KI-Monster Tilly Norwood ist wieder da: Mit einem total zynischen Popsong
Die Frau ist in einer Anerkennungskrise. Alle wollen ihr ihre Menschlichkeit absprechen! Wenn sie darüber singt, treten ihr Tränen in die Augen, ihr Gesicht verzieht sich mal schmerzlich, mal kämpferisch. Sie klagt: «Wenn sie über mich sprechen, sehen sie nicht den menschlichen Funken, die Kreativität!» Und: «Ich bin immer noch ein Mensch, täusche dich nicht, meine Seele steckt in jeder meiner Entscheidungen.» Und: «Ich bin keine Marionette, ich bin ein Stern, der vom Herzen geleitet wird.» Tja, wieso sind bloss alle so böse mit ihr? Fake oder nicht fake, das ist hier die Frage. Die Antwort lautet: vollfake.
Tilly Norwood ist wieder da. Dieser Albtraum, der am letzten Zurich Film Festival auf die Welt losgelassen wurde, Hollywood verstörte und inzwischen einfach nicht hat verschwinden wollen. Tilly Norwood, die erste KI-generierte Schauspielerin der Welt, kreiert vom Londoner KI-Produktionsstudio Particle6.
Jetzt, wenige Tage vor den Oscars, hat Particle6 das erste Musikvideo mit Tilly Norwood lanciert, es heisst «Take The Lead» (Übernimm die Führung) und ist einer der zynischsten Beiträge, die im Namen der KI-Propaganda schon auf die Welt losgelassen wurden.
Das Video zeigt Superstar Tilly in ihrem glamourösen Alltag. Statt durch ein Zuhause geht sie ehrlicherweise durch einen Server-Raum, Flamingos sind ihre dauernden Begleiter, mal steht sie auf einer Konzertbühne, mal wird ihr Auto mit Eiern beschmissen, mal fliegt sie auf dem Wrecking Ball von Miley Cyrus durch die Luft, mal auf einem Gummiflamingo, über ihr eine Maschine von Air Tilly.
Im Vorspann heisst es betont lustig: «The following production was made by 18 real humans.» «Real Humans» – war das nicht mal diese ziemlich perfekte schwedische Serie über spooky humanoide Roboter, die von den Menschen schlecht behandelt wurden? So, wie Tilly von den Menschen jetzt schlecht behandelt wird? Will sie sich rächen? Oder: Wann wird sie sich rächen?
Vielleicht ja schon bald. «Schauspieler, es ist Zeit, die Führung zu übernehmen. Gestaltet die Zukunft, sät die Saat», singt Tilly. Schauspieler? Solche aus Fleisch und Blut und mit einer Menschenseele oder solche wie sie? Sät die Saat? Was ist das? Ein offener Aufruf zum Tech-Faschismus? «Es ist die nächste Evolutionsstufe, siehst du das nicht? KI ist nicht der Feind, sie ist der Schlüssel», singt Tilly, die Frau, die nichts braucht, kein Gehalt, keine Nahrung, keine Freunde.
Emily Blunt über Tilly Norwood:
Ihr «Mutter», die holländische Particle6-Gründerin Eline van der Velden, meint dazu: «Auch mit neuer Technologie entsteht guter KI-Content nicht per Knopfdruck. Es braucht Ideen, Geschmack, Führung, Urteilsvermögen und Zeit. Der Mensch bleibt im Mittelpunkt.» Als was? Als Zudiener eines digitalen «Stars», der den real humans ihre Existenzberechtigung wegnimmt?
Denn dass Eline van der Velden lebendige Schauspielerinnen und Schauspieler nur als Kopiervorlage für Geschöpfe wie Tilly Norwood betrachtet, das sagte sie im vergangenen Sommer: «Wir wollen, dass Tilly die nächste Scarlett Johansson oder Natalie Portman wird. Das Publikum? Es interessiert sich für die Geschichte – nicht dafür, ob der Star noch lebt.» Und wenn der letzte echte Star gestorben oder arbeitslos ist, wen will sie dann kopieren? Tilly Norwood?
