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Ausgelaugte sowjetische Soldaten auf dem Rückzug aus Afghanistan (Kabul, 16.05.1988).
Bild: AP

Frage an russischen Historiker: Steuert Putin in Syrien auf das gleiche Debakel zu wie die Sowjetunion damals in Afghanistan?

Der Exilrusse Juri Felschtinski ist einer der schärfsten Kreml-Kritiker. Ein Gespräch über die Methoden von Putins Entourage aus dem Geheimdienst FSB und deren Talent, Kriege anzuzetteln, die sich weder gewinnen noch beenden lassen. 
06.12.2015, 11:03

Russlands Fussabdruck im Syrienkonflikt wächst und wächst: Beschränkte sich der Kreml zunächst auf Waffenlieferungen an das verbündete Assad-Regime, lässt er inzwischen täglich Angriffe gegen Rebellen fliegen. Am Luftwaffenstützpunkt Hmeimim bei Latakia ist seit kurzem das hochmoderne Luftabwehrsystem S-400 stationiert. Es gibt Hinweise, dass russische Bodentruppen in die Kämpfe eingreifen.

Die Eskalation weckt bei vielen Russen unangenehme Erinnerungen an die Afghanistan-Invasion der Sowjetunion von 1979. In einer aktuellen Umfrage äussert eine Mehrheit die Befürchtung, in Syrien ein ähnliches Debakel zu erleiden. Die hochgerüstete Rote Armee unterlag damals den schlecht bewaffneten, aber hochmotivierten afghanischen Mujahedin. Zwei Jahre später zerbrach die Sowjetunion.

Der russische Historiker Juri Felschtinski spricht im Interview über Parallelen zwischen Afghanistan und Syrien, Putins Besessenheit mit der Sowjetunion sowie die unrealistische Hoffnung, dass Russland irgendwann ein «normales» europäisches Land wird.

Herr Felschtinski, viele Russen verfolgen den Aufmarsch in Syrien offenbar mit Sorge und befürchten eine Wiederholung des Afghanistan-Debakels von 1979–1989. Erstaunt Sie dieses Ausmass an Pessimismus?
Juri Felschtinski: Angesichts der staatlichen Propaganda und der beinahe vollständigen Kontrolle der Medien in Russland ist das schon erstaunlich. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass in so einem Umfeld kaum verlässliche Umfragen möglich sind. Dennoch sehen wir zum ersten Mal seit langem, dass Teile der russischen Bevölkerung sich vor einer Niederlage – wenn auch nicht vor einem Krieg – fürchten.

bild via linkedin
Zur Person
Juri Felschtinski (59) ist ein russisch-amerikanischer Historiker und Buchautor. Er wurde 1956 in Moskau geboren und wanderte Ende der 1970er-Jahre in die USA aus. 1993 promovierte er an der Rutgers University in New Jersey. Zusammen mit dem ehemaligen FSB-Offizier Alexander Litwinenko, der 2006 an einer Polonium-Vergiftung starb, hatte er das kontroverse Buch «Blowing up Russia» (2002) verfasst, in dem er dem russischen Geheimdienst FSB vorwirft, Terroranschläge in Russland zu inszenieren und so seine Macht zu konsolidieren. Das Buch ist in Russland verboten.

Sie betonen «... wenn auch nicht vor einem Krieg».
Russlands Einmarsch in die Ukraine 2014 stiess in der Bevölkerung auf viel Zuspruch. Aus Gesprächen mit Freunden und Angehörigen weiss ich, dass eine Mehrheit die Invasion der Krim befürwortet. Selbst Vertreter der Opposition wie Alexei Nawalny und Michail Chodorkowski sind gegen eine Rückgabe der Halbinsel. Doch im Unterschied zur Ukraine grenzt Syrien nicht an Russland. 

Afghanistan hingegen grenzte an die Sowjetunion. Sehen Sie trotzdem Parallelen zum wachsenden militärischen Engagement Russlands in Syrien?
Zunächst gibt es neben der fehlenden gemeinsamen Grenze einen weiteren wichtigen Unterschied: Die Sowjetunion marschierte mit einer grossen Streitmacht in Afghanistan ein, während das russische Detachement in Syrien noch immer überschaubar ist. Eine wichtige Ähnlichkeit sehe ich allerdings: Der Ausgangspunkt in beiden Fällen war eine Provokation des KGB.

Der sowjetische Geheimdienst? Das müssen Sie erklären.
Die afghanische ​Regierung wurde durch die sowjetische Invasion gestürzt, obwohl sie Moskau-freundlich war. Das war eine Überreaktion auf Informationen, die hauptsächlich vom KGB stammten, wonach die Regierung in Kabul sich von der UdSSR wegbewegte und gleichzeitig die Annäherung an die USA suchte. Reine Desinformation, wie wir heute wissen, mit der Absicht einen Konflikt zu provozieren. Niemand in Washington hatte sich für Afghanistan interessiert, bevor die Sowjetunion dort einmarschierte. 

Aber was hat der KGB, der nicht mehr existiert, mit dem russischen Engagement in Syrien zu tun?
​Die Leute, die heute in Russland das Sagen haben, sind alle ex-KGB. Alle, nicht nur Putin. Auch Sergei Iwanow, Nikolai Patruschew und Viktor Iwanow. Ihre Mentalität ist dieselbe wie zu Zeiten der Sowjetunion: Sie versuchen ständig, einen Konflikt zu provozieren. Der Westen hegte die Hoffnung, dass Putin sich nach der Ukraine-Krise zurückhalten würde. Das tat er aber nicht. Im Gegenteil, er verhielt sich äusserst aggressiv gegenüber Europa. Russische Kampfjets drangen wiederholt in den Luftraum der baltischen Staaten ein, russische U-Boote tauchten vor der Küste Skandinaviens auf, russische Politiker äusserten massive verbale Drohungen gegen osteuropäische Staaten, vor allem Polen. Die Rhetorik am Staatsfernsehen war derart aggressiv, man erhielt den Eindruck, als herrsche bereits Krieg.

Putins Krim-Rede (18.03.2014).
«Was Russland sehr wohl kann, ist einen Konflikt provozieren, und sich dann als Partner ins Spiel bringen, um diesen Konflikt zu lösen.»
Juri Felschtinski

Die Ukraine, das Baltikum, Skandinavien sowie Polen gehören zur unmittelbaren Peripherie Russlands. Inwiefern passt auch das ferne Syrien in dieses Bild?
Ich muss etwas ausholen. Putin verkündete in seiner berühmten Krim-Rede, dies sei erst der Anfang einer überfälligen Korrektur eines grossen Fehlers – des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Er äusserte den Wunsch, die UdSSR oder das Russische Reich wiederherzustellen. Natürlich brauchte er keinen dieser Begriffe, sondern den Slogan «russische Welt». Daraus leitet er das Recht ab, alle von Russen bewohnten Gebiete einzugliedern sowie alle im Ausland lebenden Russen zu beschützen. Das ist natürlich lächerlich, denn damit könnte er in so ziemlich jedem Land der Welt intervenieren.

Nach anfänglichem Appeasement stellte der Westen klar, dass er weder den Landraub in der Ostukraine akzeptieren noch die Annexion der Krim anerkennen werde. Putin scheute einerseits die offene Konfrontation mit der NATO, andererseits konnte er aus politischen und psychologischen Gründen keine Niederlage eingestehen. Also suchte er sich ein neues Konfliktfeld und eine neue Konfrontation mit dem Westen. Beides fand er in Syrien. Und es funktioniert, alle reden wieder über Russland. Letztlich ist es das, was Putin will.

Putins einziges Ziel in Syrien ist eine Konfrontation mit dem Westen?
Er will zeigen, dass Russland es mit der NATO aufnehmen kann. In Tat und Wahrheit kann es das nicht, weder wirtschaftlich noch politisch oder militärisch. Doch was Russland sehr wohl kann, und das ziemlich einfach, ist einen Konflikt provozieren und sich dann als Partner ins Spiel bringen, um diesen Konflikt zu lösen. Genau das passierte in der Ostukraine und es passiert gerade in Syrien. Russland eskaliert den Konflikt mit seiner Armee und präsentiert sich dann als eine der Parteien für die Friedensverhandlungen.

«Putins grösstes Problem ist, dass er auf der internationalen Bühne nicht als gleichberechtigter Partner anerkannt wird.»
Juri Felschtinski

Als eine unverzichtbare Partei.
Genau, und vor allem als eine gleichberechtigte. Putins grösstes Problem ist, dass er auf der internationalen Bühne nicht als gleichberechtigter Partner anerkannt wird. Das wird auch so bleiben, egal wie sehr er dagegen ankämpft. Russland ist kein gleichberechtigter Partner, sondern wird als halb-entwickeltes Land mit Öl- und Gasvorkommen wahrgenommen. Das frustriert Putin, doch er hält sich für sehr schlau und glaubt, den Westen irgendwie dazu zu bringen, Russlands Bedeutung anzuerkennen.

Manche Beobachter glauben, Putin sehne sich nach der alten bipolaren Ordnung des Kalten Kriegs. Bei Ihnen klingt es eher nach einem Ego-Problem.
​Wir dürfen nicht vergessen, woher Putin kommt. Er ist kein typischer Politiker, sondern wurde Präsident, weil er von zwei mächtigen Gruppen unterstützt wurde: einerseits von dummen Oligarchen, die glaubten, eine Marionette im Kreml zu installieren, andererseits und letztlich ausschlaggebend vom KGB-Nachfolger FSB. In all den Jahren der Sowjetunion stritten sich KGB und die Kommunistische Partei (KP) um die Vormacht im Staat. Mit der Wahl Putins zum Präsidenten 2000 setzte sich der KGB durch – die KP gab es ja nicht mehr. Das ist einzigartig in der Geschichte. Wie wenn die Gestapo nach 1945 die Regierung der BRD gestellt hätte. Leider ist genau das in Russland passiert.

Mujahedin mit einem erbeuteten sowjetischen T-55-Panzer (1987).<br data-editable="remove">
Mujahedin mit einem erbeuteten sowjetischen T-55-Panzer (1987).
Bild: AP NY

Warum sollen sich Ex-Geheimdienstler derart schlecht als Politiker eignen?
Diese Leute wurden zum Töten ausgebildet und um Staatsstreiche in anderen Ländern anzuzetteln, aber nicht um etwas aufzubauen und erfolgreich zu managen. Darum sind sie so gut darin, Kriege anzuzetteln, aber so unfähig in allen anderen Belangen. Aber eben, Putin ist nicht der Einzige. Sollte er morgen sterben, bleibt trotzdem alles beim Alten. Der einzige Unterschied zwischen ihm und Iwanow ist, dass er Deutsch spricht und der andere Englisch. Putin war Oberst und Iwanow General beim KGB. Einige glauben sogar, Iwanow wäre noch schlimmer. Wie dem auch sei, diese Leute werden die Macht niemals freiwillig abgeben. Laut Gesetz kontrolliert der FSB die Computer zur Auszählung von Wahlen. Der einzige Weg, sie loszuwerden, wäre ihr Zusammenbruch. Ich denke, das wird irgendwann passieren.

Halten Sie es für möglich, dass wie zuvor in Afghanistan eine schmachvolle Niederlage in Syrien diesen Zusammenbruch beschleunigen könnte?
Zu Beginn der Afghanistan-Invasion bekundete die sowjetische Armee grosse Probleme, ​weil sie nicht auf einen Guerillakrieg eingestellt war. Heute wissen wir, wie schwierig es ist, in einem muslimischen Land und gegen eine muslimische Bevölkerung zu kämpfen, aber die Sowjetunion war damals wirklich überrascht. Nach einer Weile kam sie ganz ordentlich zurecht und hätte zumindest die Besatzung aufrechterhalten können. Dann begannen die USA die Mujahedin mit tragbaren Stinger-Luftabwehrraketen auszurüsten und der Krieg endete ziemlich schnell. Solange Russland sich frei im syrischen Luftraum bewegen kann, werden sich die Verluste in Grenzen halten. Sollte es Bodentruppen entsenden, dann sieht die Sache anders aus. So oder so glaube ich nicht, dass sich Putin um Verluste in Syrien Sorgen macht. Militärisch gesehen verlor Russland beide Tschetschenienkriege und viele Soldaten. Das Regime war deswegen nie in Gefahr.

Ein Mujahed mit einer amerikanischen Stinger-Luftabwehrwaffe (1988).<br data-editable="remove">
Ein Mujahed mit einer amerikanischen Stinger-Luftabwehrwaffe (1988).
Bild: AP

Syrien birgt für Putin keinerlei Risiken?
Ein russischer Kampfjet wurde abgeschossen, was passiert beim nächsten? Oder was passiert, wenn Russland einen französischen, britischen oder amerikanischen​ Kampfjet abschiesst? Schwer zu sagen, aber eine Eskalation zwischen Russland und der NATO ist nicht auszuschliessen, vor allem wenn Bodentruppen zum Einsatz kommen. Vermutlich werden wir bald mehr über die russischen Pläne wissen, denn das Fenster der Obama-Präsidentschaft schliesst sich bald. Sein Nachfolger könnte in Syrien weniger zurückhaltend agieren. 

«Putin wird wie zuvor in der Ukraine bestreiten, dass er Krieg führt, sondern behaupten, dass er Verbündete unterstützt. Eine primitive Lüge, aber bislang funktioniert sie.»
Juri Felschtinski

Blicken wir noch einmal zurück nach Afghanistan. Am Schluss gingen dort alle als Verlierer vom Feld, nicht nur die Rote Armee. Das Land versank im Bürgerkrieg und die USA hatten dort sehr gefährliche Leute kultiviert, die sich nachher gegen sie wandten. Müssen wir in Syrien mit demselben Ausgang rechnen?
Ich ​fürchte ja. Wer sich Syrien anschaut, weiss, dass dort niemand gewinnen kann. Es wird nicht gut ausgehen. Nehmen wir den Libanon, der einst die Schweiz des Nahen Ostens genannt wurde und heute ruiniert ist. Leider sieht so die Zukunft Syriens aus. Für Putin ist das kein Problem, er ist ja nicht in Syrien, um irgendetwas zu gewinnen. Er will einfach einen neuen Konfrontationsschauplatz mit dem Westen. Übrigens: Putin wird wie zuvor in der Ukraine bestreiten, dass er Krieg führt, sondern behaupten, dass er Verbündete unterstützt. Eine primitive Lüge, aber bislang funktioniert sie. 

Wie beurteilen Sie die Zukunft Russlands?
Putin glaubt, jedes Problem Russlands gehe direkt auf den ​Zusammenbruch der Sowjetunion zurück. Ich hingegen glaube, diese Probleme rühren von dem nur teilweisen Zusammenbruch der Sowjetunion her. Republiken wie Tschetschenien und Dagestan durften die Russische Föderation nicht verlassen. Putin hat eine imperiale Denkweise, wonach Russland andere Territorien kontrollieren muss. Alles würde besser, wenn es einfach ein normales europäisches Land würde. Aber Putin will das nicht. Und es wird kaum soweit kommen.

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