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«Clown Syndrom»: Clown mit Down Syndrom erobert das Publikum

Eric Gadient hat das Down Syndrom und als Clown die Kleintheaterbühnen der Schweiz erobert. Warum sich der 40-Jährige so charmant in die Herzen der Zuschauer spielt, erzählt sein Bühnenpartner Olli Hauenstein.



Über 60 Mal sind die beiden Clowns bisher aufgetreten. Ob in St. Gallen, Bern oder in Konstanz: die Vorstellungen von «Clown Syndrom» waren stets ausverkauft und das Publikum hell begeistert. Die Nachfrage ist ungebremst, zahlreiche Vorstellungen liegen noch vor den beiden ungleichen Clowns. Dass das Stück so erfolgreich sein würde, überraschte auch Olli Hauenstein, Autor, Partner und Coach des blonden Mannes mit Handicap aus dem thurgauischen Sommeri.

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Der 64-Jährige Clown, Schauspieler und Regisseur blickt auf eine langjährige Künstler-Karriere zurück. Durch seine Frau Ulrike, die bis zu ihrer Pensionierung als Betreuerin in der Bildungsstätte in Sommeri arbeitete, kam der Künstler in Kontakt mit Behinderten. Er machte mit den Bewohnerinnen und Bewohnern Theater und probte für Aufführungen mit dem Ensemble «Comedy-Express», wo er Eric und dessen grosse Spielfreude entdeckte.

Olli Hauenstein trat als Clown sowohl in Ensembles wie als Solokünstler auf, schreibt seine Stücke selber und gilt auch international als Meister seines Fachs. In diesem Jahr ehrte der Kanton Thurgau ihn mit dem Kulturpreis. Mit dem professionellen Können des Komikers und der grossen Erfahrung mit integrativem Theater schuf er die einzigartige Kunstform Clown-Syndrom. Eric sei ein Ausnahmetalent, sagt Olli Hauenstein bei einem Atelier-Besuch der Nachrichtenagentur sda: «Vielleicht wäre Eric auch Künstler geworden, wenn er nicht mit Down-Syndrom zur Welt gekommen wäre.»

Rolle auf den Leib geschneidert

Erics Talent allein sei aber kein Garant für den Erfolg eines Komiktheaters, zumal man aufpassen müsse, einen behinderten Menschen auf der Bühne nicht «vorzuführen» oder gar blosszustellen. Damit sich die beiden unterschiedlichen Clowns auf Augenhöhe begegnen können, hat Olli die Rolle Eric sozusagen auf den Leib geschneidert und Erics Ideen wenn möglich ins Stück eingebaut.

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Olli Hauenstein und Eric Gadient in ihrem Element. bild: facebook

Für das «Clown Syndrom» griff der Autor in die dramaturgische Trickkiste: Die beiden von Natur aus unterschiedlichen Clowns heissen Oberschiedlich und Unterschiedlich. Ihr Name ist Programm. Ob sie nun zusammen Fischen gehen oder kochen: Eric Gadient als Oberschiedlich behält stets die Oberhand über den ziemlich ungeschickten Unterschiedlich (Olli Hauenstein).

So freut sich Oberschiedlich beim Fischen diebisch, dass er den Angelhaken zehn Mal weiter auswerfen kann als sein Freund. Und wenn Unterschiedlich beim Karotten holen die Keller-Treppe hinunter fällt, hält sich der andere vor Lachen den Bauch. Das Publikum teilt seine Schadenfreude und lacht herzhaft mit. «Die Zuschauer sind amüsiert, weil der Clown ohne Handicap scheinbar dümmer ist, als derjenige mit», erklärt der Regisseur.

Eric will gewinnen

Damit die Sketches so locker über die Bühne gehen, war viel Probenarbeit nötig, und Olli muss während des Auftritts seinen Partner stets leiten und auf Unvorhergesehenes reagieren können. Eric sei wie ein Kind. Er wolle immer gewinnen und der Bessere sein und manche Sketche am liebsten mehrmals spielen. «Warum das Publikum etwas lustig findet, kann er nicht immer nachvollziehen», sagt sein Bühnenpartner.

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Eine enorme Stärke von Eric sei seine riesige Spielfreude und die kindliche Art, im Hier und Jetzt zu leben. «Wenn er mich die Kellertreppe hinunterfallen sieht, staunt und lacht er jedes Mal, als ob es das erste Mal wäre.» Eric empfinde tatsächlich so und müsse diesen Part der Rolle nicht mühsam einstudieren wie ein Komiker, erklärt Hauenstein. Diese unverfälschten Emotionen gehen den Zuschauerinnen und Zuschauern mitten ins Herz.

Autogramm-Stunde

Seit Eric professionelles Theater spiele, habe er sich sowohl als Künstler als auch als Persönlichkeit stark entwickelt. Eric sei sehr zuverlässig, stets pünktlich am Spielort und schminke sich selbständig. Obwohl der 40-Jährige weder Lesen noch Schreiben kann, gibt er seit ein paar Monaten jeweils eine Autogramm-Stunde nach der Vorstellung und unterhält sich selbstsicher mit seinen Fans.

An einem Tisch sitzen und «Büro machen» ist denn auch Erics liebstes Hobby, wie er der sda bei einem Besuch in der Bildungsstätte erzählt. Vor einem Auftritt gehe er manchmal in der Stadt «shoppen» und kaufe neues Papier, das er für sein Büro brauche.

Freizeit hat Eric trotz des Engagements in «Clown-Syndrom» noch genug. Dank einer Vereinbarung mit der Bildungsstätte muss er an Tagen mit einem Auftritt nicht in der Werkstatt arbeiten. Oft wird er von Ulrike und Olli zum Mittagessen in ihr gemütliches Bauernhaus in Sommeri eingeladen. Darauf freut sich Eric jedes Mal, als ob es das allererste Mal wäre.

(sda/bal)

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    Alle Leser-Kommentare
  • BigE 26.12.2017 11:15
    Highlight Highlight Eigentlich schade, dass es in der heutigen Zeit noch immer einen Bericht wert ist, wenn Menschen, die anders sind, „integriert“ werden. Sollte das im Jahr 2017, in einer Gesellschaft, die sich „offen“, „tolerant“ und „fortschrittlich“ nennt, nicht selbstverständlich sein?
    • Granini 26.12.2017 12:52
      Highlight Highlight Ja! Aber es ist eben nicht so easy. Ich hab ein Prakti bei Menschen mit Down Syndrom gemacht. Sie sind talentiert und doch ists ein 'Mordschrampf' sie in eine Tätigkeit einzuarbeiten. Von daher ists gut darüber zu berichten und so Normalos und Menschen mit Down Syndrom dafür zu motivieren.
    • chnobli1896 26.12.2017 13:02
      Highlight Highlight Man könnte sich aber auch für diesen Herrn freuen, denn für ihn und sein herzhaftes Lachen hat es geklappt. Wäre auch ein Schritt in Richtung Selbsrverständlichkeit finde ich.
  • Hades69 26.12.2017 10:51
    Highlight Highlight Lachen und Ironie erinnern und daran, dass wir keine Gefangenen dieser Welt sind, sondern Reisende, deren Weg durch sie hindurchführt.

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