Zwei Mütter erzählen, wie sie die Drogensucht ihrer Kinder erleben
Zwei Buben, sie kennen sich nicht, doch ihr Lebensweg ähnelt sich: Beide wuchsen behütet auf, kamen in der Schule gut mit und hatten Freunde. Doch als Teenager rutschten sie in die Drogensucht. Seit Jahren prägt die Suchterkrankung der beiden Männer das Leben ihrer Eltern. Ihre Mütter Anita und Regula erzählen, wie sie um ihre Kinder kämpfen, um sie bangen, hoffen, loslassen und gleichwohl nie die Liebe zu ihnen verlieren.
Anita: «Ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben»
Blickt Anita aus dem Fenster ihres Wohnzimmers, schaut sie auf zwei Welten. Auf der einen Seite verschachteln sich Häuser, Blöcke und hohe Kamine zu einem Betonteppich, auf der anderen Seite fliessen grüne Matten in eine hügelige Waldlandschaft. Wie ihr Wohnort ist auch Anitas Leben von Kontrasten geprägt. Momentan freut sie sich etwa auf eine Auslandreise. Gleichzeitig nagt die Frage an ihr: Kommt ihr Sohn während ihrer Abwesenheit klar?
Die Welt von Anita brach 2018 auseinander. In ihrem Portemonnaie fehlte damals Geld. Es war zu viel, um es verlegt zu haben. «Ich habe drei Söhne. Mir war aber sofort klar, wen ich ansprechen musste», sagt Anita.
Das Geständnis
Der Älteste, damals gerade volljährig geworden, war mit seinen Finanzen bereits als Teenager überfordert. Zwar wusste Anita, dass ihr Sohn manchmal kiffte, doch das hatte sie nicht weiter beunruhigt. Schliesslich war er in seiner Lehre eingebunden und hatte Freunde. Als sie ihn auf das fehlende Geld ansprach, gab er sofort zu, dass er es genommen hatte. Er nannte Substanzen wie Ecstasy, Kokain, «vielleicht noch mehr», die er konsumierte. «Auf einen Schlag wurde mir klar, wie tief er bereits drinsteckte», sagt Anita.
Sie meldete sich umgehend bei der Suchtberatung. Ihr Sohn kam mit, was sie als gutes Zeichen wertete. Im Gespräch erfuhr sie, dass er dealte, was sie schockierte. Sie versuchte, ihrer Ohnmacht etwas entgegenzustellen. «Ich verfiel in einen Aktionismus. Es war mein Versuch, die Kontrolle über unser Leben zurückzuholen. Ich war naiv, überfordert und unwissend, was Sucht alles beinhaltet, und überschätzte meinen Einfluss total.»
Obwohl sich Anita Fachwissen aneignete und Unterstützung holte, konnte sie dem immer tieferen Fall ihres Sohnes bloss zuschauen. Er begann Hustensirup mit Kodein zu konsumieren, trank viel Alkohol und griff zu Opiaten. Zeitweise kombinierte er mehrere Substanzen gleichzeitig. Mit 19 Jahren rauchte er erstmals Heroin, später spritzte er es.
Ihr Ex-Mann war ebenso hilflos wie Anita. Eine wüste Unordnung durchzog das Zimmer ihres Kindes; immer häufiger fehlte er in seiner Lehre. Kurz vor seinem Abschluss brach der Sohn die Ausbildung ab. «Zeitgleich verschlechterte sich sein körperlicher Zustand. Er schottete sich völlig ab und sprach nur noch selten», sagt Anita. Zwar sei er rasch in ein Substitutionsprogramm gegangen, doch krankheitseinsichtig wurde er dadurch nicht.
Kontaktabbruch unvorstellbar
Seine Mutter versuchte gegenzuhalten. Sie probierte es mit Wissen und Fakten. Einmal habe sie ihm auf Flipchart-Papieren die Folgen seines Konsums aufgezeigt. In anderen Gesprächen schilderte sie ihm ihre Ängste und versuchte, ihn dadurch zu erreichen. «Ich wollte ihn retten, ihn aus den Drogen holen.» Doch nichts half. Anita arbeitete damals in einem hohen Pensum. Ihre Erschöpfung wurde derart gross, dass sie zeitweise krankgeschrieben war. Sie spürte, dass es sie aufreibt, wenn sie weiterhin mit ihrem Ältesten zusammenlebt. Als ihr Sohn 21 Jahre alt war, verlangte sie, dass er sich eine eigene Bleibe sucht. Den Kontakt brach sie nie ab. Das sei für sie immer unvorstellbar gewesen, sagt Anita.
Bis heute verwaltet sie sein Geld und kümmert sich um sämtliche administrative Belange des inzwischen 26-Jährigen. Besucht sie ihn, nimmt sie seine Wäsche mit und räumt manchmal bei ihm auf. «Ich will nicht, dass er verwahrlost oder einen Schuldenberg anhäuft», sagt sie. Falls ihm einmal der Absprung gelingt, will Anita nicht, dass er ein Leben lang für die Zeit der Sucht bezahlen muss. «Ich versuche, die Realität, wie sie ist, zu akzeptieren. Aber ich weigere mich, die Hoffnung auf einen guten Ausgang aufzugeben», sagt sie.
Austausch tut gut
Unterstützen könne sie ihn aber nur, wenn sie bewusst auf ihre Kräfte achte. Deshalb nahm sie an einem Selbstfürsorge-Kurs für Angehörige teil. Im Anschluss gründete sie mit den anderen Kursteilnehmenden eine Selbsthilfegruppe. Bis heute treffen sie sich regelmässig. Dieser Austausch tue ihr gut, ebenso Sport, in der Natur unterwegs zu sein oder Tagebuch zu schreiben.
Vor einigen Wochen begann sie, ihre Erfahrungen im Internet zu teilen und lancierte dafür den Youtube-Kanal Die Mutter, die spricht. Scham, über die Suchterkrankung ihres Sohnes zu sprechen, habe sie nicht. Ihr Umfeld habe sich vor allem hilfsbereit gezeigt, als sie davon erfuhren. Auch ihre Eltern wissen, wie es ihrem Enkel geht.
Erzählt Anita über ihren Sohn, ist die Schwere stets spürbar. Häufig bricht ihre Stimme und Tränen fliessen. «Ich empfinde eine grosse Trauer, weil er sein Potenzial nicht ausleben kann und seine Gesundheit leidet.» Nicht immer sei sie verzweifelt. Der Umgang mit der Suchterkrankung ihres Sohnes sei kein einheitlicher Zustand, sondern vielmehr ein Kontinuum. «Manchmal bin ich gelassen und empfinde Freude im Leben. Dann verliere ich wieder diese Bodenhaftung, alles beginnt sich zu drehen und ich schlafe nachts nicht mehr», sagt Anita. Etwa, als ihr Sohn einen Entzug abbrach, im fürsorgerischen Freiheitsentzug war oder in Untersuchungshaft landete.
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Zuweilen reicht es auch, dass er ihre Anrufe nicht annimmt. «Erst kürzlich konnte ich ihn einen ganzen Tag lang nicht erreichen. Das kommt vor. An besagtem Tag überrollte mich aber plötzlich eine Panik und ich fuhr zu ihm. Ich musste einfach wissen, ob er tot in seinem Zimmer liegt oder nicht.» Die Angst, dass er an einer Überdosis sterben könnte, begleite sie stets. Manchmal könne sie diese länger verdrängen, dann übernehme sie wieder mit Wucht ihr Denken.
Vertrauen aufbauen
Früher hätten die Lügen des Sohnes ihr Verhältnis stark belastet. Heute habe sie mehr Vertrauen zu ihm. Ihr Psychiater riet ihr einst, ihren Ältesten zu loben. Erstaunt habe sie den Mann angeschaut und gesagt, da gebe es nicht viel, was sie anerkennen könne. Er entgegnete ihr: «Dann suchen Sie, bis Sie etwas finden.» Das sei wegweisend gewesen. «Ich spüre, wie gross die Freude meines Sohnes ist, wenn ich ihm Wertschätzung zeige», sagt Anita. Sie habe zudem gelernt, Dinge von ihm wertfrei entgegenzunehmen. Das habe geholfen, dass er ehrlicher und offener wurde. «Inzwischen gelingt es mir oft, das Glas halbvoll statt leer zu sehen», sagt Anita. Gleichwohl sei sie innerlich stets angespannt, wenn sie ihn treffe. Dies, weil sie nie wisse, ob ein weiterer Rückschlag auf sie wartet.
Doch was macht eine solche Anspannung, wenn sie gar jahrzehntelang besteht? Das weiss Regula. Auch ihr Sohn ist suchterkrankt – seit fast zwanzig Jahren.
Regula: «Wir rechnen damit, uns von ihm verabschieden zu müssen»
Es geschah vor drei Jahren: Wie so oft lag Regula nachts wach und fand keinen Schlaf. Tagsüber fühlte sie sich derart schwach, dass sie kaum gehen konnte. Nur knapp schaffte sie es von der Tiefgarage zum Lift und von dort auf den Bürostuhl. Kochte sie, musste sie sich nach zehn Minuten hinsetzen. Die Pflegefachfrau war überzeugt: Sie ist an der Nervenkrankheit ALS erkrankt. Doch der Neurologe verneinte. Regula kam in eine Schlafklinik und erhielt psychologische Hilfe. Da erst realisierte sie: Ihr Körper reagierte auf fast zwanzig Jahre permanente Alarmbereitschaft. «Das hat mich erschüttert, weil ich überzeugt war, einen guten Umgang mit der Suchterkrankung meines Sohnes zu haben», sagt Regula. Doch ihr Körper zeigte ihr, dass sie an ihre Grenzen gestossen war. Sie musste lernen, noch besser auf sich aufzupassen.
Vor rund vierzig Jahren bekamen Regula und ihr Mann den ersten von zwei Söhnen. Ihr Ältester war ein aufgewecktes Kind und ein furchtloses Energiebündel. Als er drei Jahre alt war, sprang er mit seinen Schwimmflügeln vom Drei-Meter-Brett. Gefiel ihm etwas, ging er keine Kompromisse ein.
Als Jugendlicher wurde ihm das zum Verhängnis. Im Alter von rund 15 Jahren begann er, Cannabis zu rauchen. Bald probierte er Härteres. Erst Kokain, dann Heroin. Die Oberstufe beendete er noch knapp, die anschliessende Lehre brach er ab. Damals wohnte er bei seinen Eltern. Eine ganz schlimme Zeit sei das gewesen, sagt Regula: «Er stahl und konsumierte zu Hause. Ging ich arbeiten, musste ich die Wertgegenstände verstecken. Am schwierigsten war es aber, ihn fast durchgehend verladen zu erleben.»
Das Ultimatum
Als ihr Sohn 18 Jahre alt war, setzten ihm seine Eltern eine Frist. Innert drei Monaten musste er sich entweder einen Therapieplatz oder eine Wohnung organisieren. Er habe sie nicht ernst genommen – und musste ausziehen: «Das war ein Selbstschutz für unsere Familie. Wir hielten es nicht mehr aus. Alles drohte auseinanderzubrechen, selbst unsere Ehe», sagt Regula. Es ging nur noch um den älteren Sohn; der Jüngere stand komplett im Schatten seines Bruders.
Dem Ultimatum sei ein langer Prozess vorausgegangen. «Mein Mann und ich mussten uns erst einig werden, dass wir uns nicht gegenseitig die Schuld geben, falls unserem Sohn etwas zustösst», sagt Regula. Tatsächlich landete er auf der Strasse. Den Kontakt zu ihm hielten die Eltern stets aufrecht. Sonst zogen sie sich zurück, schwiegen und kämpften mit grossen Schuld- und Schamgefühlen. Verwandte und Freunde waren zwei Jahre lang ahnungslos. «Das war der Horror», sagt Regula rückblickend.
Erst als sie in einer Selbsthilfegruppe zu reden begannen, fanden sie jenes Verständnis, das ihre Isolation bröckeln liess. «Wir mussten erst verstehen, womit wir es zu tun hatten. Sucht ist keine schlechte Phase und keine moralische Schwäche. Es ist eine schwere Erkrankung», sagt Regula. Das bedeute auch: Weder durch Liebe noch durch Kontrolle oder Druck werde das Kind gesund. Das anzuerkennen sei die totale Ohnmachtserfahrung. «Gleichzeitig mussten wir lernen, zentrale Dinge auseinanderzuhalten. Wir lieben unseren Sohn und unterstützen ihn, wenn er uns braucht. Aber wir sind nicht verantwortlich für sein Handeln.»
Grenzen setzen
Regula und ihr Mann setzten ihrem Sohn klare Grenzen. Sie lauten etwa: Er darf sie immer besuchen, solange er nüchtern ist. Seit längerem ist er in einem Substitutionsprogramm und hat eine eigene Wohnung. Alle paar Wochen putzen seine Eltern und gehen einkaufen mit ihm; der Vater verwaltet sein Geld.
Bis heute litten sie als Eltern – aber inzwischen mit einer gewissen Distanz. «Wir leben grösstenteils wieder unser eigenes Leben. Das mag egoistisch klingen, ist aber überlebenswichtig», sagt Regula. Ein schönes Leben zu führen, bedeute unter diesen Umständen nicht, sorglos zu sein. Es heisse vielmehr, wieder lachen zu können und ohne schlechtes Gewissen Schönes zuzulassen.
Doch trotz ihres Wissens über Sucht nagen bis heute Schuldgefühle an ihr. Ihr Mann könne diese besser von sich weisen. Ihm falle auch der Umgang mit dem Sohn einfacher. «Mir gelingt es nicht immer, meine grosse Angst um ihn zu zügeln», sagt Regula. Mehrfach erlebten sie und ihr Mann in der Selbsthilfegruppe, wie Kinder anderer Eltern durch eine Überdosis gestorben waren. «Auch wir rechnen damit, dass wir uns eines Tages von unserem Sohn verabschieden müssen. Wir sehen ja, was die Drogen in all den Jahren mit seinem Körper machten», sagt Regula.
Diese Angst auszuhalten, sei etwas vom Schwierigsten. Im Alltag belaste sie auch, wie suchterkrankte Menschen wiederholt Willkür, Vorurteilen und Härte ausgeliefert seien. «In all den Jahren habe ich zigfach erlebt, wie unser Sohn als Mensch zweiter Klasse behandelt wurde», sagt sie. Etwa, als er im Spital lag und Ärzte sich weigerten, ihm «aus Prinzip» seine Substitute zu geben. «Einem Diabetiker würde niemand das Insulin verweigern. Für unseren Sohn kann es ebenfalls lebensgefährlich werden, wenn er bereits krank auch noch Entzugserscheinungen bekommt», sagt Regula.
Kampf gegen die Stigmatisierung
Schwierige Erfahrungen machte sie auch mit der Polizei, wenn ihr Sohn mit dem Gesetz in Konflikt kam. Regula betont, sie wolle seine Taten nicht verharmlosen. Eine Festnahme führte ihren Sohn jedoch ins Spital: Er hatte einen Schädelbruch und einen Stiefelabdruck am Kopf. Regula rief bei der Polizei an: «Ich sagte zum Beamten: Ich will nichts beschönigen, aber ich möchte wissen: Weshalb kam es zu dieser übermässigen Gewalt?» Ihre anschliessende Beschwerde sei im Sand verlaufen. «Solche Erfahrungen verstärken die Ohnmacht. Ich habe nicht nur das Gefühl, gegen eine Krankheit zu kämpfen, sondern gegen ein ganzes System an Stigmatisierung.»
Es gebe Momente, da fühle sie bloss eine unfassbare Wut. Eine Wut auf die wiederholten Dramen mit ihrem Sohn, auf seine Lügen und Rückfälle. Darauf folgt stets das schlechte Gewissen. «Ich denke dann: Eine gute Mutter fühlt doch nicht so, schliesslich ist er krank.» Sie habe lernen müssen, die Ambivalenz zwischen Liebe und Wut zu akzeptieren, sagt Regula. «Als Eltern eines suchtkranken Kindes gilt es, sich alle Gefühle zuzugestehen.»
Das sei vielleicht die grösste Entwicklung nach so vielen Jahren gewesen. Keine Berührungsängste mehr mit den eigenen Gefühlen zu haben. «Ohne selbst kaputt zu gehen, kann ich dadurch bei ihm bleiben. Nicht als Retterin und nicht als Opfer, sondern als Mutter.»
(aargauerzeitung.ch)

