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Turkish Sportminister Akif Cagatay Kilic attends a protest for Turkish President Tayyip Erdogan in a pro-government protest in Cologne, Germany July 31, 2016. REUTERS/Thilo Schmuelgen

Minister Kilic bei einem Auftritt auf einer pro-türkischen Demonstration in Köln. Auf kritische Fragen zum versuchten Putsch und den Verhaftungen von Journalisten in der Türkei soll Kilic mit der Konfiskation des Videomaterials reagiert haben. Bild: THILO SCHMUELGEN/REUTERS

Eklat in der Türkei: Minister lässt nach Interview mit deutschem TV-Sender den Film beschlagnahmen

Als ob die Türkei nicht zur Genüge wegen ihrem Umgang mit der Pressefreiheit kritisiert würde, leistet sich der türkische Sportminister jetzt auch noch einen Fauxpas. Ausgerechnet nach dem Interview mit einem deutschen Sender.



Nach Angaben der «Deutschen Welle» (DW) liess der türkische Minister für Jugend und Sport, Akis Cagatay Kilic, Filmmaterial von einem Interview beschlagnahmen, das der deutsche Auslandsender mit ihm führte.

Beim Gespräch habe Interviewer Michel Friedman dem Minister unter anderem Fragen zum gescheiterten Putsch in der Türkei, zur Situation der Medien, der Stellung der Frauen in der türkischen Gesellschaft gestellt, heisst es auf der Internetseite der «Deutschen Welle». Zudem habe er ihn Stellung nehmen lassen zu mehreren Zitaten von Staatspräsident Erdogan.

Als das Interview beendet war, passierte etwas Überraschendes: Sobald Kilic den Raum verlassen habe, habe sein Pressesprecher dem Filmteam eröffnet, das Gespräch dürfe nicht gesendet werden. Darauf hätten Friedman und sein Kollege protestiert, worauf Mitarbeiter des Ministers das Videomaterial konfisziert hätten.

Der Minister erinnert sich leicht anders

Der Minister selbst erinnerte sich leicht anders an den Vorfall: Auf Twitter bestritt Kilic, dass das Interview beschlagnahmt worden sei. Solche Berichte entsprächen nicht der Wahrheit. Man habe lediglich gefordert, das Interview nicht auszustrahlen. Die «Deutsche Welle» müsse diesem Wunsch nach Autorisierung nachkommen.

Der Sprecher der «Deutschen Welle» bezeichnete diese Behauptung als «schlichtweg abenteuerlich». «Wenn das Videomaterial nicht unrechtmässig konfisziert worden wäre, hätte die DW das Material noch und könnte die Sendung wie geplant ausstrahlen», teilte Jumpelt mit. «Eine Abnahme des Interviews stand vor und während der Aufzeichnung nie zur Debatte. Diese vermeintliche Verpflichtung ist eine freie Erfindung des türkischen Ministers für Jugend und Sport

«Das Team der DW hat das Material keineswegs aus freien Stücken an die Vertreter des türkischen Ministeriums übergeben», hiess es weiter. «Dies geschah vielmehr unter unmissverständlichem Druck.» Das Interview mit dem Minister hatte Michel Friedman am Montagabend für eine Sendung der «Deutschen Welle» geführt.

«Nötigung durch die türkische Führung»

DW-Intendant Peter Limbourg hatte den Vorfall als «neuen eklatanten Verstoss gegen die Pressefreiheit in der Türkei» kritisiert: «Was wir hier erleben, erfüllt den Tatbestand der Nötigung durch die türkische Führung. Das hat mit Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nichts mehr zu tun.» Es könne nicht sein, dass ein Minister bereitwillig ein Interview gebe und dann dessen Ausstrahlung verhindern wolle, «weil ihm die Fragen nicht gepasst haben».

Özdemir ist der Co-Chef der deutschen Grünen Partei. mit #BuReg ist die deutsche Regierung gemeint. 

Die «Deutsche Welle» forderte die türkischen Behörden zur sofortigen Herausgabe des Videomaterials auf. Sie prüfe zudem mögliche rechtliche Schritte. Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) forderte die türkischen Behörden auf, das beschlagnahmte Material unverzüglich herauszugeben. «Das ist der schwerstmögliche Angriff auf die Pressefreiheit, wie wir ihn nur aus Diktaturen kennen», kritisierte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Das deutsche Aussenministerium müsse sich einschalten. (trs/sda/dpa)

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8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Fumo 07.09.2016 10:25
    Highlight Highlight Warum fragt man überhaupt einen Minister für Jugend und Sport nach Angelegenheiten die nicht in seiner Kompetenz fallen?
    Finde solch ein Verhalten seitens des Journalisten dreist und unprofessionell. Der Minister hätte aber auch gleich die Fragen nicht beantworten sollen und darauf aufmerksam machen dass es nicht seine Baustelle ist.

    Aber, im 21. Jahrhundert kann man noch einfach so einen Interview beschlagnahmen? Ich hätte da gleich alles in Echtzeit auf mehrere Datenträger und Clouds synchronisieren lassen.
  • rodolofo 07.09.2016 09:22
    Highlight Highlight Ist doch klar, was da lief:
    Dem Minister waren die Fragen zu heikel!
    Nach dem Gespräch ist ihm klar geworden, dass ihn seine Antworten in die Bredouille bringen könnten.
    In der gegenwärtigen Hetzjagd gegen PKK-Terroristen und Gülen-Anhänger kann jede unüberlegte Aussage dazu führen, dass jemand in den Knast wanderst oder die Stelle verliert.
    Das ist die Türkische "Verteidigung der Demokratie":
    Sie führt zu "Nordkoreanischen Verhältnissen"...
  • Asmodeus 07.09.2016 07:43
    Highlight Highlight Friedman ist alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse (mir fallen eher nur Beleidigungen ein) und ich bin mir absolut sicher, dass er das Interview zur Stimmungsmache nutzen wollte.
    Trotzdem ist das Vorgehen der Türken absolut übertrieben.

    Handkehrum scheint Friedman auch keinen Hehl daraus zu machen, dass er das Interview auch gegen den Willen des Ministers ausgestrahlt hätte und meines Wissens ist das ebenfalls nicht Rechtens.

    Der Interviewte hat im Normalfall immer das Recht selber zu entscheiden ob es so nun veröffentlicht werden darf oder nicht.
  • Scaros_2 07.09.2016 07:30
    Highlight Highlight Gibt es den noch keine Kameras die Cloud anbindung haben? :D
    • TheCloud 07.09.2016 07:43
      Highlight Highlight Natürlich gibt es die Kameras, und für ältere Modelle gibt es Speicherkarten, die direkt hochladen.
      In solchen Ländern ist das ein absolutes Muss.
    • Taeb Neged 07.09.2016 08:06
      Highlight Highlight Die Datenmenge ist das Problem.
  • Fischra 07.09.2016 07:15
    Highlight Highlight Naja. In der Regel werden vor Interviews die Fragen abgesprochen oder es wird gesagt über was nicht geredet wird. Ich könnte mir vorstellen dass hier zu viel provoziert wurde von den Deutschen. Nichts gegen die Journalisten aber es kann so gewesen sein. Ich bin kein Fan von Erdogan und seinen Leuten. Aber manchmal gehen auch andere zu weit. Bei uns wird dann halt einfach das Interview abgebrochen und beendet.
    • Ragnarok 07.09.2016 07:31
      Highlight Highlight Wenn man zu etwas nicht Stellung nehmen will sagt man nichts oder bricht das Interview ab, normale gesittete Reaktion. Etwas beantworten/sagen und danach alles konfizieren ist für mich keine natürliche Reaktion. Da wird wohl jmd gefunden haben das er zuviel oder etwas falsches gesagt hat..

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