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Das berichten ukrainische Elite-Soldaten von der Front in Bachmut

epa09780832 A shooting target depicting Russian President Vladimir Putin is on display during a training in shooting skills for civilians as part of creating a territorial defense system at the ' ...
Eine Putin-Zielscheibe: «Ein Schuss, ein Ziel».Bild: keystone

«Die Geister von Bachmut» – das berichten ukrainische Elite-Soldaten von der Front

20 ukrainische Elitesoldaten kämpfen in Bachmut als Spezialeinheit gegen russische Truppen. Die BBC hat sie bei einem Einsatz begleitet.
01.08.2023, 06:5007.09.2023, 08:13
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Ein Artikel von
t-online

Während die ukrainischen Streitkräfte derzeit versuchen, die Kontrolle über Bachmut zurückzugewinnen, hat die britische BBC einen Bericht veröffentlicht, in dem sie von den Erfahrungen eines berüchtigten Teams von Elitesoldaten aus der Stadt im Osten des Landes berichtet. Die ukrainischen Scharfschützen kämpfen seit sechs Monaten im Team gegen hochrangige russische Ziele. Sie agieren dabei geräuschlos und fast unsichtbar im Dunkeln der Nacht. An der Front sind sie als die «Geister von Bachmut» bekannt.

«Als wir damit begannen, Terror nach Bachmut zu bringen, bekamen wir den Namen 'die Geister von Bachmut'», erklärt der Kommandeur der 20-köpfigen Gruppe namens Ghost dem BBC-Team. Er habe jedes einzelne Teammitglied persönlich ausgewählt und betonte, dass für ihn nicht die militärische Erfahrung, sondern die «Menschlichkeit und der Patriotismus» seiner Soldaten zählten. Die Journalisten führt er zu einem Ort, den er als «Rand der Existenz» bezeichnet – den Stützpunkt der Gruppe am Rande der Stadt, der bereits in Reichweite russischer Artillerie liegt. Von dort aus ziehen die Scharfschützen in kleinen Teams nach Sonnenuntergang los.

FILE - A local resident places a vase with flowers on a broken window in his house damaged by the Russian shelling in Bakhmut, Donetsk region, Ukraine, Sunday , June 26, 2022.(AP Photo/Efrem Lukatsky, ...
Ein Bewohner der Stadt Bachmut.Bild: keystone
FILE - A Ukrainian soldier carries cartridges in war-hit Bakhmut, Donetsk region, Ukraine, Sunday, April 23, 2023. Ukrainian President Volodymyr Zelenskyy said Sunday, May 21, 2023 that Russian forces ...
Ein ukrainischer Soldat in Bachmut nach der Befreiung der Stadt.Bild: keystone

«Nur ein Narr hätte keine Angst»

524 russische Soldaten hat das Team nach eigenen Angaben schon getötet. «76 davon gehören mir», sagt der Anführer Gost. Von den eigenen Männern ist bislang noch keiner gestorben, auch wenn es schon viele Verletzungen gab. Das Team zeichnet jeden Schuss durch das Visier seiner Gewehre elektronisch auf.

Einer der Scharfschützen der Gruppe, der sich Kuzia nennt, erklärt: «Das ist nichts, worauf man stolz sein kann. Wir töten keine Menschen, wir vernichten den Feind.» Vor dem Krieg habe er in einer Fabrik gearbeitet. Er habe Waffen nie besonders gemocht, sich aber nach der Invasion Russlands gezwungen gefühlt, sie in die Hände zu nehmen. «Natürlich habe ich Angst – nur ein Narr hätte keine Angst», so Kuzia gegenüber der BBC.

Die Schilderung einer gefährlichen Mission von Männern verdeutlicht, wie riskant ihre Einsätze sind. An jenem Abend wird der Schütze von einem Beobachter sowie einem Fahrer und dem BBC-Team begleitet. Der Fahrer bringt die Männer so nah wie möglich an die Front in einem gepanzerten Humvee. Bevor sie losfahren, bekreuzigen sie sich, dann bringen die Schützen sich mit einem ukrainischen Rapsong in Stimmung. Der Song soll auch die Geräusche einschlagender Granaten während der Fahrt übertönen.

Der BBC-Reporter berichtet, wie der Fahrer mit hoher Geschwindigkeit über die Schlaglochpisten rast, vorbei an Minenfeldern und zerstörten ukrainischen Panzerfahrzeugen. Die Strecke werde von russischer Artillerie beschossen, erzählen die Ukrainer, daher müssten beim Fahren die Scheinwerfer ausbleiben.

«Ein Schuss, ein Ziel»

Dann geht es plötzlich schnell: Die Gruppe hält in der Nähe einer zerstörten Hausruine an. Die letzten Kilometer bis zum Ziel müssen sie zu Fuss zurücklegen. Das Team öffnet die Türen. Der Fahrer ruft ihnen noch «Gott sei mit dir» zu, dann verschwindet das Duo in die Dunkelheit. Der Fahrer mit dem Rufnamen Kusch sagt den Journalisten über seine Arbeit, dass die Gruppe zwar den Krieg nicht gewinnen oder gar Bachmut zurückerobern werde. Dennoch habe die unsichtbare «Jagd» auf die russischen Soldaten einen psychologischen Effekt auf den Feind.

Auch als das Scharfschützen-Duo zum Wagen zurückkommt, bleibt es dramatisch. Der BBC-Reporter berichtet, wie sich ein orangefarbener Blitz am Himmel entlädt und es laut knallt. Ein Granatsplitter zerreisst den hinteren Reifen ihres Gefährts. Es sei ein nervenaufreibendes Hin-und-Her-Humpeln zurück zur Basis gewesen.

Das Ziel der Mission war ein russischer Maschinengewehrschütze, der nahe der Frontlinie auf ukrainische Truppen geschossen habe. «Ein Schuss, ein Ziel»: fasst Kuzia dies zusammen.

Der Kommandeur der Gruppe hat mit einem weiteren Teammitglied an der Basis gewartet. Dort sollen sie sich nervös an ihre Funkgeräte geklammert haben, um Neuigkeiten von den Schützen zu erfahren. Als diese zurückkamen, habe Anführer Ghost seine siebenjährige Tochter angerufen und sie auf Lautsprecher gestellt. «Ich liebe dich, Papa» habe sie aufgeregt gerufen. Es sei ein kurzer Moment der Normalität gewesen. Dann aber sofort wieder Ernüchterung: Ghost habe ihr bereits beigebracht, wie man eine Waffe entsichert.

Nun wird das Team sich bis zum Einsatz in der nächsten Nacht ausruhen. «Jede Reise könnte unsere letzte sein, aber wir vollbringen eine edle Tat», sagt der Anführer Ghost gegenüber der BBC.

A Ukrainian soldier of the 28th brigade fires a grenade launcher on the frontline during a battle with Russian troops near Bakhmut, Donetsk region, Ukraine, Friday, March 24, 2023. (AP Photo/Libkos)
In den Schützengräben von Bachmut Bild: keystone
Ukrainian servicemen attend a farewell ceremony of their fallen comrade Nicholas Maimer, a U.S. citizen and Army veteran who was killed during fighting in Bakhmut against Russian forces, in Ukrajinka, ...
Verabschiedung eines Kameraden.Bild: keystone

Gegenoffensive bleibt bislang hinter Erwartungen zurück

Die Ukraine verteidigt sich mit westlicher militärischer Hilfe seit über 17 Monaten gegen den russischen Angriffskrieg. Die lang angekündigte ukrainische Gegenoffensive ist bisher hinter den hohen Erwartungen zurückgeblieben.

Im ostukrainischen Gebiet Donezk seien bei der russisch kontrollierten Stadt Bachmut weitere zwei Quadratkilometer hinzugekommen, hatte Kiew vergangene Woche mitgeteilt. Damit sind demnach seit dem Beginn der ukrainischen Gegenoffensive vor etwa acht Wochen insgesamt etwas mehr als 240 Quadratkilometer zurückerobert worden.

Russland kontrolliert einschliesslich der bereits 2014 annektierten Schwarzmeerhalbinsel Krim weiterhin mehr als 100'000 Quadratkilometer ukrainischen Staatsgebiets.

(t-online, aj, mit Material der dpa)

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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rodolofo
01.08.2023 07:47registriert Februar 2016
"...Die lang angekündigte ukrainische Gegenoffensive ist bisher hinter den hohen Erwartungen zurückgeblieben. ..."
Wir sollten in einem Krieg besser keine hohen Erwartungen haben und stattdessen jeden Tag feiern, an dem noch die Meisten am Leben geblieben sind und das Allerschlimmste ausgeblieben ist!
Denn dieses "Allerschlimmste" könnte immer noch kommen.
Mit der russischen Blockade der ukrainischen Getreide-Ausfuhren geraten verschiedene NATO-Anreiner-Staaten gefährlich nahe an diesen Konflikt. Und China beliefert die russische Armee (heimlich) mit Bauteilen und Dronen...
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_kokolorix
01.08.2023 11:21registriert Januar 2015
Zu jedem dümmlichen Hinweis, dass die Offensive nicht wie erhofft so aussieht, wie die in Charkiw, sollte die Erklärung folgen, warum das so ist. Wäre diese Offensive Anfang Winter erfolgt, wäre es wohl so gekommen. Die russen noch desorientiert vom Rückzug aus Cherson, damit beschäftigt ihre von putin angeordnete Winteroffensive vorzubereiten, wären vermutlich überrollt worden. Das zumindest prophezeite Girkin, und der hat sich nur selten geirrt.
Leider traf das Material, nach monatelangem gescholze erst im Frühling ein und die russen hatten ½ Jahr Zeit, kilometertief Minen zu legen.
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butlerparker
01.08.2023 10:59registriert März 2022
Ein eindrücklicher Bericht,der die Schrecken des Krieges verdeutlicht.Wie mag sich ein 7-jähriges Kind fühlen,daß bereits das Entsichern der Waffe gelernt hat?Wie sollen RUS+UA irgendwann einmal wieder als Nachbarn auch nur koexistieren können.Die Wunden werden hier nur sehr sehr langsam verheilen.

Hoffen wir,daß es nicht der Beginn einer "Erbfeindschaft wie zwischen F+D wird.Deren Ergebnis kennen wir zu enau.

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