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This image released by Focus Features shows Anthony Bourdain in Morgan Neville's documentary

Ein Mann, ein Land und Essen. Anthony Bourdain als kulinarischer Reiseleiter in einer Szene aus dem Dokfilm «Roadrunner». Bild: keystone

Analyse

How Deep Is Your Fake? Dokfilm erweckt Anthony Bourdain zum «Leben»

Die Sehnsucht, Tote zurückzugewinnen, dürfte so alt sein wie die Menschheit selbst. Auch Oscargewinner Morgan Neville liess sich davon verführen.



In meiner Jugend auf dem Land versuchten wir aus Langeweile gelegentlich, irgendwas zu beschwören. Aliens. Und Tote. Nüchtern betrachtet funktionierte das nie. Aber wenn wir genügend daran glaubten, entdeckten wir zuverlässig jeden Morgen Ufolandespuren im Gartenbeet. Die Anleitung zur Alienbeschwörung gab's in der «Bravo». Man starrte ein paar Minuten lang in eine Lampe oder Kerze und konzentrierte sich im Kopf auf den immergleichen Satz. Dann schaute man aus dem Fenster. Logisch blinkten nach dem langen Blick in die Lampe irgendwelche Lichter.

Und wenn wir lange genug an Partys Tische rückten, gelang es uns, Tote sprechen zu lassen. Wobei die Toten erstaunlicherweise genau jene Botschaften kundtaten, die wir von ihnen auch hören wollten. Wir betätigten uns als Drehbuchautorinnen und Bauchredner unserer Fantasie. Nichts weiter.

Heute lässt sich die Sehnsucht nach vertrauten Toten – quasi den Geistern, die keinen Schrecken verbreiten und auf die wir hören, weil sie uns kennen – dank Deepfakes lindern. Es gibt Digital Natives, die wie besessen Ton- und Bildmaterial ihrer digital noch nicht ausreichend verewigten Grosseltern sammeln, um sie nach ihrem Tod als Avatare neu zum Leben zu erwecken und wieder um sich zu haben. Und im Herbst 2020 schenkte Kanye West seiner Kim Kardashian zum Geburtstag folgendes Video:

Robert Kardashian spricht zu Kim

Es zeigt Kims 2003 verstorbenen Vater, den Anwalt Robert Kardashian. Er wünscht seiner Tochter in einer reanimierten Form viel Glück zum Geburtstag – mit seinem Gesicht und seiner Stimme. Und in Kanye Wests Worten, wie sich gegen Ende des Clips unschwer feststellen lässt: «You have married the most most most most most genius man in the whole world, Kanye West», sagt Kims Vater, «du hast den aller-, aller-, aller-, allergenialsten Mann der Welt geheiratet, Kanye West.» Die Ehe wurde durch diese Eigenwerbung aus dem Mund des Vaters aber auch nicht gerettet. Wenige Monate später war Schluss.

Bereits 2008 hatte der 1980 verstorbene John Lennon im Namen der «One Laptop per Child»-Stiftung dafür geworben, dass jedes Kind Zugang zu einem Computer haben solle. Die Animation war damals noch ziemlich schitter, aber die mit Lennons Stimme hergestellte Durchsage klang einigermassen authentisch. Auch wenn das Wort «Laptop», das erst in den 80ern gebräuchlich wurde, mit grosser Sicherheit synthetisch hergestellt worden war.

John Lennon macht Werbung

Und jetzt spricht also plötzlich der 2018 verstorbene Anthony Bourdain ein paar Sätze aus dem Jenseits, die er so nie gesagt hat. Also mündlich. Schriftlich schon. Sie stammen zum Beispiel aus einer Email, die er einem Freund geschrieben hat: «You are successful, and I am successful», sagt Bourdains Stimme, «and I’m wondering: Are you happy?» «Du bist erfolgreich, und ich bin erfolgreich und ich frage mich: Bist du glücklich?»

Zu vernehmen sind sie im neuen Dokumentarfilm «Roadrunner: A Film About Anthony Bourdain» von Morgan Neville. Der Film ist jetzt in den amerikanischen Kinos angelaufen und soll noch 2021 auf HBO und CNN zu sehen sein.

Trailer zu «Roadrunner»

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Video: YouTube/Focus Features

Der New Yorker Anthony Bourdain war Koch, Autor, Abenteurer, war im Fernsehen neugierig und schmerzfrei. Liebte Feuer, französische Küche und die Frauen. Und litt immer wieder unter schweren Depressionen. Hielt sich, der mit 43 über Nacht vom schlecht bezahlten Koch zum Sensationsautor des Enthüllungsbuchs «Kitchen Confidential» geworden war, für einen Hochstapler, der sofort wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden könnte. Am 8. Juni 2018 erhängte er sich zum Entsetzen aller während Dreharbeiten zu seiner Show «Parts Unknown» in Frankreich.

Der Kalifornier Morgan Neville gewann 2014 mit «20 Feet from Stardom», seinem Dokfilm über die afroamerikanischen Background-Sängerinnen von Bruce Springsteen, Elton John und den Stones, einen Oscar. Jetzt hat er unzählige Interviews mit Hinterbliebenen geführt und dabei, so erzählte er im «New Yorker», viel Trauerarbeit geleistet. Bloss mit Bourdains letzter Freundin, der Schauspielerin Asia Argento wollte er nicht reden und stempelte sie – amerikanischen Kritiken zufolge – im Film zur absoluten Bösewichtin ab. Zusammen mit Material aus Bourdains Sendungen entstand so ein zweistündiger Dokumentarfilm.

Insgesamt 45 Sekunden dieser zwei Stunden sorgen nun für grosse Diskussionen. Neville hat zwar Bourdain nicht als Video-Avatar auferstehen lassen und auch nicht als Hologramm, wie Tupac Shakur, der 2012, also 16 Jahre nach seinem Tod, in Coachella neben Snoop Dog auf der Bühne «stand».

Aber er hat gut 12 Stunden von Bourdains Stimmmaterial von einer Software-Compagnie zu einer künstlichen Stimme machen lassen. Die dann eben zum Beispiel Bourdains Emails vorlesen kann. Eine Massnahme, die Neville rein um des dramatischen Effektes Willen getroffen hat. Mit der nachgebildeten «echten» Stimme soll die Authentizität und Emotionalität von Bourdains Worten noch verstärkt werden. Nun ist dies zwar gewiss eine Annäherung, aber eben auch nicht mehr. Die künstliche Intelligenz hinter der Stimme zieht ihre Interpretation aus der Schnittmenge einer begrenzten Anzahl von Ausdrucksmöglichkeiten.

Filmgoers watch the premiere of

Am 11. Juni findet die Premiere von «Roadrunner» am Tribeca Festival in New York statt. Bild: keystone

Die Stelle mit der Frage nach dem Glücklichsein wurde vom Adressaten von Bourdains Email entdeckt. Zwei weitere, künstlich gesprochene Stellen im Film will Neville nicht preisgeben. Die Reaktionen darauf sind widersprüchlich. Die einen finden, dass Neville im Rahmen der künstlerischen Freiheit nicht wirklich weit gegangen sei. Die andern sind fassungslos, weil sie dies für journalistisch unethisch halten und für ein Verbrechen an der Objektivität, die doch gerade beim Dokumentarfilm über allem stehen müsse. Beim Spielfilm, dessen erzählerische Grundlage eh die Fiktion ist, galten digital wiederbelebte Schauspielerinnen und Schauspieler – beispielsweise Carrie Fisher in «Rogue One: A Star Wars Story» – noch nie als Todsünde.

Schlimm ist Nevilles Anwendung von künstlicher Intelligenz in diesem Fall nicht wirklich. Es wird keine missbräuchliche Realität hergestellt, indem – wie etwa in Deepfake-Pornos – ein bekanntes Gesicht auf einen fremden Köper montiert wird. Und es geht auch nicht darum, angebliche Videobeweise über die Verfehlungen einer Politikerin oder eines Politikers zu liefern. Und niemand behauptet, dass die Worte, die Bourdain im Film als Voice-Over «spricht», nicht von ihm stammen. Nicht so wie Trump, der am einen Tag eine Aussage machen und am nächsten behaupten konnte, sie sei gefälscht worden.

Director Morgan Neville attends the premiere of

Morgan Neville am Tribeca Festival. Bild: keystone

Es handelt sich also nicht um eine Publikumstäuschung mit manipulativer Absicht. Eher um einen Brückenschlag zwischen Bourdains beglaubigten Worten und einer mündlichen Realität. Es ist bloss ein übermässig komplizierter Umweg. Ein Schauspieler hätte diese Zeilen auch sprechen können. Oder die Freunde, an die sie gerichtet waren, hätten sie vorlesen können.

Aber natürlich ist wieder ein kleines Stück direkt verifizierbarer Realität aufgelöst hin zum grossen virtuellen «Anything Goes», das sich vor wenigen Jahrzehnten auch die kühnste postmoderne Theorie noch nicht vorstellen konnte. Obwohl damals jede mögliche Auflösungserscheinung postuliert wurde.

Und was wird jetzt aus Bourdains Stimme? Vieles wäre vorstellbar: Kulinarik-Podcasts, Navigationsgeräte, Haushaltsroboter, Sexpuppen ... oder auch einfach Ruhe. Weil ein Leben trotz aller Sehnsucht nach Ewigkeit endlich ist. Auch wenn die Methoden, Tote wieder heraufzubeschwören, im Vergleich zu früher unendlich viel raffinierter geworden sind.

Es gibt bei uns leider noch keine Möglichkeit, «Roadrunner» zu sehen.

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