Vergiss das Duckface, die Gen Z posiert anders
Sie lächelt nicht, sie wirkt nicht besonders verführerisch – eigentlich sieht es fast so aus, als würde sie ein bisschen schmollen. Und trotzdem ist sie überall.
Willkommen im Zeitalter des «Gen-Z-Pout» – oder, wie man fast sagen möchte, der «Pout-Ära»: dieser minimalistischen Schmollmimik, die von der Generation Z übernommen wurde, sowohl auf TikTok als auch auf roten Teppichen zu sehen ist und von Stars wie Lily-Rose Depp oder Billie Eilish verkörpert wird.
@shannonthebaby OG natural lip pout girls were babymeia and diana silvers tho S/O
♬ original sound - Shannon Zhao
Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handle sich einfach um Ausdruckslosigkeit – ein «keine Lust», vielleicht sogar chronische Müdigkeit der weniger Glücklichen. Aber nein: Es ist eine bewusst inszenierte Pose. Und vor allem: extrem generationstypisch.
Tschüss, Duckface
Flashback: Ende der 2000er, Anfang der 2010er. Das Duckface herrscht ohne Konkurrenz – mit übertrieben geschürzten Lippen, betontem Blick (oder geschlossenen Augen in der betrunkenen Version) und einer demonstrativ selbstbewussten Attitüde. Für die Mutigsten gibts noch ein kleines Peace-Zeichen mit der Hand dazu.
Eine Pose, die nicht unbedingt besonders ästhetisch ist – «Duckface», «Schnabelmund» hätte genauso gepasst. Immerhin ist es eine lebendige Pose.
Dann kommt die Generation Z, die ihre Älteren mit leichtem Unbehagen anschaut, für die alles irgendwie «cringe» ist – und die beschliesst, einfach genau das Gegenteil zu machen.
Der «Gen-Z-Pout» ist damit das genaue Gegenteil des Duckface. Die Unterlippe leicht eingezogen, die Oberlippe betont, der Blick fast leer, das Gesicht neutral. Ein Hauch von Kuhblick – um im tierischen Vokabular zu bleiben. Das Ziel dieser Leere? Den Eindruck zu vermitteln, das Foto sei «ganz nebenbei» entstanden. Nur ist natürlich alles inszeniert – und alles andere als spontan.
@misstiffanyma you girls keep me young, ilysm #lipflip #genz #lippout ♬ original sound - Tiffany Ma
Wie es die New York Times zusammenfasst, geht es darum, so zu wirken, als würde man «sich nicht allzu sehr anstrengen» – in einer Ästhetik der perfekt kalkulierten Lässigkeit. Anders gesagt: so tun, als würde man es nicht versuchen … während man sich in Wahrheit ziemlich anstrengt.
Ein Schmollmund, aber vor allem eine Attitüde
Das Faszinierende am «Gen-Z-Pout» ist weniger der Look als das, was er aussagt. Man geht von einer lauten Generation, die gesehen und gehört werden wollte (hallo Millennials), zu einer Generation über, die so wirken will, als wäre ihr alles egal. Oder zumindest: als wäre es ihr mit Stil egal – obwohl es ihr eigentlich überhaupt nicht egal ist.
Diese Mimik ist Teil eines grösseren Trends: eine minimalistische Ästhetik, permanente Ironie, die Ablehnung von «too much». Selfies werden weniger fröhlich, stärker kontrolliert, fast schon kühl.
Manche sprechen sogar von einer «dissoziativen Schmollmiene» – als würde die Person in die Kamera schauen und dabei über den Zustand der Welt nachdenken.
Die bis ins Detail durchdachte Lässigkeit
Aber genau hier wird es fast schon lustig. Denn hinter dieser scheinbaren Einfachheit steckt eine echte Technik. Auf TikTok wimmelt es von Tutorials, die erklären, wie man diesen kontrolliert-verpeilten Blick hinbekommt – über einem ganz leicht geschürzten Mund. Ja, es gibt Tutorials dafür, so auszusehen, als würde man sich keine Mühe geben.
@kristinarodulfo Gen Z pout, nihilism, thinking “trying” is uncool, and how millennial cringe-shaming really just emotional suppression. Anyway, some of you weren’t theater kids in school and it shows! 👀 FEEL your feelings! Stop using AI to draft texts and emails. Earnestly tell someone what they mean to you! Ok that’s all 💜💜💜
♬ original sound - Kristina Rodulfo
Und genau das ist vielleicht der Kern der Sache. Der «Gen-Z-Pout» ist die Illusion von Natürlichkeit, ein «woke up like this» – aber in der Version: Ich posiere und tue so, als würde ich nicht merken, dass ich fotografiert werde, obwohl wir 17 Fotos gemacht haben, um das beste auszuwählen, das dann in der Story landet und nicht im Post – weil es sonst peinlich wäre.
Natürlich ist die Debatte eröffnet. Auf der einen Seite die Millennials, die ihr Duckface selbstbewusst durchziehen – lebender Beweis dafür, dass Peinlichkeit nicht tödlich ist. Auf der anderen Seite die Gen Z, die eine fast schon desillusionierte Ästhetik pflegt und ihr Image mit militärischer Präzision kontrolliert.
Manche Millennials bekennen sich sogar offen zum Duckface – als Symbol für Spass, im Gegensatz zu einem Trend, den sie als etwas fake empfinden. Übersetzt: Früher hat man absichtlich posiert. Heute posiert man absichtlich so, als würde man nicht absichtlich posieren. Und dieser Wandel sagt vermutlich mehr aus, als man denkt.
