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«The American Meme»

Hier seht ihr Kirill. Er ist der Slutwhisperer. Ein Job wie kein anderer. Bild: Netflix

Netflix zeigt die peinliche Welt mittelalter Famefluencer

Die Doku «The American Meme» von Bert Marcus zeigt erwachsene Menschen, die ein Leben lang 21 sind. Weil Ruhm und Fans das so wollen.



Paris Hilton stellt sich oft den Tod vor. Sie hat dabei die totale Panik. Nicht, weil sie Angst vor dem Sterben hat, sondern vor dem Jenseits. Dem Danach. «Ich habe Angst, dass da einfach nichts ist. Das wäre mehr als langweilig.» Paris Hilton sagt, sie leide unter FOMO (Fear of missing out), der Angst, was zu verpassen. Einerseits.

Andererseits hat sie das Gefühl, «seit bald zwei Jahrzehnten 21 sein zu müssen». Dabei ist sie 37, eine erfahrene Unternehmerin, die mit ihren Parfums, Hundekleidern und vielen anderen Produkten mehrere Milliarden umsetzt und sich ein kleineres Vermögen von 300 Millionen Dollar erarbeitet hat, obwohl doch noch ein grösseres Erbe auf sie wartet.

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Okay, das ist Paris Hilton heute. Bild: via instagram/parishilton

Paris Hilton ist alles andere als passé, die Idee, dass sie das mittlerweile vielleicht ein bisschen sein könnte, rührt wohl daher, dass sie noch immer die gleichen sexy Plastikbilder von sich in die Welt setzt wie mit 21. Als sie an der Spitze einer neuen Bewegung stand, ja diese gar begründete: die der «Celebrity» nämlich, des Menschen, der in erster Linie fürs Berühmtsein berühmt ist.

Geschickt machte sie sich zur Marke, verknüpfte diese mit andern, mit Namen von Luxusgütern vor allem, liess sich weltweit gegen viel Geld auf der ganzen Welt zu Partys einladen (ja, auch nach Zürich ins St. Germain zu Carli Hirschmann, wir erinnern uns), jobbt bis heute als DJ, auf Ibiza, gerne auch auf Kindergeburtstagen der Superreichen, eine Million Dollar pro Set ist keine Seltenheit.

Eine ihrer Praktikantinnen, die ganz genau schaute, wie man das macht, war – wait for it– Kim Kardashian natürlich! Paris Hilton ist also schuld an allem.

«Fame is not enough» ist das Motto ihres 9,9 Millionen Follower schweren Instagram-Accounts. Doch, ist es irgendwie schon. Wenn da nicht diese irre innere Leere wäre. Diese Angst vor dem Nichts nach dem Tod. Zum Glück sind da die Fans, die «Little Hiltons»: «Viele der Little Hiltons vergleichen mich mit Jesus», sagt sie, und: «Ich fühle mich meinen Fans näher als den meisten Menschen, die ich kenne.»

Paris Hilton, left, and Nicole Richie pose with Tinkerbelle in this undated publicity photo. The friends star in Fox's new reality series

Und das ist sie vor über 15 Jahren mit Nicole Richie in der Reality-Serie «The Simple Life». Unterschied? Fast keiner. Bild: AP FOX

Paris Hilton hat geschafft, wovor die andern Protagonisten der latent beelendenden Netflix-Doku «The American Meme» Schiss haben: Sie zögert ihren Celebrity Death hinaus und hinaus.

Brittany Furlan etwa kam durch das Videoportal Vine zu Fame, doch als Vine eingestellt wurde, stand sie vor dem Nichts, sah sich gezwungen, wieder ganz normal als Schauspielerin zu krüppeln, wurde logischerweise nicht ernst genommen. Bis sie auf ihren grössten Fan aus Vine-Zeiten stiess, den zwanzig Jahre älteren Tommy Lee, die beiden verliebten sich glücklich, und wenn sie sich nicht getrennt haben, sind sie immer noch zusammen und beglücken Furlans 2,4 Millionen Instagram-Fans mit John-und-Yoko-Imitationen. 

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Hier sehen wir Brittany Furlan und Tommy Lee.  Bild: via instagram/brittanyfurlan

ZUM 85 GEBURTSTAG VON YOKO ONO AM 18. FEBRUAR 2018, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG – This photo supplied by the Magazine Publishers Association and American Society of Magazine Editors shows the Rolling Stone magazine cover from Jan. 22, 1981, depicting John Lennon and Yoko Ono, which was voted the number one cover from the last 40 years, as decided by judges in a contest by the American Society of Magazine Editors, the group announced Monday, Oct. 17, 2005. The photo was taken by photographer Annie Liebovitz in December 1980 on the last day of Lennon's life. (KEYSTONE/AP Photo/Magazine Publishers Assn and American Society of Magazine Editors)

Und hier Yoko Ono und John Lennon auf dem «Rolling Stone»-Cover vom 22. Januar 1981.  Bild: AP MAGAZINE PUBLISHERS ASSN AND

Ein junges Paar – sie 19, er 21, seit zehn Monaten zusammen – lässt sich «Slutwhisperer» auf die Hinterbacken tätowieren. Slutwhisperer ist der Künstlername von Kirill Bichutsky, der seine Nächte damit verbringt, an Partys ziemlich nackte Mädchen mit Champagner zu bespritzen und zu fotografieren. Mit diesen «Champagne Facials» ist er sehr, sehr, sehr berühmt und recht reich geworden. In welchem Entwicklungsstadium befindet sich der privat ganz sympathische und reflektierte 34-Jährige eigentlich?

Kirill findet oft ein Mädchen, das mit ihm schläft, aber keines, das ihn liebt. Ooooohhhh.

Dabei würde er soooo gern mal eine Auszeit machen, reisen, wie ihm seine Mutter das rät, aber halt nur mit einer Freundin, nicht allein. Er ist schon jetzt ganz in der Leere angekommen, manchmal würde er sich gerne umbringen, aber dann sagen seine Fans: «Erst musst du mit uns feiern und uns ein paar Bilder mit dir schiessen lassen.» Im Gegensatz zu Paris Hilton hasst und verachtet er seine Fans.

DJ Khaled, left, Nicole Tuck, right, and their son Asahd and arrive at the MTV Video Music Awards at Radio City Music Hall on Monday, Aug. 20, 2018, in New York. (Photo by Evan Agostini/Invision/AP)

DJ Khaled mit Frau und vermarktbarem Sohn. Bild: Evan Agostini/Invision/AP/Invision

Der weit robustere und auch schon etwas ältere DJ Khaled (43) hat beschlossen, restlos alles in seinem Leben zu Geld zu machen, auch seinen Sohn Ashad. Der ist zwei Jahre alt, hat auf Instagram auch schon seine 1,9 Millionen Follower und eine eigene Minischuhlinie bei Jordan. Läuft.

Josh «The Fat Jewish» Ostrowsky (10,5 Millionen Insta-Follower, 36) – und hier stellt sich ganz fest die Frage, wieso eigentlich alle Influencerinnen das Gefühl haben, wie Barbie aussehen zu müssen, während ihre Kollegen keinerlei Beautybedenken haben – kann die Ausmasse des Hiltonschen Fame echt nicht fassen, er bricht fast zusammen vor Verehrung.

«The American Meme»

Paris und Josh haben eine Idee und Spass. Schön. Bild: Netflix

Er und Paris haben eine lustige Idee: Sie setzen eine fiktive Modelinie für Baby-DJs ins Internet, natürlich ist's ein Hit. Josh hat auch schon den «White Girl Rosé» erfunden, als in den Hamptons mal ein akuter Rosé-Mangel herrschte. Das Getränk wurde umgehend zum meisterkauften Rosé in Amerika.

Überhaupt scheint Ironie die letzte Abzweigung zu sein, die man in der Welt der Famefluencer nehmen kann, bevor man unweigerlich von der Leere eingeholt wird.

Aber wahrscheinlich ist Ironie auch nur ein rhetorisch etwas raffinierterer Rechtfertigungsversuch für den brutalen Mist, mit dem die mittelalten Influencer ihre Fans finden und den diese potenziert von ihnen einfordern. Kirill jedenfalls ist sich sicher, dass beide Seiten einander bebullshitten.

Die Abnutzungserscheinungen an Paris Hiltons sensibler Seele sind offenbar gross: Sie entwickelt jetzt einen Avatar, der für ihre Online-Community online Partys schmeissen und Musik auflegen kann. Es wird ihre Fantasy-Welt, die sie von ihrem Sofa aus moderieren will. Na, wenn das bloss nicht langweilig wird.

«The American Meme» läuft jetzt auf Netflix.

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