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Afrika-Cup 2024 in Elfenbeinküste: Das macht die Faszination Afrika aus

Afrika-Cup 2024 Elfenbeinküste
Kleines Public Viewing in Abidjan. Bild: Reto Fehr
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Ich hasse Afrika*, aber ich liebe es noch viel mehr

Heute endet der Afrika-Cup mit dem Final zwischen der Elfenbeinküste und Nigeria. Das Fussballfest könnte mit der grössten Party ausklingen, welche das Land je gesehen hat. Mir hat die Endrunde einmal mehr gezeigt, was mich am Kontinent zum Verzweifeln bringt, aber warum ich ihn noch viel mehr liebe.
11.02.2024, 07:5811.02.2024, 12:33
Reto Fehr
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Wenn ich meine Reise an den Afrika-Cup in einem Satz etwas salopp zusammenfassen müsste, es wäre dieser hier: «Nichts funktioniert, aber alles geht.» Er gilt eigentlich bei allem, was ich unternehmen will. In den allermeisten Fällen ist es um mich herum laut und mühsam und Pläne kann man kaum so umsetzen wie geplant. Vieles dauert zudem länger als erhofft. Aber immer findet man einen Weg und kommt irgendwann an.

Strassenleben in Abidjan.Video: watson

Das fing in diesem Jahr schon bei der Reisevorbereitung an. «126.50 Franken», sagt der leicht genervte Mitarbeiter der ivorischen Botschaft in Bern. Ich sehe meinen erfolgreichen Visumsantrag doch noch dahinschwinden. Denn ich habe nur noch 126 Franken in bar dabei. Seit gut einer halben Stunde verhandeln wir bereits, ob ich alle benötigten Unterlagen vorschriftsgemäss beisammen habe.

Genervt sind wir beide, zeigen darf ich es nicht. Meinem Einladungsschreiben vom afrikanischen Fussballverband fehlt die Unterschrift, auf meiner AirBnB-Reservation vorerst mein Name, meine Flugbestätigung ist zu klein gedruckt und meine Gelbfieberimpfung zu dunkel kopiert. An allem hat er irgendwas auszusetzen. Immer wieder klärt er bei der Botschafterin ab. Er wolle mir ja so gerne die Reise in sein Land ermöglichen, aber Regeln seien halt Regeln. Diese Bürokratie, da kann kein Bünzli mithalten.

Afrika-Cup 2024 Elfenbeinküste
Zwischenstopp auf der Autobahn von Abidjan nach Yamoussoukro.Bild: Reto Fehr

Und jetzt dieser letzte Punkt: das Geld. Ich wusste, man muss den Betrag von 120 Franken für das Visum genau mitbringen. Ich vergass, dass ich auch noch die 6.50 Franken für den eingeschriebenen Brief bezahlen muss. Was jetzt? Der Mitarbeiter hat Erbarmen. «Dieses Mal schenke ich dir die 50 Rappen, aber für das nächste Mal», sagt er und kramt eine leicht vergilbte Liste mit 13 Punkten hervor, die den Visumsantrag regeln, «das nächste Mal gilt diese Liste aufs Wort.» Dieses Umgehen der Bürokratie, da kann kein Bünzli mithalten.

Ein Leben wie ein Smartphone

«Heute kommst du durch, aber nächstes Mal gelten die Regeln», ich habe aufgehört zu zählen, wie oft mir das rund um den Afrika-Cup gesagt wurde. Sicherheitsleute und Militär scheinen rund um die Stadien so zu funktionieren. Obwohl ich mit der Akkreditierung (fast) überall Zutritt habe, lehnen sie erst entschieden ab, fragen dann ihren Vorgesetzten und der erklärt mir eben genau dies: «Heute ist's okay, nächstes Mal nicht mehr.» Ich nicke dankend und wir beide wissen genau: Ein nächstes Mal wird es nicht geben.

Afrika-Cup 2024 Elfenbeinküste
Kleider trocknen nach dem Waschen im Fluss.Bild: Reto Fehr

Klar ist einfach: Nichts ist fix, bis es tatsächlich eintrifft. Alles kann sich bis zum letzten Moment noch ändern. Mal zum Guten, mal zum weniger Guten. Ein Einheimischer in Uganda erklärte mir vor Jahren, dass die Unverbindlichkeit, die mit Smartphones die Welt eroberte, Afrika perfekt widerspiegelt: «Gefühlt ist mit diesen Dingern alles möglich. Nur wenige kennen den schnellsten Weg und schöpfen alle Möglichkeiten aus. Und plötzlich verschwindet etwas und etwas Neues entsteht.»

Dieses «Man weiss nie recht, was passiert» trifft auch auf den Weg von meiner Unterkunft zum grossen Busbahnhof im einigermassen berüchtigten Viertel Adjamé zu. Der Taxifahrer hupt und drängelt und überholt mal links, mal rechts. Er schimpft und flucht und hat es im dichten Morgenverkehr Abidjans eilig. Dann plötzlich fährt er rechts ran, steigt aus und erleichtert seine Blase. All das Drängeln für nichts.

Trotzdem schaffen wir es rechtzeitig zum Busbahnhof. Hier herrscht ein heilloses Durcheinander. Ich wäre völlig aufgeschmissen. Er aber nimmt mich sprichwörtlich an der Hand, besorgt das Ticket, stellt mich in die richtige Schlange vor den richtigen Bus nach Yamoussoukro und wartet, bis ich sicher eingestiegen bin. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie mühsam das geworden wäre, wenn er mich einfach da abgesetzt hätte.

Krasse Gegensätze

In Abidjan erlebe ich krasse Gegensätze. Im modernen Supermarkt kann ich Orangen aus Spanien, Mangos aus Brasilien oder Schoggi aus der Schweiz kaufen und bezahle mit Kreditkarte. Wenige Meter daneben möchte ich für die Überfahrt mit der alten Fähre den Fahrpreis von umgerechnet rund 30 Rappen mit dem Gegenwert von rund drei Franken bezahlen. Die Dame am Schalter fragt, ob ich nicht kleineres Geld habe, sie habe wenig Wechselgeld.

Afrika-Cup 2024 Elfenbeinküste
Der Ticketschalter und die Warteschlange bei der Fähre über die Lagune in Abidjan.Bild: Reto Fehr

Es wirkt wie in einer Parallelwelt. Am krassesten wird mir dies bewusst, als ich zum Eröffnungsspiel zwischen der Elfenbeinküste und Guinea-Bissau unterwegs war. So viele feiernde Menschen am Strassenrand, aber den Eintritt ins Stadion können sie sich niemals leisten.

Diese Begeisterung vor dem Spiel in den Strassen von Abidjan.Video: watson

Man hört in der Schweiz viel, wie gefährlich es in Afrika oder der Elfenbeinküste sein kann. Natürlich sollte man einige Gegenden meiden und einige Regeln beherzigen. Insgesamt habe ich mich nie unwohl gefühlt, nie wurde ich bedrängt, nie fühlte es sich an als, werde ich über den Tisch gezogen. Im Gegenteil. Es ist wie überall: 99 Prozent der Menschen sind freundlich und hilfsbereit. Das fällt mir vor allem bei den Taxifahrern auf. Vielleicht auch, weil Uber teilweise funktioniert oder die lokale Variante Yango sich durchgesetzt hat. So fallen Diskussionen über den Preis weg.

Diskussionen mit Taxifahrern

Ich steige trotzdem gelegentlich in ein «normales» Taxi. Einmal, um zum Banco Nationalpark – einem Urwald so gross wie der Zugersee mitten in der Stadt – zu kommen. Wir handeln einen Preis aus – 5000 CFA-Francs (ca. 8 Franken).

Wir fahren zum Besucherzentrum im Nationalpark mitten in der Stadt.Video: watson

Als ich nach dem Parkbesuch wieder einsteige und wir für den Guide noch einen kleinen Umweg fahren, sagt er: «Das macht dann total 14'500 CFA-Francs (ca. 25 Franken).» Ich behaupte erstaunt, er koste mich ja mehr als meine Frau (was natürlich nicht stimmt, weil sie finanziell total unabhängig von mir ist). Da erklärt er mir ganz ruhig: «Ich möchte dich nicht abzocken, das ist Mathematik. 5000 die Hinfahrt, 4000 die Wartezeit, 5500 die Rückfahrt.»

Ja, mein Guide brachte mich mit seinem Tempo durch den Urwald etwas ausser Atem.Video: watson

Ein anderer Taxifahrer stellt mir die Gegenfrage, wie viel ich denn für die gefragte Kurzstrecke bezahlen möchte?
Ich: «1500 CFA-Francs.»
Er: «2000.»
Ich: «1700.»
Er nickt.

Afrika-Cup
Finale:
Elfenbeinküste – Nigeria 21 Uhr MEZ
Spiel um Platz 3:
Südafrika – DR Kongo 6:5 n. P.

Die Partien werden in der Schweiz mit deutschem Kommentar auf dem TV-Sender Sportdigital übertragen.

Ein Dritter wiederum fragt nach einer Partie vor dem Stadion auch nach meinem Angebot.
Ich: «3000 CFA-Francs.»
Er: «5000.»
Ich: «4000.»
Er: «Es hat so viele Leute hier, jemand bezahlt mir 5000.»
Ich bin dieser jemand.

Da machte ich in anderen Ländern Afrikas schon ganz andere Erfahrungen. Aber hier in der Elfenbeinküste läuft alles mehr oder weniger entspannt ab, oder zumindest so entspannt, wie es im lauten Stadtalltag von «Babi», wie Abdijan im lokalen Nouchi-Französisch genannt wird, halt werden kann. Aber ich würde sogar sagen: Die Elfenbeinküste ist ein gutes Einstiegsland, wenn du mal eine Reise nach Afrika planst.

Fans am Afrika-Cup 2024

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Fans am Afrika-Cup 2024
Die Elfenbeinküste hat starke Unterstützung.
quelle: keystone / sunday alamba
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Was macht den Reiz aus?

Was denn der Reiz des Afrika-Cups ausmache, werde ich immer wieder gefragt. Viele können die Faszination nicht nachvollziehen oder würden sich nicht in eines der Austragungsländer «wagen». Es hat schon etwas, dass Afrika dich entweder total packt oder völlig kaltlässt.

Afrika-Cup 2024 Elfenbeinküste
Wer hierhin pinkelt, muss mit einer Busse von rund 8 Franken rechnen.Bild: Reto Fehr

Für mich ist es jedes Mal eine unbezahlbare Erfahrung. Man lernt so viel in so kurzer Zeit und es wird dir vor Augen geführt, wie gut es uns in der Schweiz grundsätzlich geht. Einmal will ich mithilfe von Google Maps einem Taxifahrer zeigen, wohin ich möchte, weil ich den Namen des Viertels sicherlich falsch ausspreche. Ich zeige ihm den Ausschnitt mehrere Male, bis ich merke: Er kann gar nicht lesen. Da sitzt du dann nur noch im Taxi und denkst, was für ein grosses Glück du hattest, dass du in einem Land geboren wurdest, das freien Zugang zu Bildung hat.

Einige Hühner vor meiner Unterkunft in Abidjan.Video: watson

Drei Stunden warten

Meist erlebst du mit anderen europäischen Journalisten oder Bekannten irgendwo im Stadion, im Bus oder im Restaurant etwas, das man gar nicht so recht erklären kann. Wir sagen uns dann jeweils: «Das kannst du zu Hause zwar erzählen, aber wenn du es nicht miterlebt hast, kannst du es kaum nachvollziehen.»

Das Abholen der Akkreditierung dauerte bei mir beispielsweise über drei Stunden. Gefühlt hätten auch zehn Minuten gereicht. Denn im Raum sitzen zwölf Personen an Computern, aber arbeiten können sie angeblich erst, wenn der Chef einen Antrag durchwinkt.

Afrika-Cup 2024 Elfenbeinküste
Es hätte so viele Mitarbeiter. Aber sie dürfen erst arbeiten, wenn der Chef sein Okay gibt.Bild: Reto Fehr

Um dessen Tisch bildet sich ein Pulk von Leuten, dahinter sitzen alle in der Warteschlange. Immer wieder kannst du einen Stuhl näher zum Ziel rücken. Aber dann drängeln sich noch irgendwelche vorne rein, andere erhalten aus einem Grund eine Expressbehandlung, manchmal kommt einer mit einer Liste von Akkreditierungen und blockiert alles und zwischendurch kommt es fast zu Handgreiflichkeiten. Man kann solche Szenen nicht erfinden, das würde einem niemand glauben.

Afrika-Cup 2024 Elfenbeinküste
So funktioniert die Warteschlange. Links musst du anstehen, dann durch die zwei Reihen Stühle rücken, dann zu den Stühlen im Hintergrund und dort durchrücken, dann in den Pulk vor dem Tisch rechts. Warten. Dann in den Pulk vor dem Tisch links. Dauer: über drei Stunden.Bild: Reto Fehr

Der nächste Afrika-Cup kommt bestimmt

Bei all den Mühseligkeiten, die mich teilweise auch nach Jahren fast verzweifeln lassen, so eine Reise gibt so viel zurück, das hebt das alles locker wieder auf. Ich kann nur allen empfehlen, sich selbst mal ein Bild davon zu machen. Ich glaube, eine Afrika-Reise bereichert jedes Leben.

Afrika-Cup 2024 Elfenbeinküste
Kochbanane mit «Serviette». Kostet keine 30 Rappen, ist aber eigentlich unbezahlbar.Bild: Reto Fehr

Nichts funktioniert, aber alles geht. Zurück in der Schweiz stehen wieder andere Herausforderungen bereit. Während eines Tages mit meinen Kindern denke ich: Eine Reise an den Afrika-Cup ist so ein bisschen wie das Leben mit mindestens zwei kleinen Kindern. Selten klappt etwas so, wie man sich das vorgestellt hat. Aber irgendwie geht es immer. Und für mich ist es einfach das grösste Glück auf Erden. Ich freue mich schon auf den Afrika-Cup 2025 in Marokko.

*Ja, ich weiss. Afrika ist kein Land. Dieses Mal fand der Afrika-Cup in der Elfenbeinküste statt. Ich war eine Woche da und habe so viel erlebt, was ich aus meinen Reisen in diverse andere afrikanische Länder bereits zu gut kannte. Anderes war mir neu. Der Ausdruck «This is Africa» kommt nicht von ungefähr, auch wenn jedes Land seine eigene Identität(en) hat. Es läuft auf dem Kontinent einfach vieles anders, als wir es uns aus der Schweiz oder Europa (ist ja auch kein Land) gewohnt sind.

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Afrikas Fussballer des Jahres seit 1993
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Afrikas Fussballer des Jahres seit 1993
1993: Rashidi Yekini (Nigeria).
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Afrika-Cup Achtelfinal 2024: Elfenbeinküste - Senegal, Siegtor
Video: watson
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46 Kommentare
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Spin Doctor of Medicine
11.02.2024 08:22registriert August 2019
Ich war 1995 ein halbes Jahr in Côte d'Ivoire. Viel scheint sich nicht geändert zu haben. Ich hatte viele Déja-vus beim Lesen. Danke für die geweckten Erinnerungen.
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Domo_draws
11.02.2024 09:44registriert Juni 2017
Muss sagen, das hab ich jetzt gerade wirklich sehr gerne gelesen. Es liest sich für mich wie eine perfekte Mischung eines Mehrparteien-Liebesromans zwischen Abenteuer, Adrenalin, einem emotionalem Labyrinth und gelentlicher Woosah-therapie mit Happyend. Da jeder seine eigenen, nichtplanbaren grossen und kleinen Abenteuer erlebt, braucht es nicht einmal Suplative bezgl. Abenteuer). Da ich 0 Ahnung von Liebesromanen und leider auch noch nie in einem afrikanischen Land war, noch in kurz: Danke, für die Lektüre! Eine wahre Empfehlung, hätte es mir sehr schmackhaft gemacht, but the Money😄🤷🏻‍♂
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Marl Boro
11.02.2024 10:43registriert November 2016
Schöner Bericht! Doch wer nicht selbst in Afrika war, ich meine nicht die organisierte Safaritour, der kann die Hälfte des Berichts nicht nachvollziehen. War vor 35 Jahren in ganz Westafrika unterwegs und nun arbeite und lebe ich seit zwei Jahren in Kamerun. Hier kann man kaum eine Logik erkennen, ausser die, dass man im Moment lebt, unendlich Zeit hat, im Gegensatz zu uns Schweizern, die die Uhren haben und dass WorkLifeBalance kein Thema ist, da dies meist gelebt wird...
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