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Erneut an der Macht: Die Taliban verkünden ihren Sieg in Afghanistan.
Erneut an der Macht: Die Taliban verkünden ihren Sieg in Afghanistan.
Bild: EPA
Interview

Afghanistan-Kenner: «Die Städte werden sich mit den Taliban arrangieren wollen»

Was ist nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan zu erwarten? Islamwissenschafter Reinhard Schulze über das Ziel, die Unterstützer und die Gegner der Taliban.
16.08.2021, 20:2317.08.2021, 15:55

Herr Schulze, waren Sie überrascht, dass die Taliban derart schnell und kampflos Kabul einnehmen konnten?
REINHARD SCHULZE:
Der Prozess hat sich schon lange abgezeichnet. Man sagte: «Bevor Schnee fällt, werden die Taliban in Kabul sein.» Überraschend war nur die tatsächliche Geschwindigkeit, mit der die Taliban die Städte eingenommen haben.

Welches Ziel verfolgen die Taliban?
Primär wollen sie Afghanistan als Herrschaftsgebiet bewahren, wobei die Hoheit über das Land den paschtunischen Gemeinschaften gehören soll. Die Tradition der Taliban sieht eine strikte Form des orthodoxen, sunnitischen Islam vor, mit strenger Durchsetzung der Scharia, des islamischen Rechts.

«Der IS wird ein Stachel im Fleisch der Taliban sein.»
Reinhard Schulze, Islamwissenschafter

Mit der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS), deren Anhänger in Afghanistan Fuss fassen wollen, sind die Taliban jedoch verfeindet.
Richtig, aber das, was die Taliban wollen, hat nichts mit dem zu tun, was wir heute «Islamischer Staat» nennen. Der «IS» hat eine Vorstellung des Islams aufgebaut, bei der auch die Taliban kopfschüttelnd davorstehen.

Kommt es nun zum Krieg zwischen den beiden Parteien?
Ja, natürlich. Die militärischen Aktionen der Taliban bis jetzt richteten sich hauptsächlich gegen den «IS». Der «IS» wird zwar niemals zu einer grösseren Gebietsherrschaft in Afghanistan kommen, doch er wird ein Stachel im Fleisch der Taliban sein. Das wird eine Herausforderung für die neuen Machthaber.

Reinhard Schulze ist Professor für Islamwissenschaft und Direktor des Forums Islam und Naher Osten der Universität Bern.
Reinhard Schulze ist Professor für Islamwissenschaft und Direktor des Forums Islam und Naher Osten der Universität Bern.
Bild: universität bern

Wie geeint treten die Taliban denn auf?
Nun, einige Kommandanten der Taliban haben eine enge und loyale Auffassung des islamischen Emirats. Andere haben ein entspannteres Verständnis und sagen: «Wir machen das anders als 1996» und garantieren beispielsweise den Frauen die freie Berufswahl und Schulbildung. Es gibt da eine ganze Palette von Vorstellungen. Wohin das Pendel ausschwingen wird, werden erst die kommenden Wochen zeigen.

Wie viel Rückhalt haben sie in der Bevölkerung?
Quantitativ kann man das nicht messen. Man spricht von rund 80'000 bewaffneten Taliban-Kämpfern und von ungefähr 200'000 Unterstützern. Das allein wären nur etwa ein Prozent der Bevölkerung. Aber man muss damit rechnen, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung mit den Taliban sympathisieren.

«Für den Westen war es wichtiger, die eigenen Interessen zu vertreten.»

Welcher Teil der Bevölkerung unterstützt die Taliban, welcher nicht?
In Afghanistan gibt es drei Milieus, die einen starken sozialen Einfluss auf die Gesellschaft haben: die ländlichen Regionen, die Städte und die Warlords, die bestimmte Gebiete beherrschen. Die Taliban haben ihren Rückhalt in den ländlichen Regionen.

Werden sich die beiden anderen Milieus gegen die Taliban auflehnen?
Das bezweifle ich, zumindest nicht demnächst. Dafür sind sie militärisch nicht gerüstet. Die städtischen, säkularen Milieus werden wohl auf ein Arrangement mit den lokalen Machthabern der Taliban hoffen, damit sie eigene Spielräume erhalten. So könnten sie beispielsweise wie im Iran operieren und Frauen dürften weiterhin arbeiten und zur Schule gehen. Die Warlords werden wohl am ehesten Widerstand leisten. Wie die sich in Zukunft stellen werden, ist offen.

Wie sollten sich die westlichen Mächte verhalten?
Die westliche Welt hatte 20 Jahre Zeit, sich mit dieser Frage zu befassen. Leider kam da nicht viel zustande. Es war wichtiger, die eigenen Interessen zu vertreten. Insofern hat es der Westen versäumt, die afghanische Bevölkerung für sich zu gewinnen und sie zu überzeugen, dass seine Anwesenheit für das Volk sinnvoll ist. Das ist betrüblich, denn seitens der Wissenschaft gab es viele Vorschläge, die das Dilemma von heute verhindert hätten. Hier ist deutlich geworden, dass eine Politik, die nur eigene Interessen verfolgt, komplett an der Sachlage vorbeiredet und -handelt.

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
quelle: keystone / zabi karimi
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