Neo-Schamanismus: Das steckt hinter dem Phänomen
Am 22. März wurden die Organisatoren eines schamanischen Retreats von der jurassischen Staatsanwaltschaft verurteilt. Der Grund? Die beiden Männer hatten den Teilnehmenden Ayahuasca angeboten – ein halluzinogenes Gebräu aus dem Amazonas, das in der Schweiz illegal ist. Der Fall machte zwar grosse Schlagzeilen, verdeckt aber eine viel breitere Realität, die viele gar nicht auf dem Radar haben: den Neo-Schamanismus.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Das Phänomen beschränkt sich längst nicht nur auf Drogen – dahinter steckt ein Geflecht aus verschiedenen Strömungen und Spielarten. Wir haben darüber mit Manéli Farahmand gesprochen, Leiterin des interkantonalen Informationszentrums zu Glaubensfragen (CIC) und Autorin eines Buchs über Neo-Schamanismus. Das Interview.
Was ist Neo-Schamanismus?
Manéli Farahmand: Es handelt sich um ein äusserst vielfältiges Feld, auch wenn gewisse gemeinsame Merkmale in den unterschiedlichen Strömungen erkennbar sind. Der Begriff Neo-Schamanismus bezeichnet in der Regel alle Formen von Schamanismus, die seit den 1980er-Jahren entstanden sind – vor allem im Westen, auch wenn das Phänomen ebenso in nicht-westlichen Kontexten vorkommt.
Welche gemeinsamen Merkmale sind das, die Sie angesprochen haben?
Eines der wichtigsten ist der starke Fokus auf das Therapeutische. Diese Praktiken vermitteln ein ganzheitliches Gesundheitsverständnis und sind oft stärker auf das Individuum zugeschnitten – ein wesentlicher Unterschied zu den traditionellen schamanischen Formen, wie man sie historisch kennt. Im Zentrum steht die Arbeit an sich selbst, an den eigenen Emotionen und inneren Verletzungen.
Findet sich das nicht auch in traditionellen Praktiken? Doch, aber in einem ganz anderen Kontext. Traditionelle schamanische Rituale verorten ihr Verständnis von Gesundheit und Körper in komplexen kosmologischen Systemen, in denen es darum geht, ein Gleichgewicht mit der Natur, den Ahnen und den Gottheiten zu bewahren. Diese Praktiken haben zudem eine starke identitätsstiftende Dimension und erfüllen vor allem eine wichtige soziale und gemeinschaftliche Funktion. Diese kollektive Ebene findet sich nur in bestimmten neo-schamanischen Strömungen wieder – etwa bei den Déo-Celtes oder anderen ethnisch inspirierten Formen des Neo-Schamanismus.
Angesichts dieser Unterschiede: Ist es sinnvoll, diese neuen Praktiken als schamanisch zu bezeichnen?
Ja, denn die Bezugspunkte sind vorhanden – auch wenn sie neu aufgegriffen und umgedeutet wurden. Die Inhalte verändern sich, aber Formen und Symbole bleiben ähnlich. So findet man zum Beispiel die Praxis der Schwitzhütte wieder, auch wenn ihre Anwendung im Westen von jener abweicht, die in indigenen Gemeinschaften beobachtet wurde.
Man bringt zum Beispiel keine Tieropfer dar, und bestimmte Figuren – etwa die Mutter Erde – verlieren ihren furchteinflössenden und mitunter zerstörerischen Charakter.
Welche Hauptströmungen gibt es heute in der Schweiz?
Es gibt drei grosse Tendenzen. Die erste umfasst äusserst eklektische Strömungen, die sich auf keine bestimmte Tradition berufen und sich mit allen möglichen Praktiken kombinieren lassen. Dabei kommen sowohl Trommeln, Kakao-Zeremonien und öko-spirituelle Praktiken als auch Meditation und Tarot zum Einsatz. Diese Strömung ist stark auf persönliche Entwicklung ausgerichtet.
Die zweite Strömung ist mit der Foundation for Shamanic Studies (FSS) verbunden, einer Organisation, die Ende der 1970er-Jahre vom ehemaligen US-amerikanischen Anthropologen Michael Harner gegründet wurde. Er wollte schamanisches Wissen einem westlichen Publikum zugänglich machen, und seine stark auf Heilung ausgerichtete Praxis hatte grossen Einfluss. Schulen der FSS gibt es weltweit, auch in der Schweiz, und sie bieten Zertifizierungen an, um Schamane zu werden.
Und die dritte?
Die dritte Strömung umfasst Bewegungen, die versuchen, alte vorkoloniale und vorchristliche Traditionen wieder aufzugreifen – verstanden als kulturelles Erbe, das es neu zu entdecken gilt. Dazu zählen etwa keltische oder druidische Bewegungen sowie neo-schamanische Richtungen mit ethnischer Inspiration, die sich unter anderem auf die Kulturen der Maya, Inka, Azteken, Sioux oder Lakota beziehen.
Kennt man das Profil der Anhänger dieser Praktiken?
Ja, das ist gut dokumentiert. Es handelt sich vor allem um urban geprägte Personen aus der Mittel- und oberen Mittelschicht mit höherer Bildung. Neo-schamanische Praktiken ohne den Einsatz von Psychotropen ziehen vor allem Menschen zwischen 40 und 70 Jahren an, insbesondere Frauen, die sich – oft nach schwierigen Lebensphasen – wieder verstärkt mit ganzheitlicher Gesundheit und Spiritualität beschäftigen. Praktiken hingegen, die sich um die Ritualisierung psychoaktiver Pflanzen drehen, sprechen eher jüngere Personen an, allerdings mit einem ähnlichen Profil.
Psychotrope Substanzen sind ja oft Thema – insbesondere Ayahuasca wird in den Medien häufig erwähnt. Spielt diese Substanz eine zentrale Rolle in diesen Praktiken?
Nein, nicht alle Strömungen beruhen auf dem rituellen Einsatz von Psychotropen.
Der mystische Tourismus rund um Ayahuasca, wie man ihn heute kennt, ist nur eine spezifische Strömung innerhalb des Neo-Schamanismus. Aufgrund seines kontroversen Charakters sorgt er jedoch besonders für Aufmerksamkeit.
In der Schweiz ist Ayahuasca verboten. Welche Gefahren sind damit verbunden?
In indigenen Kulturen findet die Ritualisierung dieser Pflanzen unter sehr spezifischen Bedingungen statt. Menschen ausserhalb dieser Kulturen, die sich darin einführen lassen, verfügen nicht unbedingt über die nötige Vorbereitung, Begleitung oder Deutungsmuster. Es handelt sich um Praktiken, die den Körper stark beanspruchen und teils drastische körperliche Effekte haben können. Besonders gefährlich kann es werden, wenn bereits psychische Vorerkrankungen bestehen.
Beschäftigt der Neo-Schamanismus die Schweizer Bevölkerung?
Seit 2002 hat das CIC 71 Anfragen zum Neo-Schamanismus erhalten, davon äusserten 23 konkrete Bedenken. Diese Zahl ist relativ niedrig, wenn man bedenkt, dass wir jährlich im Schnitt zwischen 300 und 400 Anfragen bekommen. Allerdings sagt die reine Anzahl nicht alles aus – man muss auch die Art der geäusserten Sorgen betrachten.
Worauf bezogen sich diese Anfragen?
Es handelt sich vor allem um Personen, die sich um ihre Angehörigen sorgen. Es gab Meldungen im Zusammenhang mit Ayahuasca, andere betrafen Brüche mit dem sozialen Umfeld oder Veränderungen des Lebensstils. Manche berichten, dass Angehörige ihre Arbeit aufgegeben haben, um sich schamanischen Gemeinschaften anzuschliessen, während andere von erheblichen finanziellen Investitionen berichten – insbesondere für Workshops, Seminare oder Retreats.
