Alle wissen, was Joe Biden beim letzten TV-Duell für einen Eindruck gemacht hat. Keinen guten. Er selbst meinte, er sei müde gewesen, der Euphemismus der Stunde.
Ein paar Tage danach erschien Jill Biden auf dem Cover der «Vogue». In einem eierschalenfarbenen Kleid von Ralph Lauren. In eine ferne Zukunft guckend, sagt sie: «We will decide our future.»
Nun ist es so, dass die «Vogue» ein Monatsmagazin ist und wie jedes Monatsmagazin Tage vor dem eigentlichen Erscheinen gedruckt wird. Sie hat das mit dem Entscheiden der Zukunft also gesagt, bevor ihr Mann die Welt mit seiner fahrig-zerbrechlichen Präsenz erschreckte. Sie sagte diese Worte während eines Wahlkampfauftritts und bezog das «Wir» auf die amerikanischen Frauen, die ihrer Ansicht nach die Präsidentschaftswahlen entscheiden werden.
Das Timing aber liess ihr Zitat nun ganz anders wirken: als kampfwilliges, fast schon trotziges «Wir», das allein sie und ihren Mann meint. Und nicht nur die Welt verstand ihre Botschaft nun so, sogar sie selbst ergänzte später: «Wir werden es nicht zulassen, dass diese 90 Minuten seine vier Jahre definieren werden, die er Präsident war». Und: «Wir werden weiterkämpfen.»
Was aber, wenn nicht? Wenn sie ihrem Mann sagen würde, dass es langsam Zeit ist, die Waffen niederzulegen und die Bühne zu räumen?
Tatsächlich wäre Jill Biden wohl eine der wenigen Personen, die ihn von einem Rücktritt überzeugen könnten. Denn Biden hört vor allem auf eines: seine Familie. Und zu dieser gehört seit 47 Jahren Jill Biden, die Frau, der er erst fünf Anträge machen musste, bevor sie akzeptierte.
Die studierte Englischlehrerin, die stets hinter und neben ihrem Mann steht, die immer da ist, seit seine erste Frau Neilia und mit ihr seine einjährige Tochter Naomi 1972 bei einem Autounfall starben.
Seine Schwester Valerie überzeugte ihn davon, seine politische Karriere weiterzuverfolgen – und Joe wurde, 29-jährig, zu einem der jüngsten Senatoren der Vereinigten Staaten.
Das Weitermachen wurde zu seinem Credo, seine Unerschütterlichkeit und gleichzeitige Empathie für die Leiden der Menschen zu seiner grössten Stärke.
Joe Biden ist kein Mann, der aufgibt. Auch nicht, nachdem das Schicksal ihm 2015 seinen Sohn Beau nahm.
«Wenn er zu Fall gebracht wird, steht Joe wieder auf, und genau das tun wir heute», wiederholt Jill das Mantra auch nach dem desaströsen TV-Duell an einer Spendengala in New York.
Und ja, vielleicht wirkt die Kraft des repetitiven Rezitierens noch ein letztes Mal. Denn auch Jill Biden scheint unerschütterlich daran zu glauben.
(rof)