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Von der Spritze zur Pille: So geht die Abnehmrevolution weiter

Von der Spritze zur Pille – zum Schnäppchen? So geht die Abnehmrevolution weiter

Wegovy und Co. waren erst der Anfang. Neue Mittel versprechen weniger Spritzen, tiefere Preise und sogar natürliche Alternativen.
20.01.2026, 03:5420.01.2026, 03:54
Stephanie Schnydrig / ch media

Die Nachfrage nach den sogenannten Abnehmspritzen reisst nicht ab: Allein bei Helsana, der grössten Krankenversicherung des Landes, gehen täglich zwischen 100 und 200 Gesuche für Wegovy ein. Und gleichzeitig steht schon die nächste Generation von Abnehmmedikamenten in den Startlöchern. Zuletzt sorgte der dänische Konzern Novo Nordisk für Schlagzeilen: Die US-Arzneimittelbehörde FDA liess erstmals eine Abnehmpille mit dem GLP-1-Wirkstoff Semaglutid zu.

epa10538865 Packages of prescribtion drugs Ozempic and Wegovy by Novo Nordisk sit on a table in Copenhagen, Denmark, 23 March 2023. US celebrities have credited their weight loss to the FDA-approved m ...
Sehr beliebt, auch in der Schweiz: Abnehm-Medikamente.Bild: keystone

Ob in der Schweiz bereits ein Zulassungsgesuch für die Pille eingereicht wurde oder wann dies geschehen könnte, beantwortete Novo Nordisk nicht konkret. Der Konzern betonte lediglich, man wolle Patientinnen und Patienten in der Schweiz weiterhin mit innovativen Therapien versorgen und zu neuen Produkten informieren, sobald es so weit sei.

Unabhängig davon fragt man sich, warum es so lange gedauert hat, bis aus der Spritze eine Tablette wurde? Die Antwort liegt in der Biochemie. Denn Semaglutid besteht aus grossen Eiweissmolekülen, sogenannten Peptiden, die im Magen zerstört werden. Jahrzehntelang galt daher: GLP-1-Medikamente müssen gespritzt werden, um Wirkung zu entfalten.

Doch Novo Nordisk fand einen Umweg: Es verpackte den Wirkstoff so, dass ein winziger Teil – rund ein Prozent – den Verdauungstrakt überlebt und ins Blut gelangt. Diabetiker konnten ihren Zucker damit in den Griff kriegen, doch für Menschen mit Adipositas war die Wirkung zu schwach. Sie verloren kaum Gewicht damit. Deshalb packte der Konzern deutlich mehr Semaglutid in die Abnehmpille. Und siehe da: Die Pfunde purzelten ähnlich stark wie mit der Spritze.

Spritzenangst wird überschätzt

Ob die Tablette tatsächlich zum nächsten grossen Durchbruch wird, ist dennoch offen. Bernd Schultes, ärztlicher Leiter des Stoffwechselzentrums St. Gallen und Präsident der Schweizerischen Adipositasgesellschaft (SMOB), bleibt zurückhaltend. Die oft zitierte Spritzenangst hält er für überschätzt. «Die meisten Patientinnen und Patienten kommen damit langfristig gut zurecht», sagt er.

Hinzu kommt: Die Einnahme der Wegovy-Pille ist umständlich. Sie muss nüchtern geschluckt werden, danach darf man eine halbe Stunde nichts essen oder trinken. «Sonst geht das Medikament einfach durch den Magen-Darm-Trakt – mit null Wirkung», erklärt Schultes. Und weil die Tablette täglich eingenommen werden muss, könnte sie im Alltag sogar unpraktischer sein als eine wöchentliche Injektion.

Einen anderen Tabletten-Ansatz verfolgt der US-Konzern Eli Lilly, der zweite Pharmariese, der bei der Abnehmrevolution mitmischt. Sein Wirkstoff Orforglipron ist kein grosses Eiweiss, sondern ein kleines, stabiles Molekül, das Magensäure und Verdauungsenzyme problemlos übersteht. In Studien erzielte es ebenfalls Gewichtsverluste auf Augenhöhe mit den Spritzen.

Weil Orforglipron unabhängig von Mahlzeiten eingenommen werden kann, könnte dies ein entscheidender Vorteil gegenüber der Wegovy-Pille sein. Denn Medikamente, die sich leichter in den Alltag integrieren lassen, werden erfahrungsgemäss zuverlässiger eingenommen – und wirken damit verlässlicher. Eine Zulassungsentscheidung der FDA könnte in der ersten Hälfte des Jahres 2026 fallen.

Testfeld für Generika eröffnet

Nicht nur bei der Verabreichung, sondern auch beim Preis der Abnehmmittel dürfte sich bald etwas bewegen. Denn in Kanada ist als erstes Land kürzlich das Patent auf Semaglutid ausgelaufen, später in diesem Jahr verfällt wohl auch das Patent in Indien. Diese Länder werden zum Testfeld für Generika – und damit für günstigere Abnehmmedikamente. Allein in Kanada waren bis Ende letzten Jahres bei der Gesundheitsbehörde Health Canada bereits neun Gesuche eingegangen, um Semaglutid herstellen zu dürfen, darunter auch eines vom Schweizer Generikakonzern Sandoz.

In Europa bleibt der Markt zwar noch bis 2031 geschützt. Dennoch dürfen Privatpersonen Medikamente für den Eigengebrauch in begrenzter Menge importieren. Swissmedic warnt allerdings eindringlich vor Bestellungen aus unbekannten Onlinequellen.

Ganz natürlich abnehmen

Parallel zum Boom der Medikamente wächst ein anderer Markt: jener der «natürlichen» Abnehmhilfen. Sie versprechen Gewichtsverlust ohne Rezept und ohne Nebenwirkungen. Dafür extrahieren findige Unternehmen Ballaststoffe, Bitterstoffe oder Pflanzenextrakte aus Beeren, Gewürzen, Kaffee und anderen scheinbar schlankmachenden Lebensmitteln und verpacken sie in Kapseln, Pulver oder Tabletten.

Andere setzen auf Bakterienstämme, die «auf natürliche Weise GLP-1 steigern» sollen. Dieses Versprechen beruht jedoch auf einem verbreiteten Missverständnis: Natürliches GLP-1, das der Körper beim Essen ausschüttet, wirkt völlig anders als pharmazeutisches GLP-1. Medikamente aktivieren die Rezeptoren im Gehirn teils hundert- bis tausendfach stärker als das körpereigene Hormon.

Auch eine prominente Unternehmerin aus der Schweiz ist auf den Zug der natürlichen Schlankheitsmacher aufgesprungen: Alexandra Lüönd, Mitgründerin des Schönheitsimperiums Beauty2Go. Sie zählt laut «Bilanz» zu den reichsten Schweizerinnen und Schweizern unter 40 Jahren und lanciert in diesem Jahr ihre erste Nahrungsergänzungsmittellinie – darunter das Produkt GlowSlim, beworben als eine Art «natürliches Ozempic». Hergestellt wird in Österreich, mit Inhaltsstoffen ausschliesslich von höchster Qualität, versichert Lüönd.

Früher, so die Jungunternehmerin, habe Beauty2Go selbst Behandlungen mit Abnehmspritzen angeboten. Doch Lieferengpässe und die wachsende Skepsis vieler Kundinnen und Kunden hätten zum Umdenken geführt. «Viele wollen etwas Sanfteres», sagt sie.

GlowSlim, betont sie, greife nicht hormonell in den Stoffwechsel ein. «Wir aktivieren das Sättigungshormon GLP-1 nicht direkt.» Stattdessen sollen quellfähige Ballaststoffe wie Inulin oder Glucomannan sättigen, Chrom und Bitterstoffe den Appetit dämpfen und Heisshunger reduzieren.

Kaum belastbare Belege für Wirkung

Wie gut das funktioniert, ist allerdings nicht ganz klar. Die wissenschaftliche Evidenz für Nahrungsergänzungsmittel zur Gewichtsreduktion ist mager. In einem Factsheet hält die US-amerikanische Gesundheitsbehörde NIH fest, dass die meisten keine oder bestenfalls sehr geringe Effekte auf das Körpergewicht hätten.

Zudem bestehen viele Nahrungsergänzungsmittel aus Mischungen zahlreicher Substanzen, deren Wechselwirkungen oft kaum untersucht sind (anders als Arzneimittel durchlaufen Nahrungsergänzungsmittel kein Zulassungsverfahren.) Wer also zu solchen Produkten greift, sollte solche nur bei seriösen Anbietern kaufen und sich gegebenenfalls ärztlichen Rat einholen.

Swissmedic warnt explizit vor sogenannten «natürlichen Ozempic»-Produkten, die mit übertriebenen Werbeversprechen über dubiose Onlineplattformen verkauft werden. Seit dem Boom der Abnehmspritzen beobachtet die Behörde eine Zunahme illegaler und teils krimineller Angebote. In beschlagnahmten Sendungen finden sich immer wieder angeblich «pflanzliche» Präparate, die nicht deklarierte pharmazeutische Wirkstoffe enthalten – mit entsprechend hohem Gesundheitsrisiko.

Kommt hinzu: Günstiger als Medikamente sind die Präparate kaum. Die meisten kosten um die 100 Franken pro Monat – in etwa so viel, wie Selbstzahler auch für Abnehmspritzen ausgeben. Oder, wie es eine Frau gegenüber dieser Zeitung einmal formulierte:

«So viel, wie ich für ein Fitnessabo pro Monat bezahle.»

(aargauerzeitung.ch)

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Die beliebtesten Kommentare
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Rethinking
20.01.2026 06:19registriert Oktober 2018
Die Übernahme der Kosten durch die Grundversicherung muss massiv eingeschränkt werden!

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