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Die New York Times sagt, Taylor Swift sei queer und solle sich outen

epa10998608 US singer-songwriter Taylor Swift performs during a concert of her Eras Tour at MetLife Stadium in New Rutherford, New Jersey, USA, 26 May 2023. EPA/SARAH YENESEL
Sie weiss, was und wen sie will. Aber ist ihr Vielerlei vom Mann am Ende etwa nichts als Fassadenkleisterei?Bild: keystone
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Die «New York Times» sagt, Taylor Swift sei queer und solle sich outen. Das ist Quatsch

Taylor Swift ist der erfolgreichste Popstar der Jetztzeit. Souverän in allem – aber weiss sie auch Bescheid über ihre sexuelle Identität? Die «New York Times» bezweifelt es.
10.01.2024, 15:5610.01.2024, 16:48
Simone Meier
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Neulich war ich an einem Konzert von Helene Fischer. Nicht ganz freiwillig, als Begleitperson, aber natürlich war ich neugierig auf das Phänomen und seine Funktionsweise. Und ich muss schon sagen, das Phänomen lieferte drei atemlose Stunden lang ab und ich erschrak, wie viele Hits von Helene Fischer sich bereits in meinem passiven Musikgedächtnis einsortiert hatten.

Einer davon hiess «Regenbogenfarben». Quasi die Schlagerversion unseres Kinderlieds vom «Räääägeboge», ihr wisst schon, «mini Farb und dini, das git zäme zwee», und es war sonnenklar, welchen Regenbogen Helene Fischer da meinte. Sie hielt dann auch noch eine kleine Ansprache für Inklusion, Toleranz und überhaupt Zwischenmenschlichkeit, junge Menschen schwenkten ihre Regenbogenfahnen – und ältere, von denen ich dachte, dass sie bis ans Grab Läderach-Fans bleiben, und dies nicht nur wegen der Schoggi, nickten und sagten: «Jawoll, das finde ich auch ganz wichtig.»

epa06287056 German singer Helene Fischer performs on stage during a concert in Zurich, Switzerland, 24 October 2017. EPA/WALTER BIERI EDITORIAL USE ONLY
Helene Fischer, etwas stachelig, aber einwandfrei inklusiv.Bild: EPA/KEYSTONE

Als überhaupt nicht heterosexueller Mensch fand ich das nice und dachte, dass genau dies die Macht eines Popstars ist, nämlich alle möglichen Menschen in einem Moment geteilter Euphorie friedlich zu vereinen, sie schon fast in eine Umarmung zu zwingen und damit das Verständnis füreinander zu fördern. Keinen Augenblick lange wäre ich auf die Idee gekommen, Helene Fischer für lesbisch zu halten. So, wie es die «New York Times» gerade mit Taylor Swift tut.

«Look What We Made Taylor Swift Do» – Schaut, was wir Taylor Swift zu tun gezwungen haben – heisst der Gastbeitrag vom 4. Januar, der seither für weltweite Entgeisterung bis Empörung sorgt und der eigentliche Grund dafür sein dürfte, wieso Taylor Swift an den Golden Globes so saumässig schlechte Laune hatte.

Taylor Swift on stage for iHeartRadio KIIS FM Wango Tango 2019 - SHOW, Dignity Health Sports Park, formerly StubHub Center, Los Angeles, CA June 1, 2019. Photo By: Adrian Cabrero/Everett Collection Fo ...
Dieses Regenbogenkleid von 2019 versetzte die Autorin der «New York Times» in besondere Alarmbereitschaft.Bild: www.imago-images.de

In einem 30'000 Anschläge oder 5000 Worte langen Text unterstellt die Verfasserin Anna Marks darin Taylor Swift, queer zu sein und das Coming-out aus ihrem goldenen Erfolgskäfig nicht zu wagen, obwohl sie dies der queeren Community doch eigentlich schuldig wäre.

Die Beweise für ihre steile These sieht sie in Dutzenden von Songtexten (Marks muss ein eingefleischter Swiftie sein), in Auftritten, die Swift an für die LGBTQ+-Szene bedeutenden Orten gemacht hat, in regenbogenfarbigen Kostümen, die sie auf der Bühne getragen und in Gesten und Erklärungen, die sie gemacht hat. Und all dies «bewusst oder unbewusst»!

Taylor Swift
Und hier noch ein Regenbogenkleid aus früheren Jahren, OMG, die Signale!Bild: instagram/taylorswift

«Wie Haarnadeln» habe Taylor Swift in all den Jahren ihrer Karriere die Andeutung auf ihre wahre sexuelle Identität fallen lassen, schreibt sie, jetzt sei es endlich Zeit für die grosse Befreiung.

Sie eröffnet ihren Beitrag mit der Geschichte der lesbischen Country-Sängerin Chely Wright (auch Swift kommt ja aus der Country-Ecke), die sich 2006 aus lauter Unglück erschiessen wollte. «Country ist wie das Militär», schrieb Wright später, «frag nichts, sag nichts.»

Das ist natürlich tragisch, doch Marks hätte auch mit der Geschichte der ebenfalls aus der restriktiven Country-Szene stammenden K.D. Lang beginnen können. Sie hatte 1992 während eines Radiointerviews ihr Coming-out und wurde zum ersten offen lesbischen Weltstar. Dusty Springfield hatte sich in den Siebzigern als bisexuell geoutet. Madonna, an der damals noch der Feenstaub der Bisexualität klebte, sagte über Lang: «Elvis lebt und sie ist wunderschön.»

Vanity Fair cover for August shows model Cindy Crawford giving a shave to singer K.D. Lang. (Photo by PA Images via Getty Images)
K.D. Lang (im Coiffeurstuhl) genoss ihr Coming-out in vollen Zügen. Hier 1993 mit Cindy Crawford für die «Vanity Fair».Bild: PA Images

Es gibt schlechte Geschichten. Und es gibt gute. Doch Marks will Taylor Swift, der Frau, die in den letzten Jahren so viele Hindernisse überwunden und ihren Platz in der Musikbranche neu definiert hat, die sich politisch endlich pointiert zu äussern wagt, unbedingt wieder in ein Opferkorsett zwingen. Deshalb flicht sie Swift in ein Gespinst aus schlechten Geschichten ein. Ausgerechnet Swift, die sich seit Jahren lautstark für queere Anliegen einsetzt und der Community mit ihren Konzerten wie Helene Fischer einen Safe Space bereiten will.

Selbstverständlich wissen nur die Menschen, die tatsächlich ihr Bett mit Taylor Swift teilen oder geteilt haben, wie es um ihre sexuelle Orientierung steht. Also aktuell Travis Kelce und in der Vergangenheit etwa Jake Gyllenhaal, Taylor Lautner, Tom Hiddleston, Joe Jonas, Calvin Harris, Harry Styles ... Okay, Frau Marks sieht hinter Swifts Vielerlei vom Mann natürlich einzig eine strategische Fassadenkleisterei.

Taylor Swift attends the Winters Whites Gala in aid of Centrepoint at Kensington Palace, London, United Kingdom. Tuesday, 26th November 2013. Picture by Andrew Parsons / i-Images AndrewxParsonsx/xi-Im ...
The very graceful Ms Swift.Bild: www.imago-images.de

Doch mal angenommen, auf einem fernen, von nonbinären Einhörnern und pansexuellen Eichhörnchen betreuten Planeten wäre Taylor Swift tatsächlich mehr als nur heterosexuell (wieso nehme ich Frau Marks eigentlich gerade ernst?), so käme der Artikel in der «New York Times» einem Zwangs-Outing gleich. Was etwas vom Schlimmsten ist, was man einer Person antun kann, die sich nicht outen will, und was nicht einmal mehr der Krawall-Boulevard macht.

Ein Flirt von Pop und queerer Szene, ein Austausch der Verbundenheitszeichen und «Easter eggs», ein Übersetzen von Songs in Hymnen der Ermächtigung ist seit Jahrzehnten normal. Denn die queere Szene ist nun mal – gerade, was weibliche Superstars betrifft – die treuste und die begeisterungsfähigste und der glitzernde Kern dessen, was Pop ausmacht. Der Kuss von Madonna und Britney Spears, «I Kissed a Girl» von Katy Perry, jedes einzelne Kostüm von Kylie Minogue, Helene Fischers «Regenbogenfarben» sind süsse Verneigungen der Stars an die Community. Aber keine geheimen Hilferufe!

NEW YORK - AUGUST 28: (U.S. TABLOIDS OUT) Singers Britney Spears(L), Madonna, and Christina Aguilera perform onstage during the 2003 MTV Video Music Awards at Radio City Music Hall on August 28, 2003  ...
Erst küsst Madonna Britney, dann Christina Aguilera. Gut 20 Jahre ist das jetzt schon her. Bild: Getty Images North America

Zu sagen: «Ich wünschte mir, Taylor Swift würde auch auf Frauen stehen» ist ebenfalls normal. Zu sagen: «Taylor Swift ist queer und schuldet uns ihr Coming-out, weil sie sonst weiterhin zur Verlogenheit der Welt und zur Unterdrückung queerer Menschen beiträgt» (dies ist kein Zitat aus Marks' Text, sondern eine Zusammenfassung) ist anmassend, dreist und himmelschreiender Quatsch, der einer vertrauenswürdigen Zeitung wie der «New York Times» schlecht ansteht. Und aus.

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79 Kommentare
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Radio Eriwan
10.01.2024 17:01registriert Dezember 2022
Die sexuelle Orientierung ist Privatsache und geht höchstens sexuelle PartnerInnen etwas an.
Es darf und soll jede und jeder lieben, wen er und sie möchte, solange alle alt genug und im Konsens sind.

Jede Aufforderung zu irgendwelchen Coming-outs und Statements ist extrem übergriffig, unerträglich und verabscheuungswürdig.
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Anna Lyse
10.01.2024 16:19registriert Oktober 2019
Ich glaube, das einfachste Argument ist, dass es grundsätzlich aber auch überhaupt gar niemanden angeht, welche sexuelle Neigung jemand anderes hat.

Solange wir noch darüber diskutieren, ob jemand queer oder straight ist, gibt es auch dieses polarisierende wir vs. die anderen Denken. Wir sind alles Menschen, das sollte reichen.
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Triumvir
10.01.2024 16:35registriert Dezember 2014
Die sexuelle Orientierung von Frau Swift geht die Öffentlichkeit rein gar nichts an und spielt auch absolut keine Rolle. Was ich aber bei Frau Swift durchaus begrüssen würde, wäre ein klein wenig umweltfreundlicheres Verhalten im Jahr 2024...Sie soll ja ihren Privatjet ziemlich oft benützt haben im Jahr 2023...Auch die Reichen und Schönen könnten sich um einen kleineren CO2-Fussabdruck bemühen...ihr würde das sicher nicht extrem weh tun...
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