Am 24. März explodierte in den USA eine Schokoladenfabrik. Sieben Menschen kamen dabei ums Leben. Patricia Borges hat überlebt – weil sie in einen Tank mit flüssiger Schokolade fiel. Jetzt hat die Nachrichtenagentur AP sie im Spital besucht, wo sie schwere Vorwürfe gegen ihre Vorgesetzten erhebt.
Es war Freitag um kurz vor 17 Uhr, als eine gewaltige Explosion die Fabrik R.M. Palmer Co. in der Ortschaft Reading erschütterte. Ein Backsteingebäude stürzte grösstenteils ein, ein weiteres wurde stark beschädigt.
Über zwei Tage lang waren danach Rettungskräfte vor Ort, um mit Wärmebildkameras und Hunden nach Überlebenden zu suchen. Und im Land, in dem Rettungskräfte als Helden verehrt werden, erzählte die Bürgermeisterin des Ortes den Medien, wie man die Rettungsmannschaften habe regelrecht vom Unglücksort wegzerren müssen, nachdem sie 12- bis 16-Stunden-Schichten gearbeitet hätten.
Nach zwei vermissten Personen wurde noch am Sonntag fieberhaft gesucht – beide wurden am späten Abend tot geborgen. Dass dabei die Gebäudeteile herumgehievt wurden, erschwere nun die Ermittlung der Ursache, meinte David Beohm, Master Trooper der Pennsylvania State Police, auf einer Pressekonferenz.
Schon bald wurde spekuliert, was die Ursache für die Explosion gewesen sein könnte. Holly Burgess, Expertin für industrielle und chemische Sicherheit, erklärte bereits am Montag nach der Explosion der Nachrichtenagentur AP, dass in den USA Schokoladenhersteller Massnahmen ergreifen müssten, um die Brand- und Explosionsgefahr durch entflammbaren Staub zu verhindern. Denn, was viele nicht wüssten, Zutaten wie Kakaopulver und Maisstärke seien bei einem Brand hochgefährlich, da sie lange in der Luft blieben. Darum müssten Lebensmittelhersteller die Brennbarkeit des Staubs jeder Charge bestimmen, eine Gefahrenanalyse durchführen und dann Massnahmen zum Umgang mit dem Staub ergreifen, so Burgess. Weiter gälten kommerzielle Kühlmittel als Gefahren, da diese Ammoniak enthielten.
Mittlerweile gehen die Ermittlungsbehörden von einer Gasexplosion aus, obwohl dies anfänglich als eher unwahrscheinlich galt.
Dass das Unglück in der R.M. Palmer Co. stattfand, kommt überraschend, denn der Betrieb galt bis anhin als Musterbeispiel im Einhalten von Sicherheitsvorschriften. Nur einmal ist in der Schokoladenfabrik bis jetzt ein gröberes Unglück passiert, als im Jahr 2018 ein Mitarbeiter bei der Reinigung eines pneumatisch betriebenen Kugelventils die Spitze eines Fingers verlor. Das Unternehmen stimmte zu, eine Geldstrafe in Höhe von 13'000 US-Dollar zu zahlen.
Das Spital der Ortschaft Reading teilte drei Tage nach der Explosion mit, dass es 10 Patienten aufgenommen habe, die durch die Explosion verletzt wurden. Zwei davon mussten in andere Einrichtungen verlegt werden. Neben den Verletzten wurden sieben Leichen aus den Überresten der Schokoladenfabrik geborgen.
Zur gleichen Zeit wurde bekannt, dass es sich bei einer der Personen im Spital um eine Frau handelte, die zuerst lange als vermisst galt. Sie konnte also lebend gerettet werden. Die Bürgermeisterin erklärte, die Frau sei in einem «hoffnungsvollen Zustand» gefunden worden. Seit dem 1. April ist klar, dass es sich bei der Überlebenden in «hoffnungsvollem Zustand» um Patricia Borges handelt.
Sie hat AP ihre Geschichte erzählt:
Die Reporter der Nachrichtenagentur besuchen Borges am Spitalbett. Ihr Gesicht ist geschwollen und ihr rechter Arm ist bandagiert. Die 50-Jährige spricht das Interview über auf Spanisch – Borges stammt ursprünglich aus Mexiko.
Sie erzählt, wie Flammen nach der Explosion nicht nur am Gebäude genagt hätten, sondern auch an ihrem Arm.
In Flammen und in Panik versucht Borges, auf den Ausgang zuzurennen, als plötzlich der Boden unter ihr nachgibt. Die Frau fällt einen Stock tiefer in den Keller des Gebäudes – direkt in einen Bottich mit flüssiger Schokolade. Die braune, klebrige Masse erstickte das Feuer an ihrem Arm und rettete der Maschinenführerin so wohl das Leben – nur ihre Füsse brachen beim Aufprall.
Die nächsten Stunden verbringt sie damit, nach Hilfe zu schreien und auf Rettung zu warten. Währenddessen hört sie, wie Feuerwehrleute versuchen, das Inferno um sie herum zu bekämpfen, und Hubschrauber über ihrem Kopf donnern und rattern.
Langsam beginnt sich der Bottich mit dem eiskalten Wasser aus den Schläuchen der Feuerwehrleute zu füllen, was Borges dazu zwingt, herauszuklettern. Doch auch der Keller füllt sich mehr und mehr mit Wasser und Borges kann sich nur mit Mühe an einem Industrieschlauch festklammern. Die Schmerzen werden unerträglich. Sie verliert das Zeitgefühl.
Schliesslich glimmt irgendwo in der Dunkelheit ein Licht. Borges schreit erneut – und wird diesmal gerettet. «Sie war stark unterkühlt und völlig verwirrt», sagte Ken Pagurek, der die Rettungsannahmen leitete, gegenüber AP. «Wenn wir sie nicht rechtzeitig erreicht hätten, wäre die Zahl der Opfer noch höher gewesen.» Er führt aus, dass Suchhunde angeschlagen hätten, dass in den Trümmern noch jemand lebte, was dann auch der Grund dafür war, dass Rettungskräfte sich überhaupt in den Keller wagten. Die Retter fanden später noch fünf Leichen an der Unglücksstelle, aber keine weiteren Überlebenden.
Borges berichtet AP auch von den Minuten, bevor alles in die Luft flog: Etwa 30 Minuten vor der Explosion der Fabrik hätten sie und andere sich über Gasgeruch beschwert. Doch der Vorgesetzte habe abgewinkt und sie alle zurück an die Arbeit geschickt. Jemand «von oben» müsse die Entscheidung treffen, zu evakuieren, soll er noch gesagt haben.
Die Frau ist wütend auf ihren ehemaligen Arbeitgeber, da er das Fabrikgelände nicht rechtzeitig evakuiert habe. Denn dann würden die sieben Toten noch leben, ist Borges sich sicher. Auch ihre enge Freundin Judith Lopez-Moran starb. Judith sei auch der Grund, warum sie sich an die Medien wende, denn ein ähnliches Unglück müsse in Zukunft unbedingt verhindert werden.
(yam)
Darum merkt euch, wenn ihr Gas riecht: weg da! Egal was der Vorgesetzte sagt…