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Die Wahlen in den USA sind zu dem geworden, was vorsichtige Beobachterinnen angeblich schon lange vorhersagten: einem Polit-Thriller. Bild: watson/keystone

Interview

Politikexperte zum US-Wahlkrimi: «Die Naivität der Demokraten überrascht»

Die Wahlen in den USA entwickeln sich gerade zum Krimi. Dieses Szenario habe sich abgezeichnet, sagt Politikwissenschaftler Christoph Frei. Im Interview schätzt er die aktuelle Lage der US-Wahlen ein und zeichnet ein düsteres Bild der einstigen Vorzeigedemokratie.



Herr Frei, wie erleben Sie das Wahl-Drama?
Christoph Frei:
Die Nacht war kurz, aber das kommt vor. Schwieriger ist es, mit dem Zwischenstand der Wahlen gut zu leben. Zu vieles deutet auf eine unappetitliche Fortsetzung hin.

Trump will nun die Auszählung gerichtlich stoppen lassen. Ist das realistisch?
Es hängt davon ab, mit welchen lokalen Gerichtsbarkeiten Trumps Leute arbeiten. Davon gibt es buchstäblich Tausende: Zum Beispiel wie lassen sich die brieflich abgegebenen Stimmen angreifen oder diskreditieren? Es ist durchaus möglich, dass Trump mit Interventionen, allenfalls auch Manipulationen, zum Ziel kommt. Und vergessen wir nicht, dass er immer noch regulär gewinnen kann!

«Die Zahlen rechtfertigten nicht den Optimismus der Demokraten, der am Schluss zu herrschen schien.»

Christoph Frei, Professor für Politikwissenschaften

Welchen Einfluss hat die frisch vereidigte Oberrichterin Amy Coney Barrett in diesem Szenario?
Wenn sie einen hat, hoffe ich, dass sie sich als professionelle Juristin erweist. Brett Kavanaugh und Neil Gorsuch, zwei unter Trump gewählte Oberrichter, haben bereits gezeigt, dass sie keine Puppen sind. Dennoch könnte der Supreme Court im vorliegenden Fall politisiert werden und die Richter wie in Florida vor zehn Jahren die Auszählung tatsächlich stoppen. Das könnte Trump zum Sieg verhelfen. Aber das ist hypothetisch.

Die Prognosen sprachen lange Zeit für Biden. Doch jetzt mutieren die Wahlen zum dramatischen Polit-Thriller. Wie konnte es soweit kommen?
Die Prognosen waren nicht so eindeutig. Dieses Szenario hat sich abgezeichnet und liegt im Rahmen dessen, was vorsichtige Beobachterinnen und Beobachter vorhergesagt hatten.

Was hat Sie überrascht?
Die Naivität der Demokraten. Klar, sie hatten Grund anzunehmen, dass es dieses Mal besser laufen könnte. Aber die Zahlen rechtfertigten nicht wirklich jenen Optimismus, der am Schluss zu herrschen schien. Spannend ist für mich, an wie viel wir uns in den vergangenen vier Jahren gewöhnt haben. Was eigentlich unerhört ist, überrascht uns nicht mal mehr. Da ist immerhin ein Präsident höchstselbst, der schon während den Wahlen behauptet, die andere Seite «stehle» den Sieg.

Und der eine Siegesrede hält, obschon er noch nicht gewonnen hat. Ist Trump ein Autokrat?
Trump ist Trump. Dass er diese Rede hält, zeigt, wer er ist. Ich überlasse die Etikettierung anderen.

«Donald Trump sagt, was viele Wähler denken – und sie nehmen das eher für bare Münzen als das, was geschliffene Teflon-Politiker sagen.»

Christoph Frei, Professor für Politikwissenschaften

Christoph Frei ist Professor für Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt internationale Beziehungen. Er forscht seit 1988 regelmässig in den USA.

Christoph Frei ist Professor für Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt internationale Beziehungen. Er forscht seit über 30 Jahren regelmässig in den USA. Bild: zvg

Trump hat vier Jahre lang Hass geschürt und Lügen verbreitet. Trotzdem kommt er auf die Hälfte der Stimmen. Wie erklären Sie das?
Was wir von Europa aus oft nicht sehen, ist, dass viele Menschen in den USA eine völlig andere Realität und damit eine völlig andere Wahrnehmung haben als wir. Und Trump ist authentisch. Er sagt, was viele Wählerinnen und Wähler denken und sie nehmen das eher für bare Münzen als das, was geschliffene Teflon-Politiker sagen.

Fehlt Biden diese Authentizität?
Joe Biden ist ein klassischer Establishment-Politiker. Ich will nicht sagen, er sei nicht authentisch, nur eben anders. Trump ist ein Instinktpolitiker, der spürt, was die Leute hören wollen.

Es könnte noch lange dauern, bis ein Sieger feststeht. Drohen nun Unruhen in den USA?
Das werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Es kann durchaus sein, dass die Institutionen dem enormen Druck standhalten. Aber das Wahlsystem der USA ist rundum veraltet, in gewissen Teilen dysfunktional. Vielleicht hält es dem Druck dieses Mal nicht stand, es kommt zu juristischen Schlammschlachten und die Wähler und Wählerinnen, von denen eine Hälfte sich betrogen fühlen muss, fangen Feuer. Hoffentlich liege ich daneben!

So oder so gehen die USA zutiefst gespalten aus den Wahlen. Welche Folgen hat dies für die USA auf der Weltbühne?
Gespalten war diese Gesellschaft lange vor den Wahlen. Die einstmals führende Demokratie des Westens verliert nun weiter an Glaubwürdigkeit. Heute ist nicht einmal mehr gewiss, ob die USA freie und faire Wahlen veranstalten kann. Dieser Glaubwürdigkeitsverlust wirkt sich auf die Soft Power der USA aus, also darauf, wie das Land von aussen wahrgenommen wird. Doch die Probleme der USA sind nur zu kleinen Teilen von Trump gemacht. Tatsache ist vielmehr, dass auch der Ausgang dieser Wahl an den enormen Herausforderungen nichts ändert, vor denen die USA heute stehen.

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