In Europa hat niemand Lust auf Sanktionen gegen Serbien

Kosovo's President Vjosa Osmani speaks during and interview with The Associated Press in the capital Pristina, Friday, Sept. 29, 2023. Kosovo police on Friday raided several locations in a Serb-d ...
Kosovos Präsidentin Vjosa Osmani bei einem Interview in Pristina, 29. September 2023.Bild: AP

Pristina läuft auf: In Europa hat niemand Lust auf Sanktionen gegen Serbien

Während die EU die Attacke serbischer Paramilitärs im Nordkosovo als «Terroranschlag» verurteilt, sind Sanktionen gegen Belgrad kein Thema. Auch Bundespräsident Alain Berset vermeidet es, offene Kritik an Serbien zu äussern.
05.10.2023, 23:14
Remo Hess, Granada / ch media
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«Reden? Für was denn» – Kosovos Präsidentin Vjosa Osmani machte gleich bei Ankunft in der südspanischen Stadt Granada klar, dass sie kein Interesse an einem Gespräch mit Serbiens Präsident Alexander Vucic hat. Immerhin haben sich die beiden schon bei ihrem letzten Austausch im Rahmen des Gipfels der sogenannten «Europäischen Politischen Gesellschaft» (EPC) vor allem Beleidigungen an den Kopf geworfen.

Zum Treffen der EPC mit über 40 europäischen Staats- und Regierungschefs kam Osmani deshalb mit einer glasklaren Forderung: «Ich bin hier, um unsere europäischen Verbündeten zu bitten, Serbien mit Sanktionen zu belegen». Die «terroristischen Angriffe» serbischer Paramilitärs im Nordkosovo, für den sie die Vucic-Regierung direkt verantwortlich macht, dürften nicht ohne Folgen bleiben, so Osmani.

Allein: Die Staats- und Regierungschefs liessen die Kosovarin auflaufen. Nur gerade Albanien, dessen Ministerpräsident Edi Rama schon vergangene Woche die EU um eine entschiedene Reaktion auf den Angriff bat, unterstützt offen die Verhängung von Sanktionen. Für die Schweiz vermied es Bundespräsident Alain Berset, eindeutig Position gegen Serbien zu beziehen und verzichtete auf öffentliche Kritik.

Er habe Präsident Vucic vor zwei Wochen in New York bei der UNO-Generalversammlung getroffen und Kosovos Premier Albin Kurti wenige Tage später in Bern. Es sei wichtig, dass weiter miteinander gesprochen werde. Für die Schweiz sei eine stabile und friedliche Lösung im Kosovo von «zentralem Interesse». Wegen der grossen Diaspora betreffe der Konflikt die Schweiz direkt, so Berset.

Vorwürfe an den EU-Aussenbeauftragten

Auch wenn Serbiens Präsident Vucic vorläufig nicht mit scharfen Strafmassnahmen zu rechnen hat, wurde er von verschiedenen Staatschefs in die Mangel genommen. Neben dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron redete auch der britische Premier Rishi Sunak auf den Serben ein. Er erwarte «schwierige Gespräche», sagte Vucic bei der Ankunft in Granada.

Ausserdem dankte er laut serbischen Medien Spanien für die Unterstützung in der «Kosovo-Frage». Tatsächlich gehört das Gipfel-Gastgeberland Spanien zu jenen fünf EU-Staaten, die Kosovos Unabhängigkeit als eigener Staat nicht anerkennen. Der EU-Aussenbeauftragte Josep Borrell, selbst Spanier, muss sich von kosovarischer Seite schon länger anhören lassen, kein neutraler Vermittler im von Brüssel moderierten Belgrad-Pristina-Dialog zu sein. Ob dieser überhaupt noch fortgesetzt werden kann, steht aktuell auf der Kippe.

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Der serbische Präsident Aleksandar Vucic an einer Pressekonferenz in Belgrad am 24. September 2023.Bild: EPA SERBIAN PRESIDENCY

Osmani wirft Vucic vor, das Gesprächsformat zu missbrauchen. Anstatt an der Normalisierung der Beziehungen Serbien-Kosovo, nutze Vucic den Dialog, um sein eigenes Image vor der internationalen Gemeinschaft reinzuwaschen. Vucic sei aber kein normaler Staats- und Regierungschef, sondern ein Aggressor wie damals Slobodan Milosevic, dessen Propagandaminister er bekanntlich gewesen sei. Zur Bereitschaft, sich künftig mit Serbien an einen Tisch zu setzen, sagt Osmani: «Zuerst die Sanktionen und dann reden wir über den Rest.»

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22 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Majoras Maske
06.10.2023 00:28registriert Dezember 2016
Da die Nato noch immer im Kosovo positioniert ist, glaube ich, dass Serbien kaum angreifen wird. Gleichzeitig denke ich, dass die Normalisierung der Beziehung dieser beiden Staaten noch Generationen braucheh wird. Und das ist schade, denn es ist fe facto zum beiderseitigen Schaden.
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cucumberworld
06.10.2023 07:32registriert September 2019
Glaube kaum, dass Länder wie Spanien und Griechenland irgendwelche Sanktionen beschliessen, wenn sie den Staat nicht mal anerkennen.
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Bauchgrinsler
06.10.2023 00:29registriert Mai 2021
Für mich nur eine Frage der Zeit bis Serbien eine 'Spezialoperation' startet.... leider. Von den Russen abgeschaut mit fast den gleichen Argumenten. Und wieder zögern alle mit Massnahmen. Muss sich alles wiederholen?
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